Geht's noch!
Warum die konservative Wende für Frauen gefährlich ist

von Lisz Hirn

€ 20,00
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Verlag: Molden Verlag in Verlagsgruppe Styria GmbH & Co. KG
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Umfang: 144 Seiten
Erscheinungsdatum: 27.02.2019


Rezension aus FALTER 11/2019

Biedermänner, Biederfrauen und die Brandstifter

Die Philosophin Lisz Hirn seziert den gesellschaftspolitischen Backlash unter Türkis-Blau und spart nicht mit Kritik an urban-linken Milieus

Geht’s noch!“ Oder besser: „Geht’s noch?!“ Verblüffung ist eine mögliche Reaktion auf den gesellschaftspolitischen Backlash der türkis-blauen Regierung. Verblüffung darüber, dass die Sozialministerin Beate Hartinger-Klein (FPÖ) das Arbeitsmarktservice anweist, dass seine Berater Frauen, die nach der Geburt eines Kindes wieder arbeiten wollen, nicht mehr „über die längerfristigen Auswirkungen einer Teilzeitbeschäftigung“ wie schlechtere Pension und Armut aufklären sollen. Sondern dass sie stattdessen für sie nach „qualifizierten Teilzeitstellen“ suchen sollen, denn das neue Ziel für Frauen sei jetzt „echte Wahlfreiheit“. Jetzt gebe es wieder „die freie Entscheidung, ob sie ihre Kinder selbst zu Hause erziehen, oder ob sie wieder teilzeitbeschäftigt oder voll arbeiten wollen“.

Hartinger-Kleins neue Zielvorgaben kommen in Lisz Hirns neuem Buch gar nicht vor (sie wurden nach Drucklegung verkündet), aber die Philosophin – und Mutter eines Kindes im Kindergartenalter – musste nicht lange nach Beispielen suchen, um die „konservative Wende“ festzumachen, die sie im Untertitel ihres Buches „Geht’s noch! Warum die konservative Wende für Frauen gefährlich ist“ anführt.

Hirns Grundthese ist eingängig: Unter Türkis-Blau kehrt das klassische Rollenmodell des Familienerhalters Mann mit maximal teilzeitarbeitender Mutter zurück, die letzten Jahrzehnte emanzipatorischer Frauenpolitik – und ein Jahrzehnt Queerness-Theorie – werden rückabgewickelt. Schwer ist das gerade in Österreich nicht, weil die Gesellschaft ohnehin strukturell konservativ ist und sich ein egalitäres Geschlechterselbstverständnis, wie es skandinavische Länder kennen, ohnehin nie wirklich durchgesetzt hat. Außerdem passt das perfekt zum Zeitgeist nach der Finanz- und Flüchtlingskrise, in der Klarheit und Eindeutigkeit wieder gefragt sind und, wie es der Sänger Andreas Gabalier so gerne sagt, ein Mann wieder ein Mann und eine Frau wieder eine Frau sein dürfen. All das sei gefährlich, weil die jüngere Frauengeneration schon wieder vergessen hat, dass Frauenrechte immer wieder aufs Neue erkämpft werden müssen.

Wohltuend ist, dass Hirn – die als grüne Bezirksrätin in Wien aktiv ist – ihr eigenes Milieu nicht schont. Denn in ihren Augen sind es nicht nur die türkis-blauen Biedermänner und Biederfrauen, die mit ihrem neoliberal inspirierten Mantra von „jeder und jede kann es schaffen, wenn er oder sie sich nur genug bemüht“ die Emanzipation als solidarisches Gemeinschaftsprojekt untergraben, sondern auch die – wie Hirn sie listig nennt – „Bobofrauen“, die sich zu lange in die heile Welt der Natürlichkeitsliebe (Alles bio! Alles hausgemacht!) flüchteten und das Patriarch nur dort bekämpften, wo es sie direkt betrifft und bequem bekämpfen lässt. Das Kopftuch? Wenn die Frau es freiwillig trägt, ist es doch ok, oder wollen wir anderen vorschreiben, wie sie ihren Kopf bedecken? Das ist doch islamophob! Ordentlich Kritik bekommt auch die Political-Correctness-Bewegung ab. Wie soll man sich solidarisieren, wenn man sich nicht einmal auf eine gemeinsame Sprache einigen kann, sich ständig dafür rechtfertigen muss, dass man eine weiße, heterosexuelle Frau ist?

Gewöhnungsbedürftig ist Hirns Haltung zur Pille. In ihrem Buch findet sich ein deutliches Plädoyer für hormonelle Verhütung. Kritik an ihr geht für sie einher mit dem Natürlichkeitswahn, der sich in linksgrünen urbanen Milieus genauso findet wie bei Neo-Rechten. Dass die weibliche Lust darunter leiden kann, lässt sie aus. Auch über Mütterquoten, die Hirn zusätzlich zu den schon bekannten Frauenquoten einfordert, lässt sich streiten. Aber genau das will Hirn am Ende auch sein: Streitbar, provokant, dafür niemals langweilig.

Barbaba Tóth in FALTER 11/2019 vom 15.03.2019 (S. 19)


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