Die Ausleger

von Wole Soyinka, Inge Uffelmann

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Verlag: Ammann
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 28/2002

Rasche Cuts kennzeichnen die Dramaturgie Moses Isegawas Roman "Die Schlangengrube" über die Banalität des Bösen. Bat Katanga, der Protagonist, kehrt nach dem Studium in Cambridge nach Uganda zurück. Unter Idi Amin herrschen nicht nur Korruption und Gesetzlosigkeit, die täglich praktizierte Folter ereilt auch den jungen und erfolgreichen Beamten des Energieministeriums in leitender Position, der glaubt, jenseits politischer Intrigen Karriere machen zu können. Verrückte Generäle, eine dubiose Agentin namens Victoria, eine liebende Ehefrau samt traditionellem Familienverband geben den einfachen Plot eines Entwicklungsromans ab, der durch Mord, Totschlag und den totalen Untergang des Staates Uganda im Bürgerkrieg führt und zugleich eine subtile Analyse der Diktatur darstellt. Das einzig gültige Gesetz heißt Grausamkeit, für die sich außerhalb Ugandas in der Welt des Kalten Krieges niemand interessiert.

Angesichts dieser blutrünstigen Pornografie des Alltags bleibt Isegawa immer lakonisch: Als Babit, Bat Katangas Frau, ermordet wird - der Kopf wird ihr fein säuberlich abgeschnitten -, benötigt Isegawa für die Beschreibung der Toten nur einen einzigen Satz: "Der Rumpf lag in der Wanne, die Arme schlaff an den Seiten, der Ehering im Licht hell blinkend." Das Rasiermesser des Leides und der Trauer durchfährt den Leser ob des Zynismus des Mordes und der Knappheit von dessen Beschreibung. Mit dem nächsten Satz, in dem mit wenigen Worten viel gesagt wird, ist die Tragödie gebannt: "Trauer lässt uns zwischen Kindlichkeit und Rohheit schwanken."Aus einem ganz anderen Pathos schreibt der nigerianische Literaturnobelpreisträger des Jahres 1986, Wole Soyinka. Als Dramatiker, Essayist, Lyriker und Romancier weiß sich der 1936 geborene Soyinka nicht nur einer traditionellen, klassisch realistischen Schreibweise verbunden; als Vertreter der ersten Generation von Schriftstellern nach der Entkolonialisierung engagierte er sich auch unmittelbar politisch. Für seine Unterstützung der Unabhängigkeitsbewegung in Biafra in den 1970er-Jahren wurde er eingesperrt, in den 1990er-Jahren wurde Soyinka, der während seines langjährigen Exils an amerikanischen Universitäten lehrte, aufgrund seines Protests gegen die nigerianische Regierung mehrfach mit dem Tod bedroht.

Die Vergangenheit der Sklaverei und die Möglichkeit von Versöhnung in den ehemaligen Diktaturen sind Soyinkas jüngste Hauptthemen. Zentrale Forderung: Europa und Amerika müssten endlich die Verbrechen von Sklaverei und Kolonialismus als solche anerkennen und einen Schuldenerlass für die im internationalen Wettbewerb heillos überforderten afrikanischen Staaten erwirken. Was das eigene Land betrifft, setzt sich Soyinka seit Jahren kritisch mit den Verbrechen Nigerias auseinander, eine Amnestie der Täter - wie sie die südafrikanischen Versöhnungskommissionen vorsehen - lehnt er kategorisch ab.

"Die Ausleger", ein früher Roman aus dem Jahre 1965, beschreibt anhand von fünf Freunden die nigerianische Gesellschaft in den 1960er-Jahren, kurz nach der Unabhängigkeit. Ein Journalist, ein Außenministeriumsbeamter, ein Maler, ein Universitätslehrer und ein Ingenieur suchen in endlosen Gesprächen, Rückblenden und Partybesuchen ihren Platz in der neu geschaffenen schwarzen Bourgeoisie. Anders als in Moses Isegawas zynisch blutrünstiger Welt herrscht hier noch Spott über die Nachahmung der ehemaligen Kolonialmacht England.

Das endlose Geschwätz der jungen afrikanischen Elite bewegt sich zwischen halbexistenzialistischen Saufgelagen à la Hemingway und pathetischen Naturbeschreibungen: "Der Regen des Mai wandelte sich im Juli in die geschlitzten Arterien des Opferstiers; aus Millionen Einstichen blutete der hinter zuckenden Wolkenbuckeln verborgene Himmelsstier, schwarz, überfüttert für das eine große Fest." So weit das Setting für eine Autofahrt bei heftigem Regen. So ausgefallen exotisch Soyinkas Landschaften anmuten, so präzise sind seine detaillierten Schilderungen und Dialoge: "Ich hätte beim Bier bleiben sollen. Der Whisky hat meine ganze Negritude ausgebrannt." Die Gespräche über Frauen, das Verhältnis zur eigenen Tradition, das Bild von Amerika und Afrika, die Suche nach der eigenen Identität, all das wirkt retrospektiv etwas antiquiert, ein Bild des jungen Afrika bekommt man in Soyinkas Roman auf jeden Fall. Wobei man dabei auch die Hautfarbe der Protagonisten sowie den Ort des Geschehens vergisst. Literatur als moralischer Grundstein einer Gesellschaft, so lautet die Maxime des Romanciers Nurrudin Farah, der 1945 in Somalia geboren wurde. Das Studium der Philosophie und Literatur in Indien, lange Aufenthalte in Italien, in den USA und in Deutschland haben Farah zum Weltbürger, die zahlreichen Übersetzungen seiner Werke ihn zum derzeitigen Shooting Star der afrikanischen Literatur gemacht. Acht seiner Bücher sind auch auf Deutsch erschienen, der jüngste Roman, "Duniyas Gaben", ist Teil einer Trilogie über Somalia am Vorabend des Bürgerkrieges. Zentrales Motiv: Suche nach der eigenen Identität am Beispiel einer Hebamme, deren Tochter ein Findelkind mit nach Hause bringt.

