Die Eisenberg-Konstante
Fünf phantastische Erzählungen

von Eugen Egner

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Haffmans
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 51-52/2001

Vergesst Tolkien! Die fantastischen Erzählungen des Wuppertaler Genies Eugen Egner bringen die Synapsen zum Schmurgeln.

Man möge doch, bitte, Eugen Egner den Nobelpreis verleihen, ihn aber zumindest zum Papst wählen. Ich kann mich dieser Forderung des Schriftstellers Herbert Rosendorfer nur anschließen, auch wenn ich die Chance, dass ihr nachgekommen wird, als gering veranschlagen muss. Der nächste Papst wird sicher ein Balte oder ein Schwarzafrikaner, und der Nobelpreis für Literatur wird nächstes Jahr endlich an A.F.Th. van der Heijden gehen. Allerzumindest soll man also die Gelegenheit wahrnehmen und die zwei soeben erschienenen vanillefarbenen Egner-Bände rasch noch zu Weihnachten verschenken.

Die Egner-Kompilation "Aus der Welt der Menschen" hat kürzere Prosa (hauptsächlich aus dem Band "Als der Weihnachtsmann eine Frau war"; darunter die Meisterwerke "Verkelsbergh kriegt sein Fett" und "Erinnerungen eines Elektrogitarristen") zwischen zwei legendäre Diarien geklemmt: "Aus dem Tagebuch eines Trinkers" versammelt die zwischen Euphorie und Verzweiflung schwankenden Notate eines sehr entschiedenen Alkoholikers (12.7. "Wenn ich J.S. Bach wäre, würde ich folgenden Satz vertonen (Kantate): ,Ich bleibe oft lange auf, trinke viel und schäme mich für uns alle.' Elterliche Hausbar vorgeknöpft, wieder Notarzt" 17.7.).

"Die Tagebücher des W.A. Mozart" wiederum dokumentieren des Komponisten bekanntes Interesse an Randalen und am Analen sowie sein weniger bekanntes Desinteresse am Komponieren (glücklicherweise springt Nannerl ein: "beym nachtmahl hat sie mir sogleich die benöthigten stüke hingeschmirt auf einen schiss"). Ansonsten gibt es jede Menge Zores mit Salieri, der hauptsächlich damit beschäftigt ist, Mozarts Frau zu schwängern, diesem die Tür zu vernageln und Lichtleitungen zu verlegen.

Die Collageserie "Das Gesicht" arbeitet mit der stets gleichen Porträtfotografie (vermutlich des Autors), und das völlig entgleiste Konterfei, auf dem sich Demenz und Entsetzen malen, muss wohl als archetypischer Ausdruck des Egner'schen Protagonisten gelten, ist dieser doch stets den Attacken einer ihm feindlich gesonnenen Welt ausgesetzt. "Der Notfall erfordert alles!" heißt es in der 120 Seiten langen Erzählung "Mackarts Kopf", die in dem Erzählband "Die Eisenberg-Konstante" enthalten und so ziemlich das Dreisteste ist, was Egner je verfasst hat. Und das will etwas heißen, denn die Literatur des großen Wuppertalers, der auch ein begnadeter Zeichner ist, liest sich in etwa so, als wäre sie gemeinsam von E.T.A. Hoffmann, Philip K. Dick und David Lynch im Absinthrausch verfasst worden. Und das Leben der Egner'schen Helden ist ein Notfall in Permanenz. Dabei wären diese durchaus "nostalgisch motivierte Anhänger eines gemütlichen Trotts", wie es in der Titelerzählung heißt. Aber wenn man schon an der eigenen Frisur irre wird, kann von gemütlichem Trott natürlich nicht die Rede sein.

Kein Wunder, dass die Regierung beim Amt für Grapheologie ein "Werk gegen die Ratlosigkeit der Bevölkerung" in Auftrag gibt ("Antaporia practica"). Dass dergleichen Anstrengungen, wieder ein Bein auf den Boden einer ohnehin völlig perforierten Realität zu kriegen, nicht gänzlich zum Scheitern verurteilt sind, liegt am Walten des Hölderlin-Prinzips: Mit der Gefahr wächst das Rettende auch. Gerade in der höchsten Not - etwa dann, wenn der Icherzähler der Egner-Erzählung "Ein literarischer Kadaver" beim Versuch, als Icherzähler in ein selbsttätig sich veränderndes Romanfragment des Schundautors Arnold von Bosarth wieder Ordnung zu bringen, von Schimpansenmännern in Gummimasken gegen die Wand geknallt wird, findet er auf unerklärliche Weise aus der Bosarth'schen Textwelt wieder hinaus.



Neben Frank Zappa und C.G. Jung bedankt sich Eugen Egner in seinem jüngsten Buch auch bei Oliver Sacks. Kein Wunder, werden seine Figuren doch von Identitäts- und Wahrnehmungsstörungen gebeutelt, dass es nur so eine Art hat. Der Pilzsuppenfabrikant Thraun etwa ("Xylomania") ist ein hysterischer Hypochonder, der schon vom bloßen Ansehen oder Hörensagen von den entsprechenden Krankheiten befallen wird; und der Titelheld aus "Mackarts Kopf" leidet gar an der "Drusianischen Hippocampusfressung" - wenngleich an dem etwas harmloseren B-Typus. Bei dem Versuch, seinen Kopf wieder zu erlangen und zu diesem Zweck in Woraschtnogog, der Dachbodenwelt von Mardokhall, Frau Morski zu finden, unternimmt Mackart auch eine unfreiwillige Reise in die eigenen Abgründe - allem Anschein nach ist er ein notorischer Schneewittchenschänder -, bei der er verständlicherweise einen "neuronalen Schwelbrand" erleidet.

Die erzählerische Tour de Force, die der Einheit von Raum, Zeit und Figurenidentität Hohn spricht, kulminiert in Szenen von solcher Abartigkeit, dass die Beschreibungsmöglichkeiten der Sprache konsequent überfordert werden: "Im Zentrum solcher Unmöglichkeit prangte als alle Gesetze der Physik leugnende Bestalität eine Art Thron oder Altar aus einer glimmenden, wabernd pulsierenden Materie, und darauf saß, lag oder wand sich schwarz glänzend und so scheußlich anzusehen wie von einem bösartigen Irren während eines psychotischen Schubs zusammendeliriert die Marsgöttin Magnamonia Madox."

Klaus Nüchtern in FALTER 51-52/2001 vom 21.12.2001 (S. 85)


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