Die Hochzeit von Auschwitz
Eine Begebenheit

von Erich Hackl

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Diogenes
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 37/2002

Zwölf Menschen, die ihm "ihre Erinnerungen anvertraut haben", nennt Erich Hackl im Abspann seines Romans. Vier von ihnen, so wird uns mitgeteilt, sind mittlerweile verstorben. Unter ihnen auch Hermann Langbein (1912-1995), Spanienkämpfer und Auschwitzüberlebender, der unter anderem mit seinem Buch "Menschen in Auschwitz" Wesentliches zum Wissen um das Todeslager beigetragen hat und Hackl die vorliegende Geschichte "aufgetragen" hat.

Die Diktion ist kaum zufällig gewählt. Ein solcher Auftrag ist wohl immer auch eine Bürde, gilt es doch, der Biografie und den Erinnerungen der Befragten gerecht zu werden. Entsprechend skrupulös und mitunter etwas hölzern in seiner ostentativen Programmatik beginnt auch Hackls rekonstruierende Zusammenschau der "Begebenheit": "Ich warne dich: Da sind nur Bruchstücke seines Lebens, und in meinem Kopf ergeben sie kein klares Bild", wendet sich Marina Ferrer Rey an den Zuhörer, bevor sie von ihrem Schwager erzählt, dem 1907 geborenen Automechaniker, Sozialisten und Draufgänger Rudi Friemel, der am 18. März 1944 in Auschwitz Hochzeit mit Marga(rita) Ferrer feierte - im Beisein des gemeinsamen Sohnes Edi. Das Lagerorchester spielt auf, im Lagerbordell wird dem Ehepaar eine Zelle frei gemacht.

"Die Hochzeit von Auschwitz" ist eine vielstimmige Collage, wobei es für den Leser nicht immer ganz einfach ist, zu entschlüsseln, wer gerade das Wort hat. Dass die einzelnen Figuren unterschiedliche Tiefendimensionen haben (ein böser Nazi wurde aus Polizeiprotokollen "gesampelt"), liegt in der Natur der Sache, dass sie in ihrem Idiom nicht immer ganz überzeugend geraten sind, wohl weniger ("die deutschen Brüder waren nicht davon abzubringen, dass Österreich auf ihrer Erbsensuppe dahergeschwommen ist"). Als heimliche Heldin muss jedenfalls Marina gelten, die sich selbst treffend als "forsch" charakterisiert und die für ihre Schwester wohl nicht die allergrößte Geduld aufgebracht, ja diese nachgerade ein bisschen verachtet haben dürfte: "Marga (...) war das typische Frauchen. Sie hat sich gern hübsch angezogen, geschminkt, die Lippen angemalt. Aber sie war zimperlich."

Gewiss liegt ein Verdienst des Autors gerade darin, dass er keine geschönten Heldenporträts seiner Protagonisten abliefert und sie ihrer Ambivalenzen nicht beraubt. Rudi Friemel selbst wird ebenfalls als widersprüchliche Figur skizziert; ein lebenslustiger Hallodri und Herzensbrecher, der in den Briefen an seine Frau offenherzig über sein Verhältnis zum anderen Geschlecht spricht: "Ich habe die Frauen genommen, wie sie gerade kamen, und nicht allzu sehr geschätzt. Es gab keine Tragödie, aber ich fühlte auch nie das, was man wahre Liebe nennt. So ging das jahrelang dahin. Erst im Gefängnis habe ich beschlossen, diese flüchtigen Beziehungen sein zu lassen und mich ganz meiner Arbeit und dem politischen Kampf hinzugeben." Am 30. Dezember 1944 wird Friemel, der gemeinsam mit anderen einen Fluchtversuch unternimmt, gehängt - im Hochzeitshemd.

Hackl zeigt, wie das Schicksal einer Generation bis in die nächste fortwirkt: Rudis und Margas Sohn Édouard (auch dessen Halbbruder Norbert, Sohn aus Friemels erster, bald geschiedener Ehe, kommt zu Wort) muss mit der Hypothek des väterlichen Vorbilds leben: "Niemand hat mir beigebracht, wie man einem Helden hinterherlebt." Auf diese Weise entsteht aus den einzelnen Passagen ein facettenreiches Bild, das beim Leser einen starken Eindruck von der bedrückenden Macht der Geschichte, aber auch vom beeindruckenden Elan jener vermittelt, die sich gegen diese gewehrt haben.

Klaus Nüchtern in FALTER 37/2002 vom 13.09.2002 (S. 51)


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