The Very Best of Deix

von Manfred Deix

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Diogenes
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 8/1999

Ich bin ein Behübscher

Manfred Deix will es nicht wahrhaben: Er ist 50 geworden.Der "Falter" sprach mit dem Zeichner über Gott (Robert Crumb) und die Welt (unveränderbar), über Freunde (Bruno Kreisky und Mike Tyson) und Feinde (Gerhard Haderer und andere Japaner), über "profil" und "Format".

Manfred Deix ist ein angenehmer Zeitgenosse, jedenfalls für Journalisten: Erstens hat er mittlerweile das größte Katzenklo Europas in ein katzenfreies Atelier umgewandelt, sodaß man ihn unbehelligt von Katzenhaar und -gestank interviewen kann; zweitens ist er einer der begnadetsten G'schicht'ldrucker des Landes, und drittens braucht man niemandem zu erklären, wer Manfred Deix ist.

Falter: Herr Deix, wenn man sich Ihre Bilder ansieht, müßte man eigentlich auswandern.

Manfred Deix: Wieso?

Weil sich offenbar nichts ändert.

Es hat sich nichts geändert in den 30 Jahren, aber das ist kein Grund auszuwandern. Ich bin draufgekommen, daß die Welt nicht reparabel ist, und wundere mich, daß sie überhaupt noch funktioniert. Ich bin der Überzeugung, daß das den Bach hinuntergeht, aber ich habe mich auch nie der Täuschung hingegeben, daß man mit Zeichnungen irgend etwas bewirken kann.

Einerseits ist es grauslich und schiach ...

Stimmt ja gar nicht. Grauslich ist das, was ich mache, überhaupt nicht. Ich untertreibe, ich bin ein Behübscher und Verharmloser.

Jedes Mal, wenn ich aus Italien zurückkomme, denke ich: Bei uns sind die Leut' eigentlich a bißl schiacha als woanders.

Nein, das ist nicht so. Ich sehe täglich die deutschen Talkshows, und da wird im Publikum immer mitgeschnitten. Da siehst du: Die Österreicher sind schöne Leute.

Es gibt ja auch in Österreich Unterschiede. Ich habe das Gefühl, daß Sie eigentlich hauptsächlich Niederösterreicher zeichnen.

Die haben mich geprägt. Ich komme ja aus der Gegend. Die Tiroler sind fescher, haben kernigere Gesichter. Es ist eine bessere Mischung. Die Wiener und Niederösterreicher sind dick, aufgedunsen, haben Schasaugen und kurze Nasen. Das ist wirklich so.

Sie zeichnen die seit 30 Jahren, und es sind immer noch die gleichen Figuren.

Mein Gott. Es ist so, als ob man das einem Fotografen sagen würde: Du fotografierst immer dieselben Leute. Ich bin auch nicht traurig darüber.

Es ändert sich doch etwas: Die jüngeren Generationen ernähren sich zum Teil anders ...

Größer werden s'. Jeder 16jährige ist eins neunzig, der hat die Eier dort, wo ich den Kropf hab'.

Was den Sex betrifft, ist es doch deutlich liberaler geworden, und man kann auch nicht mehr so provozieren damit.

Das ist gelaufen. Früher hat jedes Zumpferl Abo-Abbestellungen nach sich gezogen. Das hat mir der Lingens erzählt: pro Zumpf 50 Leser weniger. Die Liberalisierung hat aber auch ihre Nachteile - deutsche Talkshows. Da traue ich meinen Ohren nicht: Um eins am Nachmittag erklärt da einer, daß er sich ohne Vorhaut viel wohler fühlt. Das kann man nicht mehr toppen. Ich will das auch nicht. Das ist mir too much, zu liberal.

Diese sogenannte Liberalisierung produziert mehr Neurosen als vorher ...

... eben!

Jeder, der bloß wichst und nicht pausenlos originellen Geschlechtsverkehr mit Dutzenden verschiedener Partner hat ...

