Die Untoten von Neuberg
Auf Elfriede Jelineks Spuren durch die Obersteiermark. Mit einem Originalbeitrag von Elfriede Jelinek

von Andreas Peternell, Claus Philipp, Ditz Fejer

€ 25,00
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Verlag: Styria Verlag in Verlagsgruppe Styria GmbH & Co. KG
Format: Taschenbuch
Genre: Sachbücher/Kunst, Literatur
Umfang: 312 Seiten
Erscheinungsdatum: 15.03.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Jelineks unheimliche Waldheimat

Das Große Naturtheater von Neuberg an der Mürz: der Film „Die Kinder der Toten“ und wie es dazu kam

Weil sie in Mürzzuschlag geboren ist, wird Elfriede Jelinek fälschlicherweise oft für eine Steirerin gehalten. Tatsächlich ist die Schriftstellerin natürlich Wienerin; sie hat allerdings die Sommer ihrer Kindheit und Jugend in der Obersteiermark verbracht, in einem Nest namens Krampen, wo ihr Großvater ein Haus hatte. Das Dorf, das zum Gemeindegebiet von Neuberg an der Mürz gehört, ist tiefste Provinz. Als „das Ende der Welt“ hat Jelinek die landschaftlich reizvolle, waldreiche und gebirgige, aber auch düstere und ärmliche Gegend in Erinnerung.

Besucht hat Jelinek ihre zweite Heimat schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Steiermark aber hat sie nicht mehr losgelassen; die meisten ihrer Romane sind hier angesiedelt, auch „Die Kinder der Toten“. In dem 1995 erschienenen Hauptwerk entwirft Jelinek ein obersteirisches Horrorszenario, in dem Touristen und Einheimische ums Leben kommen, dann aber als Untote weiterleben. „Sie sind alle tot, wissen es aber nicht“, erklärt die Autorin. Albtraumhaft durchleben sie wieder und wieder ihre Tode, sie treffen auf Doppelgänger oder werden zu Mördern, während nach und nach auch die verdrängten Toten der Geschichte – die Opfer des Holocaust – aus der Versenkung auftauchen. Am Ende vergräbt eine gigantische Mure alle unter sich.

New York goes Mürztal

Im Herbst 2017 waren im Mürztal wieder die Untoten unterwegs. Bleich und blutig geschminkte Gestalten taumelten durch Gasthäuser und Supermärkte oder paradierten nächtens durch die Straßen. Im Auftrag des Festivals Steirischer Herbst haben Kelly Copper und Pavol Liska von der New Yorker Avantgardetheatergruppe Nature Theater of Oklahoma den Roman verfilmt, mehr oder weniger an den Originalschauplätzen in Neuberg und Umgebung; die 80 Laiendarstellerinnen und -darsteller wurden bei Castings in der Region engagiert.

Für die Landpartie haben sich die Regisseure passend adjustiert. Pavol Liska trägt einen Steirerhut, Kelly Copper hat sich ein Dirndl gekauft. Die Kostümierung machte aber erst recht deutlich, dass sie Fremdkörper sind. „Wir fühlen uns wie Aliens, die von einem anderen Planeten kommen“, sagte Liska bei Drehstart in einem Interview. „Und wir studieren diese Gegend so, wie Aliens das tun würden: mit Neugier und Faszination.“

Das Nature Theater of Oklahoma ist bekannt für aberwitzig konzipierte und enorm smart realisierte Theaterprojekte wie die teilweise in Zusammenarbeit mit dem Burgtheater produzierte Performance-Serie „Life and Times“, in der die Lebensgeschichte einer jungen Frau in verschiedenen szenischen Formaten – Oper, Tanzperformance, Musical, Kriminalstück – auf die Bühne gebracht wurde. Die auf zehn Teile angelegte Serie blieb allerdings unvollendet; aus Kostengründen wurden die letzten Episoden als Videofilme realisiert.

