Der Tod ist ein Meister aus Wien
Leben und Taten des Amon Leopold Göth. Die Geschichte des KZ-Kommandanten aus

von Johannes Sachslehner

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Styria
Erscheinungsdatum: 01.03.2008

Rezension aus FALTER 29/2008

Meister Mony aus Wien

Er nannte sich "König von Plaszow" und tötete aus Leidenschaft. Eine Biografie beschreibt erstmals das Leben des KZ-Kommandanten Amon Göth.

Eine im Guten wie im Schlechten typisch österreichische Karriere: Von der heimischen Geschichtsschreibung noch immer ausgeblendet, durch den Film "Schindlers Liste" zu internationalem Ruf gekommen, sieht man den Mann vielleicht noch vor sich. Hoch gewachsen, halbnackt, den Bauch vorgestreckt, in der linken Hand eine Zigarette, in der rechten ein Sturmgewehr, steht er auf dem Balkon, zwei Riesendoggen neben sich. 500 Tage herrscht Amon Leopold Göth als "König von Plaszow" über das Konzentrationslager bei Krakau, ist Herr über Leben und Tod von zehntausenden jüdischen Gefangenen, jederzeit bereit, sie "abzuknallen" und "umzulegen", die Bluthunde Alf und Ralf auf sie zu hetzen, Massenerschießungen anzuordnen und sich an jüdischem Eigentum zu bereichern. Es ist jener Göth, dem Oskar Schindler die 1200 Häftlinge für seine Fabrik abkauft und den 1946 ein polnisches Gericht zum Tod durch den Galgen verurteilt. Eine jüngst erschienene Biografie des Historikers Johannes Sachslehner beschreibt nun den rasanten Aufstieg und die Grausamkeit des Wiener Kleinbürgerkindes, das es in der Nazi- Hierarchie weit nach oben schaffte. Göth wird am 11. Dezember 1908 in Wien geboren. "Mony", wie er von seiner Kleinbürgerfamilie liebevoll genannt wird, ist Schulabbrecher und zeigt schon früh Züge von expliziter Grausamkeit. Der Nationalsozialismus fasziniert ihn von Jugendtagen an. Als 17-Jähriger schließt er sich der "Vereinigung der nationalsozialistischen deutschen Arbeiterjugend Deutsch-Österreichs" an. Am 13. Mai 1931 tritt er der Ortsgruppe Mariahilf der NSDAP bei und erhält die Mitgliedsnummer 510.764. Als politischer Leiter und SAMann nimmt er an mehreren Sprengstoffanschlägen in Niederösterreich teil, 1933 wird er zum SS-Scharführer befördert, flieht wegen des Verbots der NSDAP nach München, von wo aus er als Kurier, Schmuggler und Verschwörer weiter für die Nazis tätig ist. Nach der Okkupation Österreichs sieht Göth seine Stunde gekommen. Er kehrt nach Wien zurück, arbeitet im Verlag seines Vaters, heiratet und rückt 1940 zu einem Sonderkommando des Reichsführer-SS in das neugegründete "Generalgouvernement Polen" ein. Er macht von da an eine typische NS-Karriere. Vom Verwaltungsführer in Kattowitz steigt er in kürzester Zeit zum Lagerchef von Plaszow auf. "Mony bringt die besten Voraussetzungen für eine steile, erfolgreiche Karriere in der SS mit", schreibt Sachslehner, "er verkörpert den Typus des jungen, intelligenten, sportlichen ,Machers', er ist ehrgeizig bis zur Selbstaufgabe, aggressiv und skrupellos, wenn es um die Erreichung eines Ziels geht, bereit, die alte Welt zu zerstören, um eine neue zu errichten. Er fühlt sich als ,Revolutionär' und Auserwählter vor der Geschichte. Er ist bereit zu töten. Nicht weil er die Juden, Polen oder ,Zigeuner' so abgrundtief hasst, sondern weil das Töten in der Welt der SS-Männer-Elite an sich zu einem neuen Wert geworden ist: Wer nicht hart genug ist, um zu töten, kann im Kreis der Kameraden keine Führungsaufgaben übernehmen. Mony zeigt es allen: Auch ein Wiener Gentleman hat diese Härte, ja er übertrumpft alle!" Als Motto seiner Schreckensherrschaft hat er sich den Spruch ausgedacht: "Wer zuerst schießt, hat mehr vom Leben." Immer trägt er drei Pistolen und eine Peitsche bei sich. Sachslehners Buch reiht sich in jene Täterbiografien ein, die eine entscheidende Rolle für das tiefere Verständnis des Nationalsozialismus spielen, nachdem sich die Zeitgeschichtler lange den Massenmord durch Theorie vom Leibe gehalten hatten. Das heute als Standardwerk geltende Buch "Der Mord an den europäischen Juden" von Raul Hilberg fand etwa zwei Jahrzehnte lang keinen Verleger. Die systematische Erforschung von Taten, Tätern und Tatorten begann erst danach, in den 90er-Jahren. Johannes Sachslehner gelingt das packende Porträt eines Mannes, der als Inbegriff des "Nazi- Bösen" ebenso dargestellt wird wie das System, das es ermöglichte.

Veronika Seyr in FALTER 29/2008 vom 18.07.2008 (S. 18)


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