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Verlag: Ammann
Erscheinungsdatum: 01.07.2008

Rezension aus FALTER 47/2008

Jewgenij Grischkowez ist ein begnadeter Geschichtenerzähler. Das weiß jeder, der jemals eine der mitreißenden Erzählperformances ("Wie ich einen Hund gegessen habe" u.a.) erlebt hat, die der 41-jährige ­Autor und Schauspieler bei den Festwochen zeigte. Zweieinhalb Jahre nach seinem letzten Gastspiel kommt Grischkowez nun wieder nach Wien – diesmal allerdings als Buchautor. Im Schauspielhaus stellt er seinen Debütroman "Das Hemd" vor.
Das Buch erzählt einen langen Tag im Leben des Architekten Sascha, wie der Autor ein aus Sibirien stammender "Neu-Moskauer". Er ist verliebt – weshalb er in der Früh beschlossen hat, ein Hemd anzuziehen und keinen Pullover. "Heute könnte es gelingen, SIE zu treffen. Da muss man ein Hemd tragen. Unbedingt! Anzug und Krawatte – auf keinen Fall. Das wirkt gewollt und irgendwie aufgesetzt."
Alltägliche Vorgänge nimmt der Erzähler überhaupt sehr ernst. Er macht sich zum Beispiel Sorgen um die Frau, die am Telefon sagt, dass die Nummer, die man gewählt hat, gerade nicht erreichbar ist ("Tag und Nacht werden üble Flüche an die Adresse dieser armen Frau gesandt, wenn auch nicht an sie persönlich"), und sogar Autos haben bei ihm menschliche Eigenschaften ("merkwürdig, die Mercedes-Schnauzen waren mir noch nie bösartig vorgekommen"). Sascha ist in seiner hinterfotzigen Naivität eine typische Grischkowez-Figur; auch das Faible für Militärisches – der Held träumt von dramatischen Szenen in Schützengräben und auf See – kennt man aus seinen Stücken.
Selten könnte der Besuch einer Autorenlesung so gewinnbringend sein wie hier. Zwar ist Grischkowez in seinem Roman stilistisch auf der Höhe seiner Kunst, den extrem lakonischen Witz aber muss man sich unbedingt dazudenken – und da könnte die Lesung für die anschließende Lektüre gute Dienste leisten.
Am Ende des Tages stellt Sascha fest, dass er nur noch ein frisches Hemd im Kasten hat. Er wird also einen Waschtag einlegen müssen. Denn: "Ein Hemd kann man nicht länger als einen Tag tragen (…) Vielleicht gibt es Leute, die das tun, aber ich kann es nicht."

Wolfgang Kralicek in FALTER 47/2008 vom 21.11.2008 (S. 21)


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