Überhaupt haben Copper und Liska sich zuletzt verstärkt dem Film zugewandt; unter anderem drehten die beiden 2014 in Deutschland mit Laien einen „Nibelungen“-Film. Dieser brachte die damalige Intendantin Veronica Kaup-Hasler – inzwischen Wiener Kulturstadträtin – auf die Idee, die Oklahomas für den letzten von ihr verantworteten Steirischen Herbst mit einem Filmprojekt zu beauftragen. Auf der Suche nach einem dafür geeigneten Stoff kam dann „Die Kinder der Toten“ ins Spiel.

Seinen Namen hat das Nature Theater of Oklahoma aus Franz Kafkas Roman „Der Verschollene“ (vulgo „Amerika“) übernommen, in dem sich der Held am Ende dem „Großen Naturtheater von Oklahoma“ anschließt – einem Theater, „das jeden brauchen kann“. Auch Elfriede Jelinek verweist in „Die Kinder der Toten“ auf die bei Kafka erwähnte Truppe: „Auf dieser Naturbühne treten nur Laien auf“, heißt es im Buch einmal. Nie waren Kelly Copper und Pavol Liska dem Geist ihres Gruppennamens näher als mit dieser Arbeit: dem Großen Naturtheater von Neuberg an der Mürz.

Volksfest mit Jelinek

Gedreht wurde vier Wochen lang, an den Wochenenden war das Herbst-Publikum eingeladen, bei besonders spektakulären Drehs zuzuschauen oder auch in der Komparserie mitzuwirken.

Zum Rahmenprogramm gehörten Einführungsvorträge im Kulturzentrum Mürzer Oberland, eine Vorführung des von Elfriede Jelinek sehr geschätzten Horrorfilms „Carnival of Souls“ von Herk Harvey oder eine Dauerlesung, bei der die Besucherinnen und Besucher eingeladen waren, 15 Minuten lang laut aus dem Roman zu lesen. Auch geführte Touren zu den Schauplätzen des Romans wurden angeboten.

Die Dreharbeiten waren ein Volksfest. Die freiwillige Feuerwehr war ebenso eingebunden wie die Blasmusik, in den Drehpausen gab’s Würstel und Bier. Wer hätte gedacht, dass Elfriede Jelinek hier noch einmal die Leut zusammenbringen würde?

Das Image der Autorin hat in ihrer früheren Wahlheimat jedenfalls stark gewonnen. Man hörte von Bäuerinnen, die bei Erwähnung des Namens „Jelinek“ zumindest nicht mehr gleich drei Vaterunser beteten, und von einem Senner, der den Roman immerhin erst nach 200 Seiten ins Eck geschmissen hat. In der Buchhandlung von Mürzzuschlag haben sie in drei Wochen mehr Jelinek-Bücher verkauft als in den 15 Jahren davor.

Seinem kulturpolitischen Auftrag, sich nicht nur auf Graz zu konzentrieren, sondern auch in die Regionen zu gehen und die lokale Bevölkerung „einzubinden“, ist der Steirische Herbst mit „Die Kinder der Toten“ idealtypisch gerecht geworden. Oft haben derartige Regionalprojekte eher Alibicharakter; selten gehen sie so gut auf wie in diesem Fall.

Dass der Film „Die Kinder der Toten“ jetzt tatsächlich ins Kino kommt, wäre eigentlich nicht unbedingt nötig gewesen. Das soll nicht heißen, dass der Film – er hatte im Februar bei der Berlinale seine Weltpremiere und wurde dort mit dem Fipresci-Preis der internationalen Filmkritik ausgezeichnet – misslungen wäre, ganz im Gegenteil. Aber das „Making-of“ war in diesem Fall fast wichtiger als das Produkt selbst.

Der Tod ist Heimat

Der Roman „Die Kinder der Toten“ ist enorm „filmisch“ geschrieben. Auf die Idee, ihn zu verfilmen, muss man dennoch erst einmal kommen. Gut möglich, dass der erfrischend trashige Ansatz des Nature Theater of Oklahoma die einzige Möglichkeit ist, sich diesem literarischen Monster zu nähern, ohne sich lächerlich zu machen.