... kommt sich miserabel vor, wie ein Würschtel. Es herrschen Töne, wo ich mich fürchte. Ich kriege vom Pornojäger Humer immer diese fotokopierten Pornos zugeschickt. Da sind bedrückende Fotos dabei - mit abgebundenen Brüsten, an denen eine Klammer und ein G'wicht dranhängt. Das ist Sadismus, und das ist schlecht. Wenn ich das als 14jähriger gesehen hätte, hätte ich mich anders entwickelt. So weit soll's nicht gehen. Kinderschänder oder Snuff-Movie-Produzenten sollen hart angepackt werden. Scheiß' auf die halbmoderne Toleranz.

Sie sind ja nicht der Humer. Was reden Sie denn mit dem?

Er schimpft mich am Telefon und heißt mich das letzte Oaschloch, dann sag' ich: "Sie san a Oberoasch." Das ist saftig, das ist okay. Er hat mir gesagt, wenn er wieder in Wien ist, ruft er mich an, und wir gehen auf ein Bier. Sage ich: "Gerne."

Und ist es zu dem Treffen gekommen?

Nanana.

Und Kurt Krenn?

Der gefällt mir: Erstens, weil er was hergibt, und zweitens, weil er ein wirklich glaubwürdiger Vertreter seines Konzerns ist, der sagt, was Sache ist. Die Kirche ist ein autoritärer Brutalverein, und ihre Vertreter sollen als Fundamentalisten auch erkennbar sein. Ich möchte Feindbilder haben, und der paßt perfekt.

Mit den Schüllers und Schön-borns ...?

Ach Gott, der Schönborn ist eine trübe Tasse. Da (zeigt auf ein Bild) habe ich ihn eh gezeichnet, wie ihm der Krenn einen Oaschtritt gibt. "Schiachborn" sagt er zu ihm. Das sind die kirchlichen Weicheier. Daß er mit dem Turrini befreundet ist, finde ich super.

Haben Sie eigentlich eine Vorstellung, wie die Menschen auf Ihre Sachen reagieren?

Nein. Ich gehe fast nicht mehr weg und habe kein Feedback.

Es ist eigentlich das einzige in den Magazinen, worüber man redet: "Hast des g'seh'n vom Deix?"

Na, wirklich wahr? Wollt ihr mich scharf machen? Meint ihr das ernst?

Aber das wissen Sie doch.

Ich schwöre es, meine Katzen sollen blind werden, ich habe keine Ahnung. Mir sagt ja keiner was. Ich habe gedacht, ich bin längst schon von Haderer und vom Klein hinweggefegt.

Ist Ruud/Iwan Klein ein Gegner?

Nein, um Gottes Willen, ich schätze, was der macht. Aber über den Haderer habe ich mich geärgert, denn der hat alles von mir gestohlen. Ich habe etwas über für elegante Diebe, die Grandezza haben und etwas fladern, ohne daß du es merkst. Aber er macht das so plump: Er nimmt mir die Figuren weg, schaut sich vom Helnwein die Maltechnik ab, und vom Asterix-Zeichner holt er sich die Gestik der Figuren ... Was der an Humor und Scherzen macht, ist dermaßen nebensächlich, fad und chiffriert ... Das sind ja gemalte Schwedenrätsel.

Aber Sie und Haderer sind ja schon von der Maltechnik her natürliche Feinde.

Ja, in Wahrheit ist er ein Japaner. Und Japaner sind ned meine Haberer, weil die alles nachmachen. Die haben sich sogar an Jeans vergriffen. Die sollen Kimonos machen, aber nicht sich an hohem Kulturgut vergreifen. Das tut man nicht. Aber ich habe euch unterbrochen. Über mich wird also noch geredet?

Ja, sicher. Sonst wären wir nicht da. Wir sind keine Samariter.

Ihr habt's mich oft beleidigt, ihr Schweine.

Vor 20 Jahren habe ich (A.T.) einmal geschrieben, daß der "Falter" die einzige Zeitung ist, in der sicher keine Deix-Zeichnung erscheinen wird. Da haben wir einmal im Oswald & Kalb gestritten.

