Nachtbuch für Astrid

von Hansjörg Schneider

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Ammann
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 33/2000

Das Leben ist ein Unterfangen mit grundsätzlich tödlichem Ausgang. Hübsch, wie sich der Nihilismus polemisch verbrämen lässt, aber was hilft humoreskes Verdrängen, wenn es ans Sterben geht. Astrid, die langjährige Lebensgefährtin von Hansjörg Schneider, starb im Winter 1997. Diagnose: Krebs. Am Tag, als der Schweizer Schriftsteller ihre Asche vom Krematorium abholte, begann er das "Nachtbuch für Astrid", ein Tagebuch seiner Trauer zu schreiben: "Ich könnte ihr auch einen Stein setzen. Aber da ich nicht Steinmetz bin, sondern Schriftsteller, schicke ich ihr dieses Buch nach in den Tod." Ein Rückblick auf eine jahrzehntelange Liebe. Private Blößen zuhauf. Einsamkeit. Schneider rappelt sich aus seiner Depression. Es vergeht ein Jahr, bis er seelisch Neuland gewinnt. Ganz normal. Wer selbst noch nie von einem Angehörigen Abschied nehmen musste, hier ist beschrieben, wie es geht.Die Krankheit, an der bei Karlheinz Barwasser gestorben wird, heißt Aids und ist "der Peststiefel in der Ära der Postmoderne". Der Gedichtband "Übergänge" ist ein Totenbuch des Widerstands. Zorn statt seelischem Neuland. Zwölf Anläufe mutet die ärztliche Maschinerie einem infizierten Schwulen zu - Freificker, Klischeetyp aus alten Aufklärungskampagnen -, bis er sich aus den Griffen der Pflegeschwestern fast schon ans andere Ufer des Jordan "gerettet" hat: "dankbar sein / etwas Demut gefälligst." Der Proband hat kein Leben vor dem Tod. Er hat Siechtum. Die Leute werfen verachtende Blicke. Selber schuld, Schwerenöter! Die Warnungen der Gesundheitsbehörden waren kein Spaß. Der Sündenpfuhl Babylon keine bloße Metapher. "Die Anschuldigungsindustrie: da reichen der falsche Haarschnitt und das verkehrte Schuhwerk, um die Sau fertigzumachen: so nährt sich der Glaube mit dem Blut des Schlachtopfers" - "Denn jedem gehört die Einsicht allein". Sterben ist zum Verzweifeln.

Martin Droschke in FALTER 33/2000 vom 18.08.2000 (S. 54)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Übergänge (Karlheinz Barwasser)

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