Ein perfekter Freund

von Martin Suter

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Diogenes
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 12/2002

Dass das Leben lebensgefährlich ist, weiß man eigentlich. Martin Suter führt es uns in seinem neuen Roman "Ein perfekter Freund" noch einmal souverän und vergnüglich vor Augen.

Was ist schlimmer: sich erinnern oder vergessen?" Diese Frage stellt der Held des neuesten Romans von Martin Suter, Ein perfekter Freund". Fabio Rossi, Mittvierziger und Journalist, erwacht in einem Krankenhaus und kann sich nicht mehr an sein altes Leben erinnern. Sein Job ist weg. Er hat eine Freundin, die er nicht will. Die Frau, die er begehrt und die er – wie ihm bald aufgeht – früher geliebt hat, scheint ihn wegen Vorfällen, an die sich Fabio ebenfalls nicht erinnern kann, nicht mehr zu wollen. Nur so viel ist ihm gleich zu Beginn der Suche nach sich selbst klar: Der, der er offenbar war, den mag er nicht. Die Suche nach sich selbst wird zum Kriminalroman, und deswegen wird hier, wie es sich gehört, auch weiters nichts verraten. Über Martin Suter braucht demnächst ebenfalls nichts mehr verraten zu werden. Der 1948 geborene Schweizer Autor war einst in der Werbung tätig (sogar als Präsident des Schweizer Art Directors Club), hat sich nach einem halben Konkurs aus dieser Szene zurückgezogen und völlig aufs Schreiben verlegt. In der Weltwoche erscheint seit Jahren seine Kolumne "Business Class", die sich offensichtlich aus Suters Erfahrungen mit der Wirtschaft speist. Die bisher in der NZZ-Beilage Folio" erschienenen Aufzeichnungen des Zukunftsforschers Geri Weibel ("Richtig leben mit Geri Weibel") hat Suter wegen Überlastung kürzlich eingestellt. Beide Kolumnen gibt es in gesammelter Buchform bei Diogenes, und sie bieten die Möglichkeit, die Schweiz in witzigen satirischen Häppchen kennen zu lernen. Für den Romancier Suter hingegen ist die Knöpfezählerwelt der Schweizer Wirtschaft bestenfalls Szenerie. Suter hat sein Thema gefunden, mit dem er sich im nunmehr dritten Roman auseinander setzt: das menschliche Bewusstsein als klinischer Fall, Gedächtnisverlust und Erinnerungsvermögen als Krankheitsbilder. In seinem ersten Roman "Small World" ging es um einen Alzheimer-Kranken, im zweiten, "Die dunkle Seite des Mondes", verliert ein Anwalt sein zivilisiertes Selbst durch ein Rauscherlebnis mit psychotropen Pilzen. In "Ein perfekter Freund" kriegt ein Journalist einen Schlag auf den Kopf und kämpft um sein Erinnerungsvermögen. Suter hat sich, wie seine Danksagungen am Ende des Bandes zeigen, wie stets bei Neurologen und anderen Spezialisten kundig gemacht und mit fachlichem Rat ausgelotet, wie viel auf der menschlichen Festplatte gelöscht und wiedergefunden werden kann. Resultat: Wir haben es nicht mit einer Festplatte, sondern eher, man ahnt es ohnehin, mit einer Vorläufigkeitsplatte zu tun. Das Leben mag als Anstrengung verstanden werden, sich aller möglicher Dinge bewusst zu werden. Aber der Grat, der uns dabei von unserem Unbewussten trennt, ist schmaler, als wir uns eingestehen mögen. Was uns dabei steuert, was uns da- und dorthin treibt, verstehen wir nicht einmal ansatzweise, und wenn wir nur einen Augenblick innehalten, wird uns klar, wie leicht wir aus der Bahn geworfen werden können.

Aus diesem Wissen bezieht die Suter'sche Satire ihre Kraft. Die sicheren Typen, die unbeirrt ihre Kreise ziehen, wirken deswegen so lächerlich, weil sie die Abgründe um sich herum und in sich selber nicht einmal ahnen, weil sie von der Vorläufigkeit ihres Tuns keinen Schimmer haben. Das Leben aber, sagt uns Suter, wird nur um den Preis des Wissens lebenswert, wie prekär, wie vorläufig und lebensgefährlich dieses ist. Wie nebenbei wird die moderne Konsumwelt als umfassendes Amnesieprogramm kenntlich, die Liebe als ein Ablenkungsmanöver voneinander, der Beruf als unmerkliche Grenzüberschreitung zur Korruption. Und all das in einer Welt des Big Business, das genauso böse ist, wie wir kleinen Maxis uns das immer vorgestellt haben. Suter bringt uns diese Einsichten so ungestelzt wie nur denkbar bei, dazu noch in Form eines spannenden und zugleich amüsanten Krimis. Er schafft das bereits zum dritten Mal, bei keineswegs nachlassender Qualität. Suter hat es geschafft. Fragt demnächst jemand, ob Sie "den neuen Suter" gelesen haben, empfehle ich, darauf mit Ja antworten zu können.

Armin Thurnher in FALTER 12/2002 vom 22.03.2002 (S. 13)


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