Und was habe ich gesagt?

"Du Trottel" - irgend so was.

Wirklich wahr? War ich schroff im Ton?

(Gelächter.)

Das wundert mich, so kenn' ich mich ja gar nicht.

Sie waren narzißtisch gekränkt.

Absolut.

Sie haben sich gedacht, wir müssen kommen und sagen: "Bitte, lieber Herr Deix, wir hätten gern eine Spende."

Das hätte ich gerne gehabt. Da wäre ich sehr lieb gewesen. Vor dreieinhalb Jahren bin ich in einem Nebensatz von euch gelobt worden, und dann hat derjenige geschrieben: "Geh nicht so oft in deutsche Talkshows, Manfred. Es ist schade um dich." "Der Künstler ist offenbar in einer Krise", ist gestanden. Das hat gestimmt. Ich war down und habe literweise Rotwein getschechert.

Wie ist das jetzt mit dem Alkohol?

Vorbei. Ich habe mich vom besten Arzt behandeln lassen. Die Kur hat drei Monate gedauert, ich habe jeden Tag zwanzig Tabletten und zwei Injektionen gekriegt. Ich habe nichts mehr zusammengebracht. Vor einer Signierstunden habe ich meine Handschrift zu Hause ausprobiert - die war nicht mehr leserlich. Ich bin aufgestanden und habe ein Achterl Wodka in zwölf Sekunden runtergesoffen. Fünf Minuten später habe ich die schönste Schrift meines Lebens gehabt. Das ist ein paar Monate so gegangen, bis ich gemerkt habe, daß es eng wird, weil ich nicht einmal mehr stehen konnte. Heute trinke ich ein paar Glaserln Sekt oder Campari Orange.

Wir haben eh schon ein schlechtes Gewissen, daß wir hier Bier trinken.

Naa. Null Problem. Es gibt keinen Alkohol, der mich scharf macht - außer Rotwein. Ein Glaserl davon, und ich sauf' drei Liter. In einer Stunde. Den habe ich mir zum Todfeind gemacht: Rotwein ist der Todwein.

Und wie ist das mit dem Fünfziger?

Ich habe immer das Gefühl, Ende 30 zu sein oder in Wahrheit 15 - ein gealtertes Mädchen. Und plötzlich merke ich: Der Fünfziger ist so was von bedrohlich. Ich habe mir immer gedacht: Das werde ich nicht erleben. Jetzt versuche ich, mit dem Umstand umzugehen, und bin sehr unzufrieden. 50 ist wie 60, da ist kein Unterschied.

Heute sind Sie fast omnipräsent. Ursprünglich waren Sie nur bei "profil" und sind, wie Sie im letzten Interview mit dem "Falter" (49/93) erzählt haben, von Leuten wie Lingens und Voska unterstützt und gehalten worden.

Ich habe nie familiäre Gefühle gegenüber einem Verlag gehegt. Ich habe immer gewußt, daß ich ein kleiner austauschbarer Lohnzeichner bin.

Das letzte "Format" hat mit Deix Fernsehwerbung gemacht.

Es ist eines meiner peinlichsten Covers. Respekt für die Fellners oder Mitleid, weil sie nicht wissen, daß es so schlecht ist.

Will "profil" Sie nicht mehr?

Es hat damit begonnen, daß die Altspatzen weggegangen sind und die neue Garde gekommen ist: Czernin und dieser katholische, rotbackige Bub, mein Spezialfreund Votzi ... Da ist das Verhältnis dann etwas unpersönlicher geworden. Der Lingens war ein sehr nervöser Vogel, und wir haben ganz gut miteinander gekonnt - mit Beleidigungen, Raufhändel und solchen Sachen. Er ist einmal auf mich losgegangen und hat wegen einer Zeichnung mit mir zu raufen begonnen.

Zu raufen?

