Als Freud das Meer sah
Freud und die deutsche Sprache

von Georges-Arthur Goldschmidt

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Ammann
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 20/1999

Die See, die uns trägt

Der Schriftsteller Georges-Arthur Goldschmidt begibt sich in einem Essay auf die Suche nach dem Unbewußten der deutschen Sprache.

Wie müßten wir uns Freuds Tiefenpsychologie vorstellen, wäre sie nicht in Wien, sondern in Paris entstanden? Eine spekulative Frage, in der Tat, aber trotzdem eine Frage, die ins Zentrum der Psychoanalyse führt: zur Sprache, in der sich die Seele artikuliert, in der sich Patient und Analytiker verständigen, die schließlich das psychoanalytische Wissen festhält. Wenn Freuds Lehre derart existentiell an Sprache gebunden ist, dann lohnt es sich tatsächlich zu fragen, welche Spuren die Eigenarten des Deutschen in seiner Theorie hinterlassen haben.

Georges-Arthur Goldschmidt, der in Hamburg geboren wurde und sich vor den Nationalsozialisten nach Frankreich in Sicherheit gebracht hatte, wo er noch heute lebt, hat diesem keineswegs nur akademischen Problem einen großen Essay gewidmet. Er nimmt seinen Ausgang von ganz konkreten Problemen, die bei der Übersetzung Freuds ins Französische auftreten. Daß sich eine Übersetzung stets vom Original entfernt, weil sie bestimmte rhetorische Effekte oder semantische Nachbarschaften nicht präzise reproduzieren kann, ist eine Binsenweisheit. Im Falle Freuds jedoch kann es nicht genügen, zwischen mehr oder weniger gelungenen Übersetzungen zu unterscheiden. Gerade von ihm haben wir ja gelernt, noch die kleinsten Nuancen und Verschiebungen des sprachlichen Ausdrucks zu beachten, auch Fehlleistungen ernst zu nehmen und Metaphern in den Rang eines Symptoms zu erheben. (Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie die Psychoanalyse, und zwar auch noch dort, wo sie sich als Alltagswissen sedimentiert hat, einen Glauben an die Wahrhaftigkeit der Sprache gestiftet hat, der allen Reden von einer sprachskeptischen Moderne Hohn spricht.)

Für Freud hatte der Sprachgebrauch in seinen Vorlesungen zur Traumdeutung nichts Zufälliges, er war ihm "der Niederschlag alter Erkenntnis, der freilich nicht ohne Vorsicht verwertet werden darf". Dieser kleine Nebensatz ließe sich leicht gegen Goldschmidt verwenden. Ein Sprachwissenschaftler könnte so manchen Fehler anstreichen, wo Goldschmidt in Wortbildung, Etymologie und Syntax des Deutschen einen privilegierten Zugang zur Seele des Menschen zu entdecken glaubt. Aber schon der Titel läßt ja ahnen, daß dieser Essay nicht mit dem Anspruch eines Philologen, sondern mit dem eines Literaten antritt. In der Metapher des Meeres überlagern sich Bilder der Seele und der Sprache: "Die geringste Berührung prägt sich der See wie der Seele des Menschen ein (...)." Und: "Sprache ist, was zwischen den Sprachen auftaucht, und ist doch die See selbst, die uns trägt." Die Differenzen zwischen Freuds Originaltexten und seinen französischen Übersetzungen führen Goldschmidt dorthin, wo das Unbewußte der deutschen Sprache liegt - falls es so etwas geben sollte.

Auch wer das Französische nur mäßig beherrscht, wird nachvollziehen können, was es bedeutet, wenn "das Unbewußte" mit "l'inconscient" übersetzt wird. Im Deutschen klingt hier immer noch die "Geschmeidigkeit des Verbs ,wissen'" (Goldschmidt) durch, das Französische muß auf eine Ableitung vom Partizip Präsens zurückgreifen, durch die eine Präsenz suggeriert wird, die der Bedeutung des deutschen Begriffs nicht entspricht.

Wer Goldschmidts große autobiografische Erzählungen kennt, die von den traumatischen Erfahrungen eines jüdischen Kindes handeln, das alleine aus Deutschland nach Frankreich fliehen mußte, wird bei der Lektüre dieses Buches Beklemmung empfinden. Man fühlt sich als Zeuge eines leidenschaftlichen Versuchs, bei den französischen Landsleuten für die eigene Muttersprache zu werben. Es wäre deshalb sicher nicht falsch, auch dieses Buch als Selbstzeugnis eines tragischen Lebens zu lesen. Dann räumt es die letzten Zweifel über die Existenz eines Meeres aus, in dem Sprache und Seele zusammenfließen.

Tobias Heyl in FALTER 20/1999 vom 21.05.1999 (S. 68)


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