Gemeinsame Sache

von Andrew Cowan

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Verlag: Haffmans
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 12/1999

Männlicher Schluchzkrampf

Mit "Gemeinsame Sache" hat der englische Neunziger-Jahre-Realist Andrew Cowan ein schönes Buch für werdende und eben gewordene Väter verfaßt.
Die Geburt ist gewiß ein Vorgang, der zumindest Mutter und Kind, in vielen Fällen auch den Vater auf existentielle Weise betrifft. Von gemeinsamer Sache kann, insbesondere was die Schwangerschaft und den Gebärvorgang selbst anbelangt, nur sehr eingeschränkt die Rede sein. Aus diesem Grund hat die fortschrittliche Schwangerschaftsbegleitmedizin nicht bloß das partnerschaftliche Unisono des Wehenveratmens, sondern auch den väterlichen Nabelschnurschnitt erfunden. Ersteres funktioniert fast nur in der Simulation, zweiteres dient ausschließlich dazu, das nur allzu berechtigte Überflüssigkeitsgefühl, das Demnächst-Väter im Kreißsaal befällt, zu betäuben. Ein nicht gerade besonders schwer zu durchschauender Hebammentrick.
"Als der primäre Geburtspartner werde ich alles bis auf die Schmerzen und Unannehmlichkeiten teilen und anschließend die Nabelschnur durchtrennen, um die Ankunft feierlich einzuleiten. Was eine große Verantwortung ist, wie ich mir durchaus bewußt bin", schreibt Ashley mit der ihm eigenen sanften Ironie an seinen jüngeren Bruder Doug-(las), der ein Weltbummlerleben zwischen Nepal und Guatemala dem Dasein eines englischen Arbeitslosen vorzieht. Wen wundert's - außer den eigenen Vater.
Jay und Ashley haben sich das - irgendwie - gemeinsam überlegt mit dem Kind, das Ashley wollte und die leicht hippieske Jay entgegen der Bedenken ihres Lebensgefährten moglichst technikfrei zur Welt bringen will. "Wir versuchen ohne das auszukommen", wehrt Ashley die pharmazeutischen Schmerzlinderungsangebote der Hebamme ab. Bis Jay unter dem Ansturm der Preßwehen das wacklige Wir endgültig zum kentern bringt und nach der Epiduralanästhesie brüllt.
In weiterer Folge der gemeinsamen Sache kommt ein blaues Mädchen zur Welt - Maggie, von Ashley auch zärtlich "maggot" (also Made) oder "Raupe" genannt.
Nach dem wunderbaren, mehrfach ausgezeichnetem Debüt "Schwein" ("Pig") hat der Haffmans Verlag nun auch Andrew Cowans Buch "Gemeinsame Sache" herausgebracht. Das ist nicht nur der literarischen Qualitäten dieses Autors wegen erfreulich - völlig zu Recht pries der Schriftsteller und Zeit-Magazin-Kolumnist Matthias Altenburg Cowans "schlackenlose Sprache" -, sondern auch deswegen, weil ein so unspektakulär und verhalten auftretender Autor die Mechanismen der Medien und des Marktes nicht unbedingt auf seiner Seite hat. Der 1960 geborene und heute mit Frau und Tochter in Norwich lebende Cowan ist eine Art literarischer Kitchen-Sink-Realist der neunziger Jahre, wobei sein Nirosta-Realismus weitgehend ohne Sozialelendspathos und klassenkämpferisches Muskelspiel auskommt. Aber gerade weil Cowans zärtlichem Deskriptivismus nichts zu banal ist, gelingen ihm immer wieder bestechende Beschreibungen des Alltäglichen, wie es sich an jener urbanen Peripherie ereignet, die Cowans sympathische Durchschnittsprotagonisten bewohnen - dort, wo sich Schnapsladen und Wohnsiedlung gute Nacht sagen, wo das Bauland für Vergnügungsparks und Umfahrungsstraßen aufbereitet wird, "wo die Stadt in Lagerhäuser und Fabriken ausfaserte". Ausfaserland, sozusagen. Daß dann auch noch ein Stück gemeinschaftlichen Grüns aus diesem herausgerissen und dem Straßenverkehr geopfert werden soll, sorgt für einen Nebenstrang der Handlung und für weitere Unentschlossenheit auf Seiten Ashleys.
So wie Ashley, dieser zwischen Sarkasmus und Spätsoftietum oszillierende Lehrer, der die mangelnde Aufstiegsaggressivität durch bodenständigen Bierkonsum kompensiert, einen Sicherheitsabstand zu dem einzuhalten trachtet, was man gemeinhin "das Leben" nennt (und sich dennoch zu der ein oder anderen Lebensentscheidung durchringt), so wahrt auch Cowan eine fast scheue Distanz zu seinen Figuren. Ohne eine forciert "kühle" Außenperspektive einzunehmen, bleibt er "außen vor", drängt sich nicht ins Innerste seiner Figuren, hält sich an Beschreibungen, an Dialoge und an Ashleys wunderbar aufrichtig-ironische Briefe: "Alles ist jetzt natürlich anders, aber so anders auch wieder nicht (...) der ,heftige Beschützergeist', auf den ich mich gefreut hatte, stellte sich nicht sofort ein, sondern hat sich langsam an mich herangeschlichen. In den Büchern heißt das ,Bonding' und wir werden ganz gut darin sein. Seit der Geburt (22. April, 10.44 Uhr) habe ich regelmäßige Anfälle von Sentimentalität, darunter auch ein männlicher Schluchzkrampf im Bus nach Hause von der Klinik (...)"

Klaus Nüchtern in FALTER 12/1999 vom 26.03.1999 (S. 14)


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