Wilner Diptychon
Wilner Getto 1941–1944 / Gesänge vom Meer des Todes

von Abraham Sutzkever

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Ammann
Erscheinungsdatum: 01.06.2009

Rezension aus FALTER 42/2009

Kunde von Tod und Leben

Abraham Sutzkever ist als Chronist des Wilner Ghettos ebenso bedeutend wie als jiddischer Lyriker

Das Ghetto von Wilna, das von 1941 bis 1943 existierte, war – auch schon vor dem Beschluss der "Endlösung" – eine Versuchsstation des Terrors und der Menschenvernichtung. Beim Einmarsch der Deutschen lebten 75.000 Juden in der Stadt, nur etwa 2500 von ihnen haben überlebt.
Der Alltag der Ghettobewohner war geprägt von Gewaltexzessen und Massenexe­kutionen, für die der Österreicher Franz Murer an vorderster Stelle verantwortlich war. Zwar in einem Nachkriegsprozess verurteilt und an die Sowjetunion ausgeliefert, gelang es Murer auf verschlungenen Wegen, sich der Strafe zu entziehen und unbehelligt auf einem Bauernhof in der Steiermark zu leben. 1963 wurde erneut gegen ihn verhandelt, ein Verfahren, das schließlich mit einem der skandalösesten Fehlurteile der Zweiten Republik endete: einem Freispruch, der noch im Gerichtssaal von Sympathisanten heftig akklamiert und vor dem Gebäude mit Blumenspenden gefeiert wurde.

Trotz des engen Österreich-Bezugs ist die Geschichte des Wilner Ghettos hierzulande – sieht man von dem 1992 bei Picus erschienenen Band "Ess firt kejn weg zurik ..." ab – weitgehend unbeachtet geblieben. Und das, obwohl das Ghetto einige autobiografische Texte hervorgebracht hat, die tiefe Einblicke gestatten: von Mascha Rolnikaites Tagebuch über Schoschana Rabinovicis Bericht bis hin zu Benjamin Anoliks Erinnerungen.
Auch Abraham Sutzkever, der hochbetagt in Israel lebt, gehört zu denjenigen Überlebenden, die literarisches Zeugnis abgelegt haben. Mit seinem noch im Krieg verfassten und bereits 1946 sowohl in einer Moskauer als auch einer Pariser Fassung erschienenen Buch "Wilner Getto 1941–1944" wurde er dessen wohl frühester Chronist. Trotz der unmittelbaren Nähe zu den Ereignissen ist sein Bericht aber erstaunlich nüchtern, oft geradezu lakonisch. Sutzkever berichtet von den unzähligen Toden, die oft so grausam gestorben wurden, dass dem Leser der Atem stockt und der Mut zum Weiterlesen sinkt.
Zweifellos ist der Text ein Epitaph für die unzähligen Ermordeten, ein Versuch, ein paar Namen und Taten aus der Todeszone hinüberzuretten in eine bessere Welt, aber noch stärker als das verspürt man den anderen, ebenso starken Wunsch des Autors, das Ghetto in seiner durch und durch erstaunlichen Vitalität zu schildern.

Zu den Untiefen der Schoah gehört es ja, dass zwischen all den Leichenbergen immer auch gelebt werden musste, dass eine Vermischung der Sphären stattfand, die normalerweise säuberlich und aus gutem Grund getrennt gehalten und nur durch Übergangsriten bewältigbar gemacht werden. Dafür war im Wilner Ghetto jedoch keinerlei Raum, wohl aber für Sozialstrukturen, die sich nach einem ersten Schrecken auf geradezu wundersame Weise wieder einstellten. Schulen, Zeitungen, Theater, Konzerte, Ausstellungen, Lesungen, Künstlervereine, eine Akademie der Wissenschaften – all das gab es im Ghetto. Selbst Solidarität und altruistisches Handeln hielten der rohen Gewalt stand, wenn auch nur in engen Grenzen.
Dieses Aufrechterhalten der Alltagstugenden war allein schon Widerstand, aber zu seinem äußersten Punkt gelangte dieser in der Formierung einer Untergrundarmee und deren bewaffneten Aktionen gegen die Deutschen und ihre Helfeshelfer. Sutzkever war ein Teil von ihr und gedenkt ihrer ganz, ohne vom eigenen mutigen Handeln großes Aufheben zu machen.
Sutzkever ist aber nicht bloß ein getreuer Chronist jenes "Warteraums des Todes", wie das Ghetto einmal von Jean Améry genannt wurde, sondern auch einer der bedeutendsten Schriftsteller in jiddischer Sprache. Bereits vor dem Krieg veröffentlichte er Gedichte und erfuhr einige Anerkennung über den New Yorker Avantgardekreis der "Introspektivisten". Sutzkevers Schreibfluss riss im Ghetto nicht ab, er selbst sagt, dass diese Jahre sowohl quantitativ als auch qualitativ seine produktivsten gewesen seien, ein "Understatement", entstanden doch bis in die späten 80er-Jahre hinein noch viele weitere bedeutende Gedichte.

Sutzkevers Versbehandlung reicht von eher traditionsgebundenen bis zu vollkommen freien Formen, seine poetischen Bilder oszillieren zwischen karger Aussparung und treffsicherer Expression. Der Sprachduktus dieser gleichzeitig hochartifiziell und seltsam verwurzelt wirkenden Gebilde ist (auch in deutscher Übersetzung) unverkennbar jiddisch, ihre Kraft macht sie darüber hinaus aber auch zu Bausteinen einer Weltliteratur. So lange wird die Schoah in ihnen benannt, verschleiert und umkreist, bis sich daraus ein vollkommen eigenständiger Kosmos zu bilden vermag.
Dem schon in DDR-Zeiten um die jiddischsprachige Literatur so verdienten Übersetzer Hubert Witt ist es auch diesmal gelungen, aus einer dem Deutschen einerseits nahe verwandten, andererseits aber auch durch Sonderentwicklungen zutiefst von diesem getrennten Sprache treffsicher zu übersetzen. Der eine oder andere Klang des Originals musste dabei unabwendbarerweise verlorengehen, wichtig ist aber bloß, dass das Werk Sutzkevers in seiner ganzen Bedeutung nun auch für das deutschsprachige Lesepublikum deutlich erkennbar wird.
Dass der Verlag vom ursprünglichen Plan, dem Ghettobericht bloß einige korrespondierende Gedichte beizugeben, abgegangen ist und nun das lyrische Werk in gleicher Gewichtung vorgelegt hat, macht diese Doppelpublikation umso verdienstvoller. Ihre parallele Lektüre öffnet vollkommen neue Perspektiven auf ein Werk, das allergrößte Beachtung und eine zahlreiche Leserschaft verdient.

Stephan Steiner in FALTER 42/2009 vom 16.10.2009 (S. 17)


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