Morbus fonticuli oder Die Sehnsucht des Laien

von Frank Schulz

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Verlag: Haffmans
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 3/2002

Wenn Männer ein Doppelleben haben, geht es in den meisten Fällen um andere Frauen, mitunter auch Männer, fast immer um Sex. Je länger das Doppelleben aufrecht erhalten wird, umso mehr steigt die Gefahr, dass es doch ans Tageslicht gelangt und umso heftigere Reaktionen auslöst. Manche versuchen es daher mit Ehrlichkeit, aber auch das kann unbeabsichtigte Reaktionen auslösen: "Wenn ein Mann und eine Frau gerade miteinander geschlafen haben, sollten sie alles tun, nur eines nicht: offen und ehrlich miteinander reden. Die Frau sollte sagen: ,Mmm, das war schön', statt: ,Also, das ging schneller, als ich es mir gewünscht hatte', und er sagt besser: ,Mmm, das war wirklich gut', statt: ,Interessanterweise habe ich gerade entdeckt, dass ich meinen Orgasmus steigern kann, indem ich mir vorstelle, ich würde mit deiner besten Freundin schlafen.'"

Michael Adams ist weitgehend glücklich verheiratet, nur dass er seine multiple Vaterschaft - Catherine ist gerade zum dritten Mal schwanger - nicht gerade mit offenen Armen annimmt. Er findet kleine Kinder schlicht langweilig und fühlt sich vom eigenen Nachwuchs verdrängt und um seine Freiheit betrogen: "Wo einst ein Clash-Poster gehangen hatte, auf dem Joe Summer (recte: Joe Strummer, K.N.) eine Gitarre zertrümmerte, waren jetzt niedliche Kinderbildchen mit der Ratte und dem Maulwurf in Tweedanzügen und Knickerbockers zu sehen. Das war meine väterliche Kristallnacht", heißt es - politisch nicht ganz korrekt - in John O'Farrells Roman "Für das Beste im Mann". Aus diesen Gründen hat sich der Thirtysomething, der dem Beruf des Werbejingle-Komponisten nachgeht, für ein Doppelleben in einer Männer-WG entschieden, in der er abhängt, während er offiziell schwer gestresst in seiner Arbeitswohnung vor sich hin komponiert.

John O'Farrell ist ein Humorprofi. Er hat als Gag-Schreiber für die fantastische TV-Satire-Serie "Spitting Image" gearbeitet und den überaus amüsanten autobiografischen Roman "Things Can Only Get Better" (1999) geschrieben, in dem er erzählt, wie er als kleiner Labour-Funktionär seiner Partei 18 Jahre lang geholfen hat, eine Wahl nach der anderen zu verlieren. "Für das Beste im Mann" ist noch um einiges lustiger. Am leichtesten ist das natürlich in den Szenen, in denen Michael und seine WG-Mitbewohner auftreten; als da wären: der hyper-gelassene Jim, der nicht ganz so gelassene Lehrer Paul sowie Simon, der durchaus auch an Sex mit realen Frauen interessiert wäre, mangels Know-how aber auf das Internet angewiesen ist (Lieblings-Sites: Sex mit Tieren).

Nachdem Catherine ihrem Mann hinter die Schliche gekommen ist, reagiert sie entsprechend dramatisch. Dass der Thirtysomething, der im Herzen 18 geblieben ist, schließlich zum verantwortungsvollen Vater und Ehegatten heranreift, sei ihm vergönnt. Schade bloß, dass diese Wendung nicht ohne Klischees und kitschige Plattitüden auskommt. Nichtsdestotrotz kann "Für das Beste im Mann" jedem werdenden Vater für durchwachte Nächte empfohlen werden. Über weite Strecken ist es, wie der Brite so sagt, "a bloody good read" und sollte dementsprechend unbedingt im Original konsumiert werden. Um einiges gewichtiger hat Frank Schulz seinen Roman über das Doppelleben seines Protagonisten Bodo "Mufti" Morten angelegt: Das beginnt schon beim Titel "Morbus fonticuli oder Die Sehnsucht des Laien" und reicht bis zum Glossar, das auf Seite 765 endet. Man sollte sich davon aber nicht abschrecken lassen, denn Schulz widerlegt einmal mehr das blöde Klischee vom humorlosen Deutschen und setzt eine Linie, die, sagen wir mal, von Jean Paul über Arno Schmidt bis Eckhard Henscheid reicht, auf durchaus würdige Weise fort: Gelehrtheit verbindet sich mit kalkulierter Geschwätzigkeit, die spontansoziologische Großstadt-Phänomenologie trifft auf emphatische Naturbeschreibungen und hochtrabende Spekulationen eines ambitionierten neuroendokrinologischen Laien: "Ein Wörtchen mitreden - die Sehnsucht des Laien. Und sei's ,Scheiße'."