Lingens hat gesagt: "Machen Sie irgend etwas Grauenhaftes über den Peter (der damalige FPÖ-Chef Friedrich Peter wurde seiner SS-Vergangenheit überführt, Red.). Also habe ich den Peter mit einer hakenkreuzartig verwachsenen Klaue gemalt, über die er sich gerade einen Gary-Glitter-Stiefel anziehen will. Das Bild war erschütternd gut, beklemmend. Und Lingens wollte, daß ich die Klaue übermale. Habe ich gesagt: "Ich kann doch nicht das Thema wegradieren, das macht keinen Sinn." Daraufhin nimmt mir Lingens das Bild weg. Sage ich: "Hallo, das ist mein Bild." Sagt Lingens: "Das wird der Eybl verbessern." Antworte ich: "Das schon gar nicht." Daraus hat sich dann eine Rauferei entwickelt. Zwei Monate später kommt er mir entgegen und sagt: "Mein Gott, mir tut das so leid, Herr Deix. Ich hätt' wieder eine gute Idee für Sie."

Ist das heute auch noch so, daß Chefredakteure Ideen haben?

Das habe ich mir von Anfang an verbeten. Der Lingens hat halt versucht, mir auf die Beine zu helfen, aber die Ideen waren schlecht, so wie Journalisten meistens miserable Ideen haben. In der optischen Umsetzung versagt ihr und alle anderen auch.

Aber Dichand hat Sie doch zensuriert?

Das hat's gegeben. Für die Krone habe ich zwischen 1991 und 1995 gemalt und mich natürlich selber zurückgenommen. Der Dichand hat gesagt: "Herr Deix, wissen S', wenn's irgendwie geht, keine Zumpferl. Das sehen auch kleine Kinder." An dieses Agreement habe ich mich gehalten. In dieser Zeit ist aber Groe¬r als Spatzgreifer und Eichelküsser geoutet worden, und Dichand hat gemerkt, daß ich gegen seinen Du-Freund Groe¬r antrete und den - im profil - verhohnepiple. In einem Interview mit Kirche intern hat Dichand gemeint: "Wenn der Herr Deix weiterhin so kirchenfeindlich auftritt, werden wir uns von ihm trennen müssen." Das ist dann auch passiert. Der offizielle Anlaß war, daß ich zu spät geliefert habe. Das habe ich mein Leben lang getan.

Wie war eigentlich Ihre erste Begegnung mit Dichand?

Das war Mitte der siebziger Jahre, bei der Brauneis am Naschmarkt - ein kleines Tschecherl am Ende des Flohmarkts, wo die proletarischen Schwulen hingegangen sind, warme Möbelpacker. Toll! Eine Bekannte hat uns einander vorgestellt, und ich habe gesagt: "Wissen S' was? Sie und Ihr gschissener Staberl sind schuld, daß dieses Land so miserabel beinand ist. Ich wünsche Ihnen das Schlechteste." Er hat sich das alles gefallen lassen, ratlos zugehört und gesagt: "Jaja, tadellos. Gefällt mir aber, daß Sie so sind - das deckt sich mit Ihrer Arbeit." Jahre danach hat er mich wissen lassen, daß er mich gerne hätte.

Wie sehen Sie den Krieg der Magazine?

Ich finde es gut. Da geht was weiter. Und profil hat ja durch Format wirklich profitiert, hat sich verbessert, ist bunter und attraktiver geworden - obwohl ich mich gewundert habe, daß man derart was von stehlen kann. Die haben das Format ja eins zu eins abgekupfert. Verblüffend!

Eigentlich eine ziemlich pubertäre Angelegenheit.

Das ist eine Bubengeschichte zwischen den Herausgebern. Und dann machen die auf Persönlichkeit und sagen: "Einmal zu Weihnachten treffen wir uns auf einen Kaffee." Die jungen Spritzer machen auf alte Herren. Mein Gott, ist das kitschig! Junge Buben, die große, handgemachte Schuhe anhaben.

Wie läuft der Kontakt zur Redaktion?

Alle Wochen gibt's ein Telefonat, die erfahren von mir, was ich wahrscheinlich machen werde, und haben das zu fressen. Weil ich so spät liefere, bleibt ihnen auch gar nichts anderes über.

Da liegt nie was auf Halde?

