I.M.
Ischa Meijer, In Margine, In Memoriam

von Connie Palmen, William Eggleston

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Diogenes
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 41/1999

Die niederländische Bestsellerautorin Connie Palmen hat eine autobiografische Erzählung geschrieben: eine Liebesgeschichte mit brutalem Ende.

Aus dem Tagebuch des Rezensenten: Im April 1996 bekam ich den Auftrag, die in Wien weilende niederländische Autorin Connie Palmen für den Rundfunk zu interviewen. Ich erwartete eine selbstbewusste, junge Frau zu treffen. Connie Palmen musste einfach eine selbstbewusste, junge Frau sein – die Lektüre ihrer Bücher ließ gar keinen anderen Schluss zu. Ich betrat also die Hotellobby – und erschrak: Die Frau, die auf mich wartete, zerquetschte eine halb gerauchte Zigarette, erhob sich hastig vom Stuhl und reichte mir mit bleichem Gesicht die Hand. Sie hatte tiefe Ringe unter den Augen und machte einen mehr als derangierten Eindruck.
Heute kenne ich den Grund für Connie Palmens damalige Verfassung. Im Februar 1995, ein Jahr vor unserer Begegnung, war ihr Lebensmensch, der holländische Talkmaster, Schriftsteller und Journalist Ischa Meijer, nach einem Herzinfarkt gestorben. In ihrem soeben auf Deutsch erschienenen Buch "I.M." setzt Palmen diesem Mann, mit dem sie vier Jahre lang eine intensive Amour fou verbunden hat, ein Denkmal.
Die Liebesgeschichte zwischen den beiden beginnt mit einem Flash. Die 36-jährige Schriftstellerin hat gerade ihr erstes, erfolgreiches Buch veröffentlicht, Ischa Meijer ist einer der Stars der niederländischen Medienszene, eine Mischung aus Robert Hochner und Robert Menasse: Jude und Exzentriker, Formulierungskünstler und Narzisst, Maniker und Melancholiker – halb Feuerkopf, halb kleiner Junge. Als er die Schriftstellerin in seine Radio-Talkshow einlädt, knistert es von der ersten Sekunde an. Wenige Stunden nach dieser Begegnung sind die beiden ein Paar. Connie Palmen weiß, dass ihr Gegenüber einen denkbar schlechten Ruf genießt: Ischa Meijer gilt als unverbesserlicher Don Juan. "Connie", sagte er mitten in der Nacht, "ich kann nicht treu sein. Ich werde immer wieder zu anderen Frauen gehen, aber ich möchte jeden Abend zu dir zurückkommen. Nicht weinen."
Connie weint nicht. Sie weiß, dass sie diesen Mann nur halten kann, wenn sie ihn gehen lässt – psychologisch gesprochen. Und das gelingt. Ischa bleibt treu, lässt sich vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben auf eine Beziehung ein. Die Schriftstellerin und der Talkmaster – das Glamourpaar der Amsterdamer Szene. Die beiden stürzen sich mit Inbrunst in ihre Liebe, kommen tagelang bisweilen nicht aus dem Bett, delektieren sich an Schnulzen von Adamo, reisen im Chevy durch Amerika. Ischa schreibt Gedichte. Die gehen so:

"Wär ich David,
schrieb ich Psalmen,
nicht für den Herrn,
nein, für Connie Palmen."

Die Liebe als Sucht. Für ihn und für sie. "Erst wenn ich bei ihm bin", schreibt Connie Palmen, "kann ich wieder an etwas anderes denken als nur an ihn." Vier Jahre währt das Glück. Dann stirbt Ischa Meijer mit 52 Jahren völlig überraschend an einer Herzattacke.
Connie Palmens Buch ist ein Stück Trauerarbeit. Im ersten Teil ihres Berichts, auf 350 Seiten, beschreibt die Autorin die Jahre des Liebesrausches, auf den letzten vierzig, "in memoriam" übertitelt, versucht sie den Schmerz zu bewältigen, der sie nach Ischas Ableben fast zerstört hat. "Mein Vater hat mich von seinem Tod unterrichtet. Telefonisch", schreibt sie: "Ich habe gebrüllt. Ich habe den Hörer aus der Hand fallen lassen und gebrüllt." Und dann, in der Pathologie der Lucasklinik, die letzte Begegnung mit dem Gefährten. Sie klettert auf den Leichnam, legt sich auf ihn: "Er wird warm von meinem Körper, aber er wird nicht mehr weich und lebendig. Nichts gibt nach, nicht einmal seine Hoden. Am liebsten würde ich immer so liegen bleiben."
Wie in Trance durchlebt Connie Palmen die Tage und Wochen nach Ischas Tod. Sie fällt aus der Zeit, aus dem Alltag, ihr Körper rebelliert: "Ich habe seit der Stunde seines Todes nichts mehr gegessen. Meine Haut glüht vor Entsagung."

Connie Palmens Bericht bezieht seine Kraft aus der Authentizität. Der Stil ist frei von jeglichem Schwulst, die Holländerin schreibt knapp, trocken, sachlich. Jedes Wort kauft man ihr ab. Connie Palmen hat ein rücksichtsloses und berührendes Buch geschrieben, eine Liebeserklärung post mortem. Wie war doch der Titel eines Lieblingssongs von Ischa Meijer: "Thanks for the Memories."

Günter Kaindlstorfer in FALTER 41/1999 vom 15.10.1999 (S. 8)


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