Anders als Soyinkas Versuch, die Totalität einer jungen Gesellschaft an ihrem Ausgangspunkt der Freiheit darzustellen, verfügt Farah über die Erfahrungen, wohin dieses Projekt in den diversen afrikanischen Ländern geführt hat: in die Korruption und das Chaos. Das Findelkind ist dabei Allegorie der afrikanischen Abhängigkeit von einer Entwicklungshilfe, die Farah auf unverhohlen harsche Weise kritisiert: "Es gab keine Unabhängigkeit. Durch die Hintertür kamen die Kolonialbeamten zurück, als Experten, Berater und Entwicklungshelfer. Heute kommen die Arbeitslosen aus Europa und Amerika - die Mehrheit der Entwicklungshelfer ist unintelligent, ungebildet und desinteressiert, die Arbeit ist für sie bloß ein Job."

In der Zeitschrift Literaturen merkte Sigrid Löffler gelassen an, dass Farahs Romane komplexer und vieldeutiger seien, als es dessen politische Ansichten zur internationalen Afrikapolitik vermuten ließen. Farah gelingt es auf brillante Weise, moderne Prosa mit Legenden und politischen Mythen zu verknüpfen, die den Vergleich mit Thomas Mann oder Robert Musil nicht zu scheuen brauchen. Die Hebamme und zweifache Mutter Duniya steht - nach zwei gescheiterten Ehen - mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität und bewegt sich zugleich halb traumverloren auf der Suche nach der großen Liebe durch die somalische Hauptstadt Mogadischu. Der plötzlich auftauchende Intellektuelle Bosaaso umwirbt sie, das in die Familie aufgenommene Findelkind verwirrt die sich anbahnende Liebesgeschichte, während der die erwachsene Duniya erst einmal schwimmen und dann Auto fahren lernt - elementare und zugleich symbolische Schritte der Emanzipation einer Frau, die sich an die traditionellen Lebensumstände einer afrikanischen Großfamilie gebunden weiß.

Auf subtile Weise lässt Nuruddin Farah seine Figuren über Glück und Unglück, Sexualität und Religion, über Schöpfungsmythen und Frisuren parlieren, er deutet schicksalsträchtige Entwicklungen ebenso elegant an, wie er klassische Liebesszenen zu inszenieren weiß. Die Erzählung endet mit der Frage von Duniyas Tochter: "Enden nicht alle Geschichten mit einer Hochzeit?", worauf ihr Bruder antwortet: "Alle Geschichten feiern, um es einmal wehmütig auszudrücken, die unverbrauchten Energiequellen der Menschlichkeit zwischen Frauen und Männern." Worauf der Erzähler abschließend kommentiert: "Und sie küssten sich, während die anderen immer noch auf ihr Wohl tranken. Die Welt war ein Publikum, das bereit war, Duniyas Geschichte von Anfang an zu hören." Dem Happy End ist nichts hinzuzufügen.Einen großen Schritt über die afrikanische Love-Story mit Happy End vor weniger dramatischem Hintergrund macht die Senegalesin Aminata Sow Fall mit ihrem Roman "Die Rückkehr der Trommeln". Das Buch ist im frankophonen Westafrika Mittelschullektüre, ein afrikanischer "Catcher in the Rye", dessen 12-jähriger Protagonist Nalla dem Lockruf der Trommeln und der traditionellen Ringkämpfe folgt. Als Sohn eines Tierarztes und einer im Gesundheitswesen tätigen Beamtin, beide in Europa ausgebildet und den westlichen Werten von Fortschritt und Aufklärung verpflichtet, gerät Nalla mit Unterstützung seines Nachhilfelehrers immer mehr in den Bann alter Mythen. Seine Freundschaft zu einem Palmweinverkäufer und einem Ringer (Ringen ist der senegalesische Nationalsport) führt zu Lernstörungen.

Die Eltern wissen dagegen kein anderes Mittel als Therapie und Psychiatrie, sie versprechen dem Buben ein Mofa und für die Zukunft ein Auto. Nalla wehrt sich, indem er nächtliche Ausflüge in die Arena zu seinen geliebten Kämpfern unternimmt. Die Einsicht der Eltern, dass sie ihren Sohn nach "nichts sagenden Prinzipien" und unter Verleugnung der traditionellen Werte erzogen haben, bereitet ein Happy End vor: Wiedersehen beim Ringkampf, Begeisterung des Vaters und Ratlosigkeit der Mutter: "Sie ging weiter."

Aminata Sow Fall ist vielleicht die bedeutendste afrikanische Autorin und hat mit der "Rückkehr der Trommeln" ein kleines Meisterwerk verfasst, das als Einstieg in die afrikanische Literatur nur wärmstens empfohlen werden kann. "Der Himmel lacht in seiner ganzen Pracht", heißt es in einem der traditionellen Gesänge zur Anfeuerung der Ringkämpfer. Der Leser dieses Buches wird sich nicht anders fühlen. Alle Exotik empfindet man hier schon als Heimat. "Das Tagesgestirn scheint für euch."

Erich Klein in FALTER 28/2002 vom 12.07.2002 (S. 20)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Duniyas Gaben (Nurrudin Farah, Klaus Pemsel)
Die Schlangengrube (Moses Isegawa, Barbara Heller)
Die Rückkehr der Trommeln (Aminata Sow Fall, Cornelia Panzacchi)

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