Ich habe 25 Jahre versucht, etwas auf Vorrat zu produzieren, ich habe es nicht ein einziges Mal geschafft. Es passiert immer in der Nacht vor der Abgabe.

Aber das Thema haben Sie?

Klar, ich bin ja dauernd themenschwanger. Ich habe über hundert Fernsehprogramme, und was sich aufdrängt, verwende ich.

Und wieviel schauen Sie?

Der Apparat rennt gute 20 Stunden am Tag. Permanent. Rechts rennen die Beach Boys und Chuck Berry, links rennt der Fernseher. Beides mit Ton.

Sie sind dauernd auf Empfang?

Nach so vielen Jahren ist das ein Automatismus, den ich nicht mehr handhaben kann. Darüber bin ich einerseits froh, andererseits bin ich im permanenten Streß. Bei jeder Sitcom oder Talkshow denke ich mir: Um Gottes willen, das könnte man besser machen. Jetzt gibt's diese armselige neue Serie "MA 2412", davor den "Kaisermühlen Blues", der auch miserabel ist. Die Hund bringen alle nichts z'samm. Der einzige Harald Schmidt, der ganz gut ist. Der Rest an Humor ist so unter dem Hund, daß ich permanent angespannt bin.

Und die Simpsons?

Eine Ausnahme. Ich rede von den Deutschen, die san olle im Oasch. Und die Österreicher sind noch schlechter.

Und was zählt?

Ich habe zwei Lieblingsfilme: "Manche mögen's heiß" und "Ein seltsames Paar" mit Walter Matthau und Jack Lemmon - ein Bombardement an guten Schmähs.

Haben Sie eigentlich Terry Zwigoffs Film über Robert Crumb gesehen?

Nicht einmal, sondern achtmal. Ich bin nicht gläubig, aber an Robert Crumb glaube ich, der ist ein Gott. Die Härten zu haben! Seit Jahren hat er seinen Hut auf, die unmodernste Hose der ganzen Welt, geht herum, grinst ...

... und holt sich viermal am Tag einen runter.

Öfter! Ein Heiliger. Ein Genie.

Sie kennen Ihn aber nicht.

Nein.

Interessiert Sie auch nicht?

Natürlich würde ich den gerne kennenlernen. Aber ich will den Leuten nicht auf die Nerven gehen. Ich habe auch den Kontakt zu den Beach Boys nicht gesucht, der ist mir von Tempo aufgedrängt worden. Prompt war's so, daß sich Brian Wilson vor mir und meinen Bildern gefürchtet hat. Er hat einen Polster schützend vor sich hingehalten und sich ins Sofa verkräult.

Haben Sie eigentlich persönlichen Kontakt zu den Politikern?

Nein. Ich bin ja nicht der Nitsch. Auch der Attersee - der ist g'stellt, wenn er wo ein bißl antichambrieren darf.

Die Politiker kaufen auch keine Bilder?

Aber doch nicht von mir.

Nicht einmal Kreisky?

Der schon. Der war der große Befreier für mich.

Den haben Sie aber schon gekannt?

Der hat mich zu seinem 70. Geburtstag eingeladen ins Belvedere. Ich habe aber keine Ausgehkleidung gehabt. In meiner Verlegenheit habe ich mir von meiner Frau ein schwarzes Sakko ausgeborgt. Da waren Kerzenwachsflecken oben, die haben wie Tschuri ausgesehen - ein trauriger Auftritt. Kreisky hat mich nur halb wahrgenommen, wir haben zwei Minuten Smalltalk gemacht, das war's.

Sie haben nicht mehr mit ihm zu tun gehabt?

