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Verlag: Diogenes
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 12/2001

In ihrem jüngsten Roman "Heuschrecken" führt Barbara Vine eine Anzahl jugendlicher Protagonisten in luftige Höhen.

Seit 1997 darf sie sich Baroness Rendell of Babergh nennen und im House of Lords "die Politik der Regierung unterstützen". Ruth Rendell, die seit ihrem Debüt im Jahre 1964 mit dem ersten der berühmten Inspektor-Wexford-Krimis ("Alles Liebe vom Tod", dt. 1979) über fünfzig (!) erfolgreiche Romane verfasst hat, nimmt ihr politisches Amt ernst. Engagiert gegen Gewalt in der Familie und Analphabetentum, für Schriftsteller und die Aidsbekämpfung, liebt sie die freundliche Atmosphäre im "feinsten Club Londons" und ist vom parlamentarischen Verfahren fasziniert.

Im Rahmen von "Literatur im März" wird Rendell unter ihrem Pseudonym Barbara Vine auftreten, das sie sich 1986 zugelegt hatte. Zwar war sie damals durch die erfolgreiche Fernsehverfilmung der Wexford-Krimis schlagartig als Ruth Rendell berühmt geworden, aber ihr neuer Thriller "Die im Dunkeln sieht man doch" wollte so gar nicht in das Schema eines klassischen Kriminalromans passen. Seither steht das Markenzeichen Barbara Vine für detailliert recherchierte, fein arrangierte Psychothriller, deren ausgefallene Schauplätze und komplexe Handlungsstrukturen ein spannungsgeladenes Lesevergnügen garantieren.

Das gilt auch für Vines neuestes Buch "Heuschrecken". Clodagh Brown ist Anfang dreißig, glücklich verheiratet und erfolgreiche Elektrikerin in London. Ihre Erinnerung führt sie in die späten Achtzigerjahre zurück, als Clo, die Einsame, eine Gruppe junger Leute kennen lernt, die eines verbindet: Höhensucht.

Mit schlafwandlerischer Sicherheit und dem Vertrauen naiv-unerfahrener Jugend bewegen sie sich über die Dächer Londons: Hier lässt sich die Freiheit genießen, eine Klaustrophobie überwinden, dem rein sportlichen Vergnügen nachgehen oder in unbewachte Wohnungen einbrechen. So unterschiedlich die Motive der jungen Leute auch sind, ihre Leidenschaft für die Dächer eint sie.

Bis das Klettern seine Faszination verliert und die individuellen Interessen in den Vordergrund rücken, die das schwache Band der Kletter-Freundschaft zu zerreißen drohen. Die Freunde kommen einander in die Quere, Misstrauen macht sich breit. Sobald sie aber die Festigkeit des Bodens unter ihren Füßen anzweifeln, gibt dieser auch schon nach, und mit der Trittsicherheit geht auch das Vertrauen in die moralische Vertretbarkeit ihres Tuns verloren, gerät die Eigengesetzlichkeit ihrer Gegenwelt mit den Gesetzen der realen Welt in Konflikt. Der jugendliche Idealismus scheint am Ende verloren gegangen zu sein.

Barbara Vine zeichnet diese langsame und schmerzhafte Entwicklung der jungen Leute psychologisch glaubhaft nach. Überzeugend auch, wie sie in "Heuschrecken" die Lebenssituation der Post-68er-Generation darstellt. Die Erzählerin kann den angeblichen gesellschaftlichen Errungenschaften ihrer Eltern nicht viel abgewinnen: "Ich höre manchmal von älteren Leuten, dass unsere Generation (...) als erste frei von sexuellen Schuldgefühlen und sexuellem Druck aufwächst. (...) Niemand aus unserem Bekanntenkreis entspricht diesem Bild, auch ich nicht." Eroberte Terrains innerer Freiheit lassen sich nicht vererben.

Obwohl es Barbara Vine in "Heuschrecken" weniger darum geht, eine bestimmte Generation zu porträtieren, als vielmehr darum, ein allgemein menschliches Phänomen darstellen, lassen sich die jugendlichen Figuren eindeutig in der Thatcher-Ära verorten: "In jener Zeit erschien mir Gutsein als etwas überaus Erstrebenswertes, als eine Art Rettungsanker", meint Clo. Und Vine widersteht - trotz gelegentlicher Tendenz zur Schwarz-Weiß-Malerei - der Versuchung eines ungetrübten Happy End. Die "Guten" scheitern, die Kriminellen gelangen an das rücksichtslos angestrebte Ziel: "Dass Geld nicht glücklich macht (...), ist völliger Stuss. Geld ist Glück, Geld ist Leben. Wenn du kein Geld hast, kannste dich gleich begraben lassen."

"Heuschrecken" ist auch die Geschichte eines Bündels Geldes, das - auf unrechte Weise erworben - nur Unheil stiftet. Dergleichen Spruchweisheit klingt (leider) nicht immer nur dezent an, sondern wirkt - in vollem Wortlaut einem Teenager in den Mund gelegt - reichlich altklug. Das ist nicht allein das zweifelhafte Verdienst einer mitunter hölzernen Übersetzung.

Kunstvoll hingegen verknüpft die Autorin die äußerst unterschiedlichen Vorgeschichten der einzelnen Figuren, um dann jede einzelne wieder in ihre jeweils vorherbestimmt scheinende Richtung zu entlassen. Und jeder der eingeschlagenen Wege zeugt davon, dass jeder von seiner eigenen Geschichte eingeholt wird: "Wir haben alle eine große Geschichte, die unser Leben beherrscht."

Barbara Vines wahre Meisterschaft besteht einerseits darin, durch Vor- und Rückblenden, Andeutungen und Informationsdefizite eine ungeheure Spannung zu erzeugen, andererseits besticht ihre Raumgestaltung: Liebevoll beschreibt sie die Architektur Londons, manchmal zu detailverliebt die Wege über die Dächer. Unübertroffen gelingt es ihr aber, die Schauplätze symbolisch aufzuladen, die Vertikale als symbolträchtige Bewegungsachse des Romans zu funktionalisieren, die befreiende Wirkung der Höhe zu vermitteln.

Alexandra Millner in FALTER 12/2001 vom 23.03.2001 (S. 7)


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