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Verlag: Diogenes
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 36/2002

Eines kann man dem britischen Erfolgsromancier Ian McEwan gewiss nicht vorwerfen: dass er Dienst nach Vorschrift mache. Sein jüngstes, von John Updike bis zur Times ("der beste englische Roman seit Jahren") hoch gelobtes Buch ist nicht nur sein bislang umfangreichster, sondern auch sein mit Abstand langsamster Roman. Einen größeren Gegensatz als den zur furiosen Schnittfolge am Beginn von "Liebeswahn" oder zum Sarkasmus von "Amsterdam" kann man sich kaum vorstellen.

"Zwei Schwalben schwirrten über dem Brunnen; im trägen Dunkel einer riesigen Libanonzeder durchschnitt der Gesang eines Zilpzalps die Luft. Die Blumen bogen sich in der leichten Brise und kitzelten Cecilias Gesicht, als sie vorsichtig die drei zerborstenen Stufen zum Kiesweg hinunterbalancierte." Diese Passage - auf Seite vierzig - illustriert die Stimmungslage und das Tempo des Romans. Wobei nicht verschwiegen werden soll, dass sich bereits sieben Seiten später das erste dramatische Ereignis einer Kette schicksalshafter Begebenheiten abspielt: Uncle Clems original Meißner-Porzellan-Vase von 1726 erleidet bei dem Gezerre von Cecilia Tallis (genannt: Cee) und Robbie Turner einen leichten Bruchschaden.

Kleine Ursachen, große Wirkungen. Es ist nicht unraffiniert, wie McEwan sein 534 Seiten starkes Werk als etwas betulichen Familienroman in Gang setzt - voll hochfliegender Jungmädchenfantasien, mütterlicher Migräneanfälle und Dinnerkonversationen über "Herrn Hitler". Bis dann ein Wort das filigrane Familienleben im Landhaus der Tallis endgültig aus dem Gleichgewicht bringt; ein four-letter-word, das im Englischen mit "c" und in der deutschen Übersetzung mit "M" beginnt. Dass Robbie Cees "süße, feuchte Möse" küssen möchte, ist an sich kein besonders extravaganter Wunsch; dass er diesen zu Papier bringt, mag auch noch hingehen; dass er sein intimes Geständnis - irrtümlich! - an Cee übermittelt, wäre eine Peinlichkeit, die sich ins Lot bringen ließe; aber dass sich Robbie ausgerechnet Cees 13-jährige Schwester Briony zum postillon d'amour auserkoren hat, ist eine echte Katastrophe.

Die schriftstellerisch ambitionierte Briony, die ihre geheimnislose Existenz mit erborgten Fantasien über echappierte junge Damen erhitzt, wird zur verlässlichen Begleiterin der Leidenschaft, die sich zwischen der emanzipierten Cee und dem Putzfrauen-Sohn Robbie entspinnt - von der in gleißendes Licht getauchten Vasenbruch-Szene bis zur ersten Rammelei in der finsteren Bibliothek des notorisch abwesenden Vaters. Von jemandem wie Briony die Wahrung des Briefgeheimnisses zu verlangen, heißt mit Meißner-Vasen zu jonglieren. Und als dann auch noch Cousine Lola vergewaltigt wird, ist Briony völlig klar, wer der sexwütige Täter gewesen sein muss; so klar, dass sie dem Inspektor bestätigt: "Ja, ich habe ihn gesehen."

Der zweite Teil des Romans befasst sich mit den Folgen von Brionys Aussage und steckt voller - gewiss penibel recherchierter Details - über den Rückzug der Engländer bei Dünkirchen und die segensreiche Wirkung der Heilsarmee. Dennoch stellt sich die Frage, warum man da durch muss, bis sich die beiden Schwestern wieder treffen und Briony endlich Abbitte leisten darf. Klar, dass ein so ausgeschlafener Autor wie Ian McEwan mit einer Schlusspointe aufwartet, die das bislang Erzählte in ein anderes Licht taucht und den Verdacht, etwas ganz anderes als einen McEwan-Roman zu lesen, als nur allzu berechtigt erscheinen lässt. Aber dafür ist der Aufwand dann doch zu groß. Vielleicht sollte Ian McEwan also in Zukunft doch einfach Dienst nach Vorschrift machen?Eines kann man dem amerikanischen Erfolgsautor Douglas Coupland gewiss nicht vorwerfen: dass in seinem jüngsten Roman "Alle Familien sind verkorkst" nichts weitergehen würde. Die Drummond-Familie als "verkorkst" zu beschreiben, wie das die deutsche Ausgabe tut (der Originaltitel "All Families Are Psychotic" hätte sich ohne Not wortwörtlich übersetzen lassen), ist ein krasser Euphemismus: Sarah hat als kurz vor ihrem ersten Weltraumflug stehende NASA-Astronautin die mit Abstand überzeugendste Karriere hinter sich, ihr älterer Bruder Wade ist hauptsächlich mit Saufen und Herumvögeln, ihr jüngerer Bruder Bryan hauptsächlich mit erfolglosen Selbstmordversuchen befasst. Papa Ted hat sich von der Mutter seiner Kinder getrennt, um mit der um vieles jüngeren Nickie einen entspannten Lebensabend zu genießen. Deutlich unentspannt reagiert er freilich, als sich herausstellt, dass ihm ausgerechnet sein Ältester Hörner aufgesetzt hat: Ted schießt Wade kurzerhand in den Bauch und verletzt dabei auch gleich seine Exfrau Janet. All das passiert auf den ersten vierzig Seiten und erklärt auch, auf welch originelle Weise ein Sohn seine Mutter mit Aids infizieren kann.

Eine auch nur kursorische Inhaltsangabe der verbleibenden 300 Seiten würde jede Rezension ins Unsinnige ausweiten. Gegen Ende des Romans sehen sich Wade und Mama Janet jedenfalls mit Handschellen aneinander gefesselt und mit der Aufgabe konfrontiert, sich buchstäblich am eigenen Schopf aus jenem Sumpf zu ziehen, in den sie ein perverses Paar präsumptiver Leiheltern hineingestoßen hat. Als Deus ex Machina fungiert übrigens die Triangulierungsabteilung der NASA, und