Entwurf einer Liebe auf den ersten Blick

von Erich Hackl

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Diogenes
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 12/1999

Dokumentarisches Märchen

Erich Hackl setzt mit seiner neuen Erzählung "Entwurf einer Liebe auf den ersten Blick" seine historische Gedächtnis- und Gewissensarbeit fort.
Der osterreichische Sozialist Karl Sequens kämpft im Spanischen Bürgerkrieg gegen Franco, wird 1937 verwundet und lernt im Spital von Valencia in der Pflegerin Herminia die Liebe seines kurzen Lebens kennen. Spontanhochzeit, kriegsbedingte Trennung, ein Jahr später die Geburt der Tochter Rosa Maria. Nach der Niederlage Flucht nach Frankreich, getrennte Internierungslager. Karl entschließt sich zur Rückkehr nach Österreich und wird prompt und entgegen offiziellen Versicherungen ins KZ deportiert. Tod wahrscheinlich 1945 in einem Nebenlager von Buchenwald. Frau und Kind, die er nach Wien nachkommen ließ, hat er nicht mehr gesehen. Der neue osterreichische Staat sieht keine Veranlassung, sich ihrer anzunehmen.
Erich Hackl stellt seine ganze literarische und essayistische Arbeit in den Dienst der von der Geschichte Besiegten. Man müßte in unsere gesamtgesellschaftliche Verfassung und ihre Politik ausgreifen, um deutlich zu machen, wie beschämend rar und unzeitgemäß inzwischen Hackls soziale Parteinahme in ihrer Entschlossenheit, Konkretheit und Genauigkeit ist.
Hackl versteht sich als Chronist, der bewußt auf wissenschaftliche Distanz des Historikers verzichtet. Als solcher stellt er sich die schwierige Aufgabe, Dokumente in Literatur zu verwandeln. Wobei dieses Unterfangen die Unmoglichkeit vollkommenen Gelingens schon in sich trägt - zu disparat sind die dokumentarischen und die literarischen Ansprüche. Die Betroffenheit, die Hackls Bücher erzeugen, nimmt allerdings die Lust, als literarischer Purist anzutreten, zumal die "reinen" Gattungen von Wissenschaft und Belletristik ihre "Vollkommenheit" oft genug aus ihrer Selbstgenügsamkeit beziehen.
Fakten und Zitate grenzt Hackl deutlich von den wenigen eigenen Vermutungen und Kommentaren ab. Dennoch wird das Dokument zum Märchen, das besagt: Es gibt die Liebe bis zum Tod; Gut und Bose sind sauber geschieden; Gesinnungssozialisten sind gut. Die psychischen Motive von Hackls Helden bleiben unangetastet. Hackls Dokumentarismus ist mitsamt seinem ausgewiesenen Ist-Gehalt ein Soll-Projekt; wer das Unrecht so gewissenhaft nachweist, mochte es verhindern. Seine Bücher sind Gesinnungsliteratur, deren ästhetisches Vorgehen genau überlegt ist, und man ist nicht auf den außerliterarischen guten Willen angewiesen, um das Buch auch innerliterarisch gut finden zu konnen.
Hackls Schreiben enthält so etwas wie soziale Zärtlichkeit: Die Liebe zu seinen leidenden Helden führt zu einer seltenen literarischen Dezenz, die instinktiv weiß, wieviel Abstand man wahren muß, um diese Zuneigung auch zu vermitteln; die Dokumentation der äußeren Biografie (z.B. von Karl und Herminia) entwirft immer auch eine innere Biografie: in der Zartheit des Unausdrücklichen. Eine entscheidende Frage für Hackls poetische Methode ist also: Wieviel Kommentar braucht bzw. verträgt das Dokument, ohne diese Zartheit zu verspielen? Hackl steigt in die undokumentierbaren Räume seiner Geschichte ganz behutsam ein: "(...) ungefähr so, stelle ich mir vor"; "(...) ich sehe ihn vor mir, wie er"; "(...) ich kenne den Fortgang der Geschichte. Und weil ich ihn kenne, male ich mir aus". Nur an wenigen Stellen, meine ich, wird Hackl in seinen Kommentaren zu ausdrücklich.
Auch das Dokument ist ästhetische Form; Hackl handhabt seinen Dokumentarismus geloster als in seinen früheren Romanen: Dokumente sind in seiner Hand keine Trümpfe, sondern bleiben in der bescheidenen Rolle ihrer unzureichenden und bruchstückhaften Beweiskraft. Vielleicht ist es gerade diese unaufdringliche Handhabung des Dokuments, die dem Buch die dokumentarische Überzeugungskraft zuliefert.

Helmut Gollner in FALTER 12/1999 vom 26.03.1999 (S. 8)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb