Waldheimat
Erinnerungen aus der Jugendzeit Ausgewählte Werke in Einzelbänden, Band 1

von Peter Rosegger, Daniela Strigl, Karl Wagner

€ 25,00
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Verlag: Styria Verlag in Verlagsgruppe Styria GmbH & Co. KG
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Hauptwerk vor 1945
Umfang: 480 Seiten
Erscheinungsdatum: 28.05.2018

Rezension aus FALTER 25/2018

„Die Heimat ist der Basso continuo“

Vor 100 Jahren starb Peter Rosegger. Was hat uns der Dichter heute noch zu sagen?

Peter Rosegger (1843–1918) zählt zu jenen Figuren der österreichischen Literatur, über die die Meinungen extrem weit auseinandergehen: Von den einen wird er als ewiger Waldbauernbub verniedlicht und zum Bewahrer eines ungebrochenen Heimatbegriffs stilisiert, von den anderen als anachronistisches Relikt und Reaktionär verdammt. Einst fixer Bestandteil eines sich auch in Lesebüchern manifestierenden Kanons ist Rosegger heute zu einer Angelegenheit von Liebhabern und Germanisten geworden.
Dass man seine Literatur nun aus Anlass seines 100. Todestages wieder lesen kann, ist das Verdienst von Daniela Strigl und Karl Wagner. Die frisch habilitierte Germanistin und Literaturkritikerin und der mittlerweile emeritierte Literaturwissenschaftler, der zuletzt als Professor am Deutschen Seminar der Universität Zürich tätig war, haben eine Kompilation der ­„Greatest Hits“ zusammengestellt, die nun in zwei Schüben im Styria Verlag erscheint. Die ersten beiden Bände, „Waldheimat“ und „Jakob der Letzte“, sind dieser Tage erschienen, die zwei weiteren, „Die Schriften des Waldschulmeisters“ und „Erdsegen“, folgen im Herbst. Zurückhaltend, aber einlässlich und klug mit Fußnoten, Nachworten und Texten von Roseggers Zeitgenossen (etwa Anton Kuh und Stefan Zweig) versehen, bietet diese auch (typo-)grafisch geglückte Leseausgabe (Gestaltung: Emanuel Mauthe und Ivonne Stark; Beratung: Judith Schalansky) eine gute Grundlage, diesen österreichischen Erfolgsautor neu oder überhaupt zum ersten Mal zu lesen.

Falter: Frau Strigl, Sie sind offenbar so etwas wie die Raumpflegerin der österreichischen Literatur, die alle entstauben muss: nach Ebner-Eschenbach nun Peter Rosegger.
Daniela Strigl: Schön langsam komm ich mir auch so vor. Aber man ist natürlich die Magd der Jubiläen und muss die 100. Todestage so nehmen, wie sie fallen. Die beiden sind allerdings tatsächlich verwandte Geister und haben auch wiederholt versucht, sich in Wien zu treffen. Leider hat Rosegger die Hausnummer nicht gefunden – ein klassischer Fall von „Bauernbub in der Stadt“.

Bei wem von den beiden tut man sich schwerer, sie bzw. ihn wiederzuentdecken oder in einem neuen Licht zu zeigen?
Strigl: Ich glaube bei Rosegger, weil die Öffentlichkeit mit Zwiespältigkeit sehr schlecht umgehen kann: Sie hat’s doch ­gerne „gut“ oder „böse“. 90 Prozent von ­Rosegger kann man auch heute noch akzeptieren, ohne ein Auge zudrücken zu müssen, aber es gibt eben einen dunklen Rest, was damit zu tun hat, dass er kein ganz so aufrechter Charakter war wie die Ebner-Eschenbach. Bei der kommt natürlich noch hinzu, dass sie eine Frau ist, und Frauenentstauben ist immer leichter, weil jeder findet, dass das längst schon hätte passieren müssen.

Worin liegt Roseggers Schattenseite?
Strigl: In seiner Entwicklung vom Liberalen über den Konservativen zum Reaktionär. Für die deutschsprachigen „Grenzlandschulen“ in der Untersteiermark, einem Teil des heutigen Sloweniens, hat er sich engagiert, weil er diese als Bastion gegen das Slawentum sah. Das hat ihn wahrscheinlich den Nobelpreis gekostet, weil ihm die Tschechen das übelgenommen und in Stockholm gegen ihn opponiert haben.

Mit anderen Worten: Rosegger war ein Opportunist?
Strigl: Das wird man nicht ganz abstreiten können. Er war ursprünglich in der Friedensgesellschaft von Bertha von Suttner, hat sich aber umso weiter vom Pazifismus entfernt, je brenzliger die Lage wurde. Gegen den Antisemitismus hat er öffentlich Stellung genommen, ja er ist in seinem Werk nachgerade als Judenfreund aufgetreten. Er hat aber ausgerechnet die entsprechenden Texte nicht in die Ausgabe letzter Hand aufgenommen, weil er wusste, dass ein Gutteil seiner Leserschaft, vor allem auf dem deutschen Markt, deutschnational war. Und dass er gemeinsam mit dem „Slawenfresser“ Ottokar Kernstock 1916 den „Steirischen Waffensegen“ herausgegeben hat, ist auch alles andere als ein Ruhmesblatt.

Rosegger gilt als „Heimatdichter“, aber ist der Begriff auf ihn wirklich so ohne weiteres anwendbar?
Karl Wagner: Das Label klebt an ihm wie der berüchtigte Hundedreck und daran ist er nicht ganz unschuldig. An der Heimatkunstbewegung um 1900, die man als eine Internationale des Zivilisationswehs verstehen kann, hatte er eine teils gebrochene, teils gesuchte Teilhabe, weil es immerhin auch um Marktanteile ging. Im Unterschied zu den meisten Proponenten dieser Strömung war er freilich kein Sozialistenfresser, worauf auch der Umstand hinweist, dass ihm die Arbeiter in der Gegend von Graz regelrecht gehuldigt haben.
Strigl: Von den Zeitgenossen wurde das Label „Heimatliteratur“ ja keineswegs abgelehnt, und Rosegger hätte sich vermutlich dazu bekannt. Die Heimat ist bei ihm einfach der Basso continuo, aber das hat nichts mit dem aggressiv-ausschließenden Heimatbegriff der Blut-und-Boden-Dichter zu tun.

„Heimat“ ist aber immer ein Post-festum-Phänomen, oder?
Wagner: „Wer nicht fortkommt, kommt nicht heim“ heißt es sinngemäß 1846 bei Berthold Auerbach, einem heute vollkommen vergessenen jüdischen Dichter, der seinerzeit aber mit der Dorfgeschichte ein europäisches Paradigma geschaffen hatte. Für Auerbach stand Rosegger, dem er auch gratuliert hat, „für dieselbe Sache“. Allerdings trägt dessen allererster Roman den Titel „In der Einöde“, und es bedarf einiger Anstrengung, um die „Einöde“ in eine „Waldheimat“ zu transformieren.
Strigl: Aber sogar die Heimatideologie kann rebellische Momente speichern, wie das Wilderermotiv belegt, das sowohl bei Rosegger als auch bei Ebner-Eschenbach eine große Rolle spielt. Der Wald und das Wild sind eben für alle Menschen und nicht nur für die Reichen da, und wenn jemand wildert, ist ganz klar, dass er seine bürgerliche Ehre nicht verliert, bloß weil er dafür eingesperrt wird.
In den Vorworten zu den verschiedenen Ausgaben der „Waldheimat“, die in Ihrer Ausgabe abgedruckt sind, kann man eine zusehende Verklärung feststellen.
Wagner: Genau. Und als die Waldheimat an seinen zukünftigen Schwiegervater verkauft wird, schwärmt Rosegger davon, dass dort die Rehe und Hasen grasen werden und der ewige Frieden des obersteirischen Waldes herrscht. Das gleiche Szenario liefert ihm die Antriebsenergie für seine Polemik in „Jakob der Letzte“, wo die Güter der verarmten Bauern in Jagdgebiete für den Adel und das Großbürgertum verwandelt werden.

Muss eine Leseausgabe eigentlich vier Bände haben?
Strigl: Natürlich nicht, aber Karl Wagner meinte: Wenn die Ebner-Eschenbach vier hat, kann der Rosegger nicht fünf kriegen. Man muss sich allerdings vor Augen halten, dass die Ausgabe letzter Hand 40 Bände umfasst. Wir bringen also lediglich ein Zehntel davon. Man hätte auch sechs oder sieben gute Bände edieren können, wir haben aber entschieden, keine Gedichte aufzunehmen. Es gibt schon ein paar gute, aber wegen denen muss man Rosegger nicht wieder lesen.

Bedeutet Rosegger wiederzuentdecken, dass man ihn sowohl gegen seine Feinde als auch gegen seine Liebhaber verteidigt?
Wagner: Unbedingt. Wobei sich sowohl Lob als auch Kritik vielfach gar nicht erst die Mühe machen, auf irgendeinen Text einzugehen: Es gibt nur Meinung. Roseggers Biografie ist ja genau das, was man heute ein „Narrativ“ nennt. Die kann sich nun wirklich jeder merken, Literatur braucht’s dazu keine. Und das war auch unser Motiv: Das Jubiläum als Chance zu nutzen, um überhaupt einmal Texte, die weder verzuckert noch verwässert sind, als Grundlage für eine Debatte zur Verfügung zu stellen.
Strigl: Wobei es dem Land Steiermark nicht aufgefallen wäre, dass sie einen Landesdichter feiern, aber gar keinen Text haben. Die seriösen Ausgaben sind ja alle längst vergriffen.

Dass Rosegger aus dem Kanon gekippt ist, hat aber auch mit dem Niedergang der Lesebuchkultur zu tun, oder?
Wagner: Ganz sicher. Man kann sagen: Zuerst ist Rosegger aus den Lesebüchern verschwunden, dann sind die Lesebücher verschwunden und dann ist die Literatur aus dem Deutschunterricht verschwunden.

