Liebesfluchten

von Bernhard Schlink

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Diogenes
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 4/2000

Thematisch knüpft Bernhard Schlink mit "Liebesfluchten" an seinen Bestseller "Der Vorleser" an. Sprachlich geht allerdings einiges schief.
Der 55-jährige Jurist Bernhard Schlink ist derzeit vermutlich der erfolgreichste deutschsprachige Schriftsteller. So erfolgreich, dass der Zürcher Diogenes Verlag die Auflagenzahl seines 1995 erschienenen und mittlerweile in 25 Sprachen übersetzten Bestsellers "Der Vorleser" erst gar nicht bekannt gibt.
"Der Vorleser", das war Michael Berg, der als 15-Jähriger eine Affäre hatte und Jahre danach erfährt, dass es sich bei seiner Ex-Geliebten um eine ehemalige KZ-Aufseherin handelt. Und auch in Schlinks jüngstem Buch "Liebesfluchten" finden sich Vertreter einer Generation von "Nachgeborenen" in den Zusammenhang von Schuld und Erkenntnis auf eine Weise involviert, die die eindeutige Identifikation von (Mit-)Schuld und Unschuld schwer, vor allem aber schmerzvoll macht.
In der ersten von insgesamt sieben "Geschichten" erbt der Protagonist ein als verschollen geltendes Gemälde des von den Nazis als "entartet" gebrandmarkten Rene Dalmann. Hat der Vater das Bild geschenkt bekommen oder unrechtmäßig in seinen Besitz gebracht? Hat er seinerzeit als Kriegsrichter einen Offizier zum Tode verurteilt, um andere, die Juden ebenfalls geholfen haben, zu decken - möglicherweise sogar sich selbst? Das Gemälde vom "Mädchen mit der Eidechse" wird zum mehrdeutigen Medium einer Geschichte, die im Moment der Vernichtung des Bildes buchstäblich aufflackert.
Der Albdruck der jüngeren Vergangenheit lastet auch auf Andi und Sarah ("Die Beschneidung"), die sich das Zusammenleben mit der Frage schwer machen, was denn am anderen "deutsch" respektive "jüdisch" sei. Dass Andi den schwelenden Konflikt mit der Opferung seiner Vorhaut zu lösen versucht, ist ebenso hilflos und patschert wie Sarahs Beteuerung: "Ich will versuchen, dich weniger vor dem Hintergrund meiner Kultur zu sehen."
Solche Geschichten vermitteln den Eindruck, als verdankten sie sich der Aufforderung, die Goldhagen- und Walser-Debatten der letzten Jahre nun auch literarisch zu verarbeiten. Von der "klaren, präzisen und schönen Prosa" (Berliner Zeitung), für die Schlink seinerzeit gelobt wurde, ist in "Liebesfluchten" jedenfalls nicht viel zu merken. Wenn ein Ich-Erzähler ("Der Seitensprung") sich und seinen Ossi-Freund mit den Worten "Wir waren beide (...) neugierig auf Menschen und Beziehungen" charakterisiert, spricht das ebenso gegen das Einfühlungs- und Sprachvermögen des Autors wie der Umstand, dass dieser dem Protagonisten der Eingangsgeschichte folgende Worte in den Mund legt: "Hat Vater dich, als du mich empfangen hast, vergewaltigt?" Das Problem von Schlinks Geschichten über Betrug und Liebesverrat ist, dass sie alle ein Thema, aber nicht unbedingt eine brauchbare Story haben. Wenn ein Architekt drei Frauen und vier Kinder simultan durch seine Biografie jongliert ("Zuckererbsen"), dann bleibt das unglaubwürdig, auch wenn den Frauen mit einer aufgesetzten Pointe zu ihrer Rache und dem Buch zu einem gescheiterten Versuch in Sachen (schwarzer) Humor verholfen wird.
Kinder lassen sich mit der gleichen Entschiedenheit auf Handlungen und Lebensweisen ein wie Erwachsene." "Oft sind die Träume, die uns begleiten, der Kontrast zu dem Leben, das wir führen." Nicht nur solche - gerne an den Beginn eines Kapitels gestellte - Binsenweisheiten, auch zahlreiche sprachliche Ungenauigkeiten führen zu einem umständlichen und mitunter schon grotesk unangemessenen Stil. So lässt "der Junge" einerseits "gelegentlich aufblitzen, dass er Schätze habe, die er nicht leichthin zeige", muss sich allerdings auch fragen, "was es mit dem Insistieren der Eltern auf ihrem (sic!) eigenen, privaten Raum auf sich hatte". Da gibt es einen "Offizier, der die kleinen Finger an den Händen spreizte" (wo sonst?); da entschließen sich zwei, "einen Film zu sehen, im Kino oder am Video". Schließlich: Dass es einen großen Unterschied macht, ob Mann und Frau "miteinander" oder "zusammen" schlafen, sollte jemand, der ein Buch mit dem Titel "Liebesfluchten" schreibt, eigentlich wissen. Hier bedeutet es dennoch das Gleiche. Entsprechend ist es um den "Sex" dieses Buches bestellt.

Klaus Nüchtern in FALTER 4/2000 vom 28.01.2000 (S. 61)


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