Copper/Liska versuchen erst gar nicht, den Low-Budget-Charakter des Films zu vertuschen, sondern betonen ihn – etwa durch offensichtliche Anschlussfehler – sogar noch. Gedreht wurde „Die Kinder der Toten“ mit zwei Super-8-Kameras, die von den Regisseuren selbst bedient wurden, und ohne Ton.

Die grobkörnigen Bilder haben eine natürliche Patina; der in der Gegenwart angesiedelte Film sieht zugleich aus, als wäre er in irgendeinem Archiv aufgestöbert worden; die Gleichzeitigkeit verschiedener Zeitebenen, die den Roman prägt, transportiert der Film allein durch seine Ästhetik.

Und obwohl es sich eigentlich um einen Stummfilm handelt – statt gesprochener Dialoge gibt es, oft ziemlich witzig formulierte, Zwischentitel –, ist „Die Kinder der Toten“ besonders akustisch ein Erlebnis. Der Komponist Wolfgang Mitterer hat aus verzerrten Trauermärschen, Kuhglockenläuten und anderen Sounds einen bedrohlichen Score gemischt, der immer wieder effektvoll mit den burlesken Bildern kontrastiert.

Dass Copper und Liska mit der Vorlage sehr frei umgehen, hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass sie den Roman gar nicht gelesen haben. Weil es noch keine englische Übersetzung gibt, haben Veronica Kaup-Hasler und der Produktionsdramaturg Claus Philipp ihnen den Roman exzerpiert und in tagelangen Sessions nacherzählt. Für die Oklahomas ist ein solches Vorgehen nichts Ungewöhnliches; Basis für „Life and Times“ etwa waren zehn Telefongespräche, in denen sie sich von der Heldin des Stücks deren Lebensgeschichte erzählen ließen.

Von den Hauptfiguren des Romans sind im Drehbuch jedenfalls nur zwei übrig geblieben. Die eine ist die ewige Tochter Karin Frenzel, die mit ihrer dominanten Mutter auf Urlaub in der Steiermark ist und gleich zu Beginn des Romans bei einem Autounfall tödlich verunglückt. Kurz davor sehen wir, wie Mutter und Tochter in der Gaststube der Pension Alpenrose sitzen und einander anschweigen. „Du glaubst, dass ich dich hasse“, sagt die Mutter schließlich. „Das ist, wie immer, nur die halbe Wahrheit: Ich kann dich nicht ausstehen.“

Der zweite Protagonist, der es in den Film geschafft hat, ist der Förster, der sich nach dem Doppelselbstmord seiner Söhne im Wald das Leben nehmen will. Als er am Ende von seinen untoten Söhnen lebendig begraben wird, wird der Satz „Der Tod ist Heimat“ eingeblendet.

Syrian oder Styrian?

Dazuerfunden hat das Nature Theater eine Gruppe syrischer Dichterinnen und Dichter, die sich in die Obersteiermark verirrt haben und versehentlich in der Alpenrose landen: Statt „Styrian Restaurant“ haben sie „Syrian Restaurant“ gelesen – das kann man aber auch wirklich leicht verwechseln! Der Wirt, der die Schnitzel übrigens mit der bloßen Faust klopft, weist sie aus der Gaststube; und weil die armen Poeten auch sonst nirgendwo syrisches Essen finden, werden sie später elendiglich verhungern.

Auch eine der schönsten Szenen des Films steht nicht bei Jelinek: In einer alten Fabrik haben sich die Bewohnerinnen und Bewohner des Dorfes einen improvisierten Kinosaal eingerichtet, in dem sie sich zu cineastischen Trauerfeiern versammeln. Projiziert werden private Super-8-Filme von Verstorbenen; im Zuschauerraum sitzen die Angehörigen und beklagen tränenreich ihre Lieben. Am Ende der Szene steigen die Toten als Zombies aus der Leinwand.

Mit dem Roman „Die Kinder der Toten“ schrieb Elfriede Jelinek das Mürztal einst in die Weltliteratur ein. Das Nature Theater of Oklahoma hat das Buch und seine Gespenster wieder nach Hause gebracht.

Wolfgang Kralicek in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 32)


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