Von Rosegger einmal abgesehen, kann man sich dem Begriff „Heimat“ wieder etwas unbefangener nähern?
Strigl: Das Problem ist, dass die Rechten den Begriff gepachtet zu haben scheinen. Dass jemand das infrage stellt, so wie das zuletzt, wenn auch augenzwinkernd, beim Life Ball passiert ist, bleibt eine Ausnahme. Auch der politisch dezidiert linke Jude Theodor Kramer hat gemeint, er sei zwar gewiss ein Asphalt-, ein „Fress- und Saufdichter“, aber eben auch ein Heimatdichter. Bei Rosegger muss man halt immer „einerseits – andererseits“ sagen. Mittlerweile gibt es ja schon wieder Fans, die aus dem rechtsnationalen Lager kommen. Irgendein FPler hat erst unlängst „Jakob der Letzte“ als „heimattreue“ Lektüre empfohlen. Tatsächlich ist der Roman zwar keine rückwärtsgewandte Utopie, aber ein Beispiel für den verzweifelten Versuch, die Dämme zu befestigen, welche die hereinbrechenden Fluten der Moderne abhalten sollen.
Wagner: In Wirklichkeit war Rosegger eher neurasthenisch als sonst was, und das Bild der in sich ruhenden Schlichtheit ist eine Wunschvorstellung, die sich der realen Zerrissenheit verdankt.
Strigl: Dabei ist er auf seinen Lesereisen nicht viel weniger in der Welt herumgekommen als Stefan Zweig. Nur hat Zweig als Kosmopolit gegolten und Rosegger als erdverwurzelter Landmensch, obwohl er selbst der von ihm verklärten Scholle ja den Rücken gekehrt hat.

„Heimat“ ist ein schillernder Begriff, der keineswegs deckungsgleich ist mit „Volk“ oder „Nation“.
Wagner: Zu Roseggers Zeiten gab es auf jeden Fall eher ein Landesbewusstsein als einen Staatspatriotismus: Man war zuerst Steirer und erst dann Österreicher.

Verhält sich das nicht noch immer so?
Wagner: Das könnte schon sein. Das Bedürfnis nach überschaubaren Räumen, das mit dem Begriff „Heimat“ verbunden ist, verdankt sich ja auch dem Umstand, dass man das, was sich auf nationaler oder gar übernationaler Ebene abspielt, gar nicht mehr durchschaut. Das als Neutrum gebräuchliche Wort „Heimat“ war ursprünglich übrigens die Bezeichnung für Haus und Hof, und das „Abhausen“ des väterlichen Hofes hat Rosegger ganz sicher als Heimatverlust erlebt. Wenn man an Freud denkt, wird’s noch einmal kleinräumiger, denn laut ihm ist der Uterus unsere Urheimat.

Bei Freud hängt das Unheimliche unmittelbar mit dem „Heimlichen“, also dem Vertrauten, zusammen.
Wagner: Dieses Paradox lässt sich auch literarisch festmachen. In den englischen Romanen des 19. Jahrhunderts findet sich die Mordwaffe auf einmal in der Bibliothek und die geordnete bildungsbürgerliche Welt wird zum Schauplatz des Verbrechens. In Roseggers Geschichte „Fremd gemacht!“ kehrt die längst vergangene Entlassung durch den Schneidermeister – „du bist fremd gemacht“ – als Albtraum immer wieder. Bis er endlich aufwacht und auf seine Bibliothek mit dem göttlichen Homer, mit Shakespeare und Goethe blickt: Die ganze Beruhigungsbatterie aus dem Bücherschrank ist versammelt, um das Gespenst der Vergangenheit zu vertreiben.

Wobei die „Odyssee“ bekanntlich nicht in der Obersteiermark spielt.
Wagner: Ja, aber auch der Sektionschef Tuzzi im „Mann ohne Eigenschaften“ liest Homer, die Bibel und Rosegger, um die Zersplitterung der Zeit zu bewältigen. Deswegen ist Naivität, positiv verstanden, auch eine Wunschkategorie der Moderne.

Frau Strigl, Sie stammen praktisch aus dem gleichen Holzschlag wie Rosegger, sind quasi mit ihm aufgewachsen?
Strigl: Ich nicht, aber meine Mutter. Peter Rosegger hat seine berühmte „Christtagsfreude“ im Haus meiner Großeltern geholt. Er geht in die Kirche von Langenwang und tritt dort den Blasebalg für die Orgel. Gleich daneben liegt unser Haus, in dem es schon sehr lange eine Gemischtwarenhandlung gab, zu Roseggers Zeiten eben den Kaufmann Doppelreiter. Diese Geschichte
aus der „Waldheimat“ habe ich schon aus lokalpatriotischen Gründen immer sehr gerne gelesen.

Klaus Nüchtern in FALTER 25/2018 vom 22.06.2018 (S. 32)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Jakob der Letzte (Peter Rosegger, Daniela Strigl, Karl Wagner)

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