Doch. Zu der Zeit habe ich ein Haus gesucht - für die Katzen. Also bin ich zum Lingens gegangen und habe gesagt: "Ich will einen Kredit haben." "Nein, das wird nicht gehen. Aber ich habe eine gute Idee: Ich ruf' den Kreisky an." Frag' ich: "Was hat der Kreisky damit zu tun, wenn ich ein Haus such'?" "Ja, der kennt den Kahane, und der hat Geld. Laß' mich nur machen." Drei Tage später, um zehn in der Früh, läutet das Telefon. Der Kreisky ist dran und sagt, daß er mich schon lange bewundert und daß er vom Herrn Lingens erfahren hat, daß ich ein Haus suche. "Wenn ich Ihnen helfen kann ..." Damals ist gerade der erste Teil seiner Autobiografie rausgekommen. "Ich bin kein reicher Mann, aber dieses Akonto, diese zweieinhalb Millionen, die kann ich Ihnen borgen." Ich bin seinerzeit im Belvedere als schwerer B'suff vor ihm gestanden, mit verpickten Federn - nicht gerade das, was man einen Charmeur nennt. Und jetzt ist er bereit, mir zweieinhalb Millionen zu borgen. Ohne zu fragen, wann er die wieder zurückbekommt. Daß ich Gänsehaut kriege, wenn ich von dem Mann nur rede, versteht Ihr?

Und er hat Ihnen das Geld tatsächlich geborgt?

Ich hab's abgelehnt. Ich habe gesagt: "Sie beschämen mich, ich bin ewig dankbar, und mein Herz gehört auf Lebenszeit Ihnen." Ich wollte ja nur einen Kredit, und Kreisky hat dann einen Kontakt mit dem Kahane hergestellt. Weil ich aber nichts hatte, außer einem alten Jaguar, meinem Gewand und den Bildern, habe ich von denen nichts mehr gehört.

Verkaufen Sie Ihre Bilder denn?

Wenn s' wer haben will.

Was kosten die?

50 aufwärts, je nach Sympathie.

Jede Woche mindestens zweimal ein Fuffzger ...

Locker.

Sie sind Milliardär!

Eh. Zloty-Milliardär.

Das können ja auch nicht nur die Katzen gefressen haben.

Die kosten mich im Monat 70.000.

Also zwei Bilder im Monat sind für die Katz'.

Eineinhalb.

Wie strukturieren die Katzen Ihren Tagesablauf?

Sie bestimmen meinen Lebensrhythmus. Die sind Schuld daran, daß ich nur in der Nacht arbeite, daß ich wahrscheinlich schon drei Krebse habe, weil ich rauch' wie ein Bär.

Sind Sie schwerer Hypochonder?

Nicht wirklich. Aber ich habe einen wirklich schweren Lungeninfarkt gehabt und habe seit zehn Jahren die Auflage vom Arzt, nie wieder zu rauchen. Unter 120 Tschik am Tag spielt's aber nix.

Gehen Sie zum Arzt?

Nie. Ich meide Ärzte.

Sport machen Sie auch eher weniger?

Der einzige Sport, der mich je interessiert hat und mich immer noch interessiert, ist Boxen. Das habe ich auch selber gemacht.

Gesundheitsboxen oder auf echt?

Nein, nein, nicht Gesundheit. Ich wollte Leut' in die Gosch'n hau'n, um das ist es mir gegangen. Ich habe aber nie jemand ins Gesicht geschlagen. Ich war ein Körperschläger und habe genau gewußt, wo's sehr weh tut, wo die Leber ist, wo die Nieren sind ...

Ist aber auch nicht so ganz erlaubt.

Ein bißl ein Untergriff ist schon drin. Muhammad Ali ist neben Robert Crumb einer meiner großen Vorbilder. Er ist wirklich ein Genie und ein sehr lustiger Mensch. Auch der Mike Tyson gefällt mir sehr gut - ein Künstler und Philosoph.

Aber ein bißl ein Oasch.

Nein, das lass' ich nicht durchgehen. Der ist schlecht aufgewachsen. Der hat immer Tauberln g'habt, und wehe, es hat jemand der Taube was getan - der ist dann im Rollstuhl weggefahren. Schön. Tyson ist ein Heiliger.

Die Damen denken da vielleicht ein bißl anders.

Sicher, aber ich bin keine Dame.

Klaus Nüchtern in FALTER 8/1999 vom 26.02.1999 (S. 24)


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