Der zyklisch angelegte Roman, der mit der Suche der Morten'schen Freunde und Freundinnen nach dem verschollenen Protagonisten beginnt und im letzten Abschnitt wieder in dessen Kindheitswald zurückkehrt, setzt sich über weite Strecken aus den Tagebucheintragungen des Icherzählers zusammen, in denen dieser nicht nur sein die Elbe überschreitendes Doppelleben niederlegt, sondern auch den Arbeitsalltag in der Redaktion der Gratis-Postille Elbe Echo mit all seinen Ritualen festhält sowie den am Tag der Eintragung geleisteten Nikotin-, Alkohol- und Sexkonsum penibel verbucht. "Morbus fonticuli" ist Heimat- und Hamburg-, Bildungs- und Büroroman zugleich. Und natürlich ein veritabler Bubenroman, in dem ein Led-Zeppelin-Fan des Jahrgangs 1957 (den der Held und sein Erfinder teilen) in der statistischen Lebensmitte von 37 noch immer nicht ins Erwachsenenzeitalter gefunden hat. Und noch immer keinen Krawattenknoten beherrscht.

Über acht Jahre und drei unterschiedlich erfreuliche Perioden hinweg wird Mufti Morten von Bärbel (sprich: "Bäärbul"; Kosename: Bülbül; abgeleitetes Verb: bärbeln; in jedem Falle: 102-60-105) auf Trab gehalten. Was zuallererst heftiges Bärbeln an allerlei Orten - von der Dusche bis zum Klo, vom Alsterpark bis zu den Tiroler Alpen und auf der Köhlbrandbrücke sowieso - beinhaltet, dann aber auch Depression, wehleidige Anrufe, Ultimaten und die angedrohte Zerstörung der Ehe mit "Liebeslebensglück" Anita, die im Vergleich zu ihrer voluminösen Konkurrentin eher zweidimensional bleibt. Dennoch gelingt es Schulz immer wieder, der einen oder anderen Nebenfigur Tiefe zu verleihen (etwa Mortens Chefin beim Elbe Echo, der ständig etwas überforderten Frau Schröder; Bärbels Verehrer, einem Blumenladenbesitzer, der sich und seine Frau erschießen wird; oder Bärbels religiöse Erbauungslyrik delirierenden Onkel Pauli). Andere werden - so wie der egozentrische, zynische, machistische, aber dennoch nicht unsympathische Chefredakteur Eugen Groblock - mit jenem Witz und jenem in der Umgangssprache verankerten und doch hochartifiziellen Idiom ausgestattet, das ganz wesentlich zum Charme des Buches beiträgt.

Flankiert wird Mortens langer, aber zielsicherer Weg in den Zusammenbruch (inklusive im Epilog nachgereichter Katharsis) von vielen lebenssteigernden und -verkürzenden Giften: "Ich verzehrte Biere en gros." "Wenn einem das alles ein Dritter zufügte, würde man ihn wegen Körperverletzung drankriegen." Und wenn es einen Satz gibt, der Mufti Mortens Doppelleben grundiert, dann ist es wohl der: "So geht's nicht. Schon gar nicht so weiter." Wie pflegte der von Morten und seinen Freunden verehrte Heino Jäger zu sagen: "Ganz richtig."

Klaus Nüchtern in FALTER 3/2002 vom 18.01.2002 (S. 56)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Für das Beste im Mann (John O'Farrell, Michaela Grabinger)

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