Der Besuch des Erzbischofs

von Katalin Bodor, J.H. Kovacs

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Verlag: Ammann
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 41/1999

Adám Bodors fiktive Karpatenstadt Bogdanski Dolina erstickt im Müll und wartet auf jemand, der noch unpünktlicher ist als Godot.

Bogdanski Dolina, eine Stadt in den hintersten Karpaten, am Ende der westlichen Welt. Fremde Leute wie Gabriel Ventuza, der zurückkehrt, um die sterblichen Überreste seines Vaters zu holen, sind am dortigen Bahnhof selten zu sehen. Der Mann steigt aus dem Waggon und fällt ansatzlos in einen fünftägigen Dämmerschlaf. Für den, der sie nicht gewohnt ist, wird die Luft, die wie eine Bleiplatte auf der von Müllbergen umgebenen Stadt lastet, zur tödlichen Bedrohung.
Die Zeit wird in dieser hintersten Gegend Europas nach den Amtsperioden der Bischöfe gemessen, die im fernen Ivano-Frankovsk residieren. Auf den Besuch des Erzbischofs Zilaves hat man in der Stadt ebenso lange gewartet wie auf den seines Amtskollegen Butin; der Erzbischof Cozia ist niemals angekommen, und von dem Archimandriten Kosztin fand man im nahe gelegenen Wald eine goldverzierte Mitra, in der die Vögel nisteten. Nur der Bischof mit dem nicht unpassenden Namen Zelofan hat es vor Jahren in die Müllstadt geschafft, auf dem Hauptplatz das Geld der Leute eingesammelt und achtzehnfache Zinsen versprochen. Seither hat man im Ort keinen hohen Kleriker mehr gesehen.
Adám Bodor, 1936 als Angehöriger der ungarischen Minderheit im rumänischen Klausenburg geboren und seit Beginn der Achtzigerjahre in Budapest ansässig, ist seit seinem fulminanten Roman "Schutzgebiet Sinistra" (deutsch: 1994) als überragender Erzähler und pointierter Beschreiber der siebenbürgischen Verhältnisse bekannt. "Wer in Bedrängnis ist, sollte nicht schwatzen", hat der Autor in einem Interview erklärt. Diese Knappheit des Ausdrucks, die in ihrer monströsen Einfachheit an Kafka erinnert, setzt Bodor auch in seiner neuen Erzählung um. "Der Besuch des Erzbischofs" ist ein Geflecht kleiner Geschichten, ein kunstvolles Arrangement der seltsamsten Episoden aus einer geografisch nicht allzu weit entfernten, aber nahezu unbekannten Gegend.

Das Warten auf den Erzbischof, das in den Müllkarpaten zum Dauerzustand geworden ist, bildet eine verschärfte Variante des Wartens auf Godot. Hinten in den rumänisch-ukrainischen Bergen scheint die Lage noch viel trostloser zu sein als damals bei Beckett im Herzen Europas. Nicht die transzendente Obdachlosigkeit macht den Leuten zu schaffen, sondern die vollständige Isolierung von der Außenwelt. Seit die Grenzen im Prinzip offen sind, fällt diese umso schwerer ins Gewicht. In Bogdanski Dolina ist der Grenzverlauf selbst zu einer Laune der Natur geworden: Vor Jahren hat sich der Fluss Medvegjica über Nacht ein anderes Bett gesucht, die Stadt lag plötzlich auf dem anderen Ufer, die Bewohner bekamen aber nichts von politischer Veränderung, sondern nur etwas vom Gestank der überfluteten Aborte mit.
Von der Parabel auf die Wende im Osten (als die "Schutzgebiet Sinistra" noch zu verstehen war) bleibt im "Besuch des Erzbischofs" nur mehr ein letzter Seufzer, der sich den bodorschen Gestalten entringt. So macht uns der neue Text gleich auf den ersten Seiten mit den Senkowitz-Schwestern bekannt, zwei alten Jungfern, die über Monate im so genannten Isoldenviertel festgehalten wurden, einem Stadtteil, der den Lungenkranken des Ortes vorbehalten ist. Die beiden Frauen werden "eingefangen", an einer Lederleine zur Station zurückgebracht und dort auf dem Hof in einen kleinen Holzkäfig gesperrt. Aussehen tun die beiden, als wären sie selbst zu Müll geworden, "grau, nässlich, geradezu verwittert, selbst ihre Stimmen dehnten sich klebrig in der Luft".
"Verwittert" ist für Bodors Schreibweise genau das richtige Wort, ist es doch jener idyllisch-grausame Verwitterungszustand, zu dessen Zeugen sich der Autor macht. Die Natur holt sich die Reste der Kultur zurück, sie überwuchert die Ruinen, die das vergangene Regime hinterlassen hat und für die niemand Interesse zeigt.

Klaus Kastberger in FALTER 41/1999 vom 15.10.1999 (S. 6)


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