Die dunkle Seite des Mondes

von Martin Suter

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Verlag: Diogenes
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 12/2000

Mithilfe eines Pilzes verwandelt Martin Suter einen Schweizer Wirtschaftsanwalt in ein Waldwesen, das zivile Hemmungen zusehends verliert.
Martin Suter, Schweizer Schriftsteller, Dramatiker, Romancier und Kolumnist, legt seinen zweiten Roman vor. "Die dunkle Seite des Mondes" behandelt mit sicherem Griff für ein aktuelles Thema den Versuch eines Wirtschaftsanwalts auszusteigen. Mithilfe seiner neuen Freundin geht Urs Blank daran, neue Erfahrungen zu machen. Der Wirtschaftsanwalt ist nicht bloß ein Wirtschaftsanwalt, er ist ein führender Schweizer Spezialist für Zusammenschlüsse großer Firmen. Und die neuen Erfahrungen sind nicht nur die eines neuen Milieus, sondern Rauscherfahrungen mit psychotropen Substanzen, namentlich Pilzen. Der Anwalt erwischt dabei einen etwas zu kräftigen Pilz. Ein safrangelbes Samthäubchen verändert Blanks Persönlichkeit nachhaltig. Aus der Annäherung an die Natur und dem Flirt mit einer Art Hobby-Aussteigertum, die sich mit seiner hübschen neuen Freundin so anregend angelassen hatten, wird ein Horrortrip. Blank sucht nun den äußerst seltenen Pilz, ein winziges zyanblaues Exemplar, mit dessen Hilfe er hofft, seine Persönlichkeit wieder zurückverwandeln zu können. Mit dieser Suche wechselt Blank sein Milieu: Seine natürliche Umgebung ist nicht mehr das Büro, sondern der Wald. Blank wird, obwohl er seine anwaltliche Tätigkeit anfangs noch fortführt, zum Naturwesen wider Willen, zum Aussteiger per Unfall.
Durch diesen Unfall geraten die Milieus durcheinander. In einer distinguierten Anwaltskanzlei, nach innen und außen auf Diskretion als oberstes Prinzip angewiesen, kann ein plötzlich seinen Reflexen freien Lauf lassender Partner nur für Katastrophen sorgen. ",Kein Problem', antwortete Urs Blank freundlich und stellte sich vor, wie er Dr. Fluri ohrfeigte, ,dazu bin ich schließlich da.' Das stimmte nicht. Blank war nicht dazu da, Fusionsverträge immer wieder neu aufzusetzen, nur weil der unbedeutendste der Vertragspartner noch ein allerletztes Mal seine Macht auskosten wollte." So hatte Suter sein Buch begonnen, allein mit solcher Triebkontrolle ist es bald vorbei. Der psychisch gewendete Blank mordet und schlägt zu, dass es nur eine Art hat.
Schon durch die Komik, mit der Suter die Zivilisationslügen in ihrer spezifisch schweizerischen Wirtschaftsform auf die Schaufel nimmt, würde das Buch zur vergnüglichen Lektüre. Intime Kenntnis des Schweizer Finanzmilieus gibt Suters Büchern ihren soliden Hintergrund; die Marotten und die Doppelmoral ihrer Figuren werden so lakonisch beschrieben, dass Milieukritik sich erübrigt. Weil aber mit dem außer sich geratenen Blank alles durcheinander gerät, erfährt man in den entstehenden Krisen nebenbei, wie brutal es unter der scheinbar so zivilisierten Oberfläche in scheinbar besten Kreisen zugeht. Suter zeigt uns Innenansichten eines Wirtschaftsmilieus und enthüllt ohne pädagogisch erhobenen Zeigefinger die dort herrschende Natur des Nehmens, die allemal seliger ist als alles andere.
Dass in einer solchen Natur-Umgebung Jäger und Sammler nicht fehlen, darf als bekannt vorausgesetzt werden. Urs Blank zerstört den guten Eindruck, den er bei einem neuen großen Klienten hinterlassen hat, durch seine Unbeherrschtheit. Das allein wäre kein Einfall, stellte sich nicht dieser Klient, der Spekulant Pius Ott, als leidenschaftlicher Jäger heraus. Und würde nicht der Staranwalt Blank pilzgesteuert zu einem Waldwesen mutieren. "Im Wald", sagt Ott zu Blank, "finden Sie beides gleichzeitig, Stillstand und Veränderung." So verlagert sich der Roman von den Schauplätzen des mondänen und des alternativen Milieus in der Zürcher City zusehends mehr hinaus ins Grüne. Auch hier ist alles - vom Pilzsammler bis zum Hotelportier, vom Landpolizisten bis zum Bauersmann - präzis und witzig beschrieben. Und wie schon bei Suters erstem Buch, dem Alzheimer-Roman "Small World", entwickelt sich die Handlung mehr und mehr zu einem spannenden Krimi.
"Die dunkle Seite des Mondes" ist im knappen Suter-Stil geschrieben, unaufdringlich witzig, zurückhaltend und klug konstruiert, genau beobachtet. Suter kann schreiben wie ein erstklassiger Angelsachse; das können nicht viele deutschsprachige Autoren. Suter ist ein guter. Lesen Sie ihn.

Armin Thurnher in FALTER 12/2000 vom 24.03.2000 (S. 9)


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