Über die Flüsse

von Georges-Arthur Goldschmidt

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Ammann
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 4/2002

Die autobiografischen Erzählungen ("Die Absonderung", "Die Aussetzung") von Georges-Arthur Goldschmidt zählen zu den bedeutendsten literarischen Erinnerungen an die Verfolgung der Juden durch die Deutschen. Auf Deutsch, also in der Sprache der Diktatur verfasst und zudem in der dritten Person erzählt, hielten sie notdürftig Distanz zu den unerträglichen Erinnerungen an die Trennung von den Eltern und das Kinderheim in Frankreich, wohin der Neunjährige und sein Bruder durch glückliche Umstände 1938 flüchten konnten. "Über die Flüsse", ausdrücklich als Autobiografie bezeichnet, beginnt nun mit den Vorfahren, protestantisch getauften Juden in der Gegend um Hamburg, und reicht, gegen Ende sehr gerafft, bis in die Pariser Gegenwart. Anscheinend ist es Goldschmidt erst jetzt möglich, in der ersten Person zu erzählen, bezeichnenderweise auf Französisch. Die Übersetzung ins Deutsche besorgte er selbst, aber wie sehr ihm, dem feinste Nuancen im Klang und in der Bedeutung der Worte geradezu Schmerz zufügen können, die ursprüngliche Muttersprache fremd wurde, zeigen die akribischen Anmerkungen, mit denen er den deutschen Text kommentiert.

Dass sich Goldschmidt die quälenden Geschichten seiner Jugend noch einmal vorgenommen hat, dass er nun aber auch davon erzählt, wie leicht es ihm spätestens nach dem Studium gefallen ist, in Paris als Lehrer, Übersetzer, Publizist und, nicht zuletzt, Familienvater Fuß zu fassen, dass er sich schließlich erstaunlich freundlich über ein seit 25 Jahren verändertes Deutschland äußert: Das alles ist wohl zu verstehen als ein Veto gegen die Festlegung auf die Rolle des Opfers, als Einspruch gegen die Macht des nationalsozialistischen Terrors, auch noch Jahrzehnte nach der Befreiung Macht über dieses Leben auszuüben. Frei von jedem einfachen Gestus der Versöhnung, wird dieses Buch wohl zu den letzten großen Lebensberichten seiner Art zählen. Man kann es nicht übergehen, auch wenn man glaubt, diese Geschichten oft genug schon gelesen zu haben.

Tobias Heyl in FALTER 4/2002 vom 25.01.2002 (S. 62)


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