Die vierte Hand

von John Irving, Nikolaus Stingl

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Diogenes
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 7/2002

In John Irvings Roman "Die vierte Hand" verliert ein Journalist seine Hand und der Autor die Kontrolle.

John Irving ist ein professioneller amerikanischer Romancier, der drei Assistenten für die Niederschrift beschäftigt und sich im Nachwort bei all jenen bedankt, die ihm geholfen haben. Die Ausgangsidee für seinen jüngsten Roman haben ihm ein TV-Bericht über Handtransplantationen und seine Frau Janet geliefert, die meinte: "Und wenn die Witwe des Spenders in Bezug auf die Hand ein Besuchsrecht fordert?"

Und so verhält es sich dann auch in der "Vierten Hand": Doris Clausen vermacht die linke Hand ihres Gatten, der sich versehentlich erschossen hat, Patrick Wallingford, dem Moderator eines TV-Nachrichtensenders, bei dem die Sensation alles, journalistische Seriosität nichts ist. Ganz im Stile seines Senders geht Wallingford seiner Linken live auf Sendung verlustig - qua Löwenbiss.

Abgesehen von einer fehlenden Hand hat Patrick Wallingford keinerlei körperliche Mängel, ganz im Gegenteil: Er kommt bei den Frauen sehr gut an: "Wallingford verführte keine Frauen; er ließ sich einfach von ihnen verführen. (...) Er glich einem Mädchen, das nicht Nein sagen konnte - nur war er eben ein Junge, wie seine Exfrau zu sagen pflegte."

Relativ viele Frauen gehen also mit Patrick im Laufe des Romans ins Bett. Sie tun es, weil sie mit ihm Sex haben und/oder geschwängert werden wollen. Letzteres gilt zum Beispiel für seine Kollegin Mary (die ihn später unangenehmerweise auf der Karriereleiter überholt). Und auch Doris Clausen, deren sehnlicher Kinderwunsch von ihrem Mann nicht erfüllt werden konnte, unterbreitet Patrick ein eindeutiges Offert. Dieser macht, was er in solchen Fällen eben zu tun pflegt: Er kommt dem Ansinnen nach und erzielt bei Doris auch den gewünschten Effekt. Das Problem: Patrick verliebt sich leidenschaftlich in Doris (die durch ihre Stimme in Hörweite flächendeckend Erektionen zu verursachen weiß), wohingegen diese von ihm außer dessen Samen eigentlich nichts will.

Ein passiver, offenbar nicht übermäßig brillanter, aber auch nicht zynischer TV-Journalist und eine junge Bierfahrerswitwe, die sich für Football begeistert und eine sexuelle Obsession für die Hand ihres verstorbenen Mannes entwickelt ... Warum nicht? Der Umstand, dass die glamourösere Hälfte dieses ungleichen Paares sein Gegenüber heftiger begehrt als umgekehrt, steigert das Interesse.

Die Voraussetzungen für eine hübsche Liebesgeschichte wären also gegeben. Das Problem ist, dass der Autor mehr haben wollte: nicht bloß Lovestory, sondern auch noch Mediensatire, Slapstick, Entwicklungsroman, antifeministisches Pamphlet et cetera. Deswegen hat Irving eine Menge von Nebenfiguren erfunden, die durch einen Roman taumeln, in dem sie nicht viel zu tun haben, außer diesen auf quälend lange 436 Seiten zu strecken. Die intrigant-anlassige Mary etwa ist nur eine etwas detailreicher ausgestattete Vertreterin jener unerträglichen Frauen, die - ärgerlicher Tiefpunkt des Romans - bei einem Frauenkongress (auf dem Patrick aus undurchsichtigen Gründen referieren muss) absatzweise auf- und vorgeführt werden: die strenge, aber sexhungrige "selbst ernannte radikale Feministin", die "wenig schmeichelhafte Schildpattbrillen" trägt; die "matronenhafte" Volkswirtschaftlerin, die auf ein männerfreies Publikum besteht und - zum Entsetzen der wenigen anwesenden Männer - droht, sich auszuziehen; die Hungerexpertin aus Ghana, die ebenfalls "extrem dick war", oder die eher unbekannte, dafür aber "potthässliche" russische Regisseurin.



Man hätte das entsprechende Kapitel ("Japanisches Zwischenspiel") ohne große Not streichen und den Roman dadurch wohltuend um 43 Seiten kürzen können. Es blieben noch immer die - für europäische Leser - eher anstrengend ausführlichen Passagen, in denen der Autor sein offenbar stupendes Football-Wissen los wird und die maue Mediensatire zuzüglich Patricks Bekehrung zum Qualitätsjournalismus.

Immerhin: Michael Douglas sollte Interesse an dem Roman zeigen. Nach seinem beeindruckenden Bademantel-Auftritt in "Wonder Boys" böte sich die Rolle des Handchirurgen Dr. Zajac als interessante Steigerung an: Der pflegt nämlich des Sonntagmorgens in Stiefeln, Skimütze und Flanellbademantel im eigenen Garten herumzustapfen und mit dem Lacrosseschläger Hundehaufen durch die Gegend zu schlenzen.

Klaus Nüchtern in FALTER 7/2002 vom 15.02.2002 (S. 57)


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