Witwe für ein Jahr

von John Irving

€ 26,70
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Übersetzung: Irene Rumler
Verlag: Diogenes
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 768 Seiten
Erscheinungsdatum: 12.02.1999

Rezension aus FALTER 12/1999

Der mit dem Wort ringt

Auch für John Irvings jüngsten Wälzer "Witwe für ein Jahr" gilt die alte Journalistenweisheit: Zuviel Recherche haut die beste Geschichte zusammen.
Schreiben ist wie Ringen. Man braucht Disziplin und Technik. Man muß auf eine Geschichte zugehen wie auf einen Gegner." In den meisten seiner bisherigen Bücher, von "Hotel New Hampshire" bis zu "Owen Meany", hat sich der heute 57jährige passionierte Ringer und Schriftsteller John Irving an dieses Diktum gehalten. Und damit veritable Erfolge eingefahren. Seine Werke sind Musterbeispiele anspruchsvoller Unterhaltungsliteratur. Leicht zu lesen, kurzweilig und humorvoll. Nicht zuletzt deshalb gilt Irving stets als verläßlicher Fixstarter für eine Pole-position auf den internationalen Bestsellerlisten.
Auch der neue Roman "Witwe für ein Jahr" verspricht Großes. Schon allein des Umfangs (768 Seiten) und des erzählten Zeitraums (37 Jahre) wegen: In drei Abschnitten ("Sommer 1958", "Frühjahr 1990" und "Herbst 1995") wird die Geschichte der Schriftstellerin Ruth Cole erzählt. Daß sich der Autor dabei einer eher umständlichen Schreibe bedient, ist unerfreulich; daß solche stilistischen Eigenheiten nicht durch eine gute Story aufgewogen werden, ist ärgerlich, und daß diese Mängel bei der bisherigen, durchwegs positiven Rezeption des Romans offensichtlich übersehen wurden, ist verwunderlich.
Ungelenk kommen bereits einige der Kapitelüberschriften daher, welche die drei großen Abschnitte des Romans inhaltlich gliedern und entweder Bedeutung suggerieren oder auf betuliche Art humorig sein wollen. Gleich die erste, "Der unzureichende Lampenschirm" (die kleine Ruth Cole überrascht ihre Mutter mit dem 16jährigen Eddie O'Hare beim Geschlechtsverkehr. Geschockt kann der so ertappte Teenager seine Bloße mit dem genannten Utensil nur mangelhaft verdecken ...), gibt den Ton vor. Weiter geht's mit "Eddie langweilt sich - und ist scharf" (über die Erotik von unrasierten Achselhohlen ...), "Eine Onaniermaschine" (... genau) oder "Die Autorität des geschriebenen Wortes" (Reden ist Silber, Schreiben ist Gold …).
Auch wenn eine Kritik der Überschriften natürlich zu kurz greift, findet man doch in den Headlines, was für den gesamten Roman charakteristisch ist: ein plakativ-forcierter Wille zur Story, die aber nicht so recht in Gang kommt, weil einzelne Teile unmotiviert, langatmig und zudem nicht wirklich glaubwürdig sind. Wohl wissend um diese Schwäche versucht Irving zu kaschieren. Durch Beschreiben von Nebensächlichkeiten: Die wiederholten Beschreibungen spezieller Schlagtechniken und die ausführliche Auflistung der speziellen Merkmale von Linkshändern mogen Squash-Fanatiker interessieren, für den Verlauf der Handlung sind sie irrelevant. Diese nimmt oft schier haarsträubende Wendungen und steuert so penetrant auf ein unrealistisches Happy-End zu, daß selbst Irving wohlgesonnene Leser nicht mehr folgen konnen bzw. wollen.
Hinzu kommt noch des Autors unglückselige Tendenz zu verstiegenen Formulierungen und überflüssigen Adjektiven. Warum sollte man nicht einfach lieber mal eine Wortwiederholung riskieren, anstatt sich in holprigen Umschreibungen zu ergehen? Respekt notigt einem allenfalls die genaue Recherche der Fakten ab. Diese sollten aber Mittel zum Zweck sein, das Unterfutter für den Plot sozusagen. Leider ist es im vorliegenden Falle umgekehrt. Offensichtlich hat diesmal der Wille zu Disziplin und Technik die Geschichte niedergerungen.

Erwin Quirchmair in FALTER 12/1999 vom 26.03.1999 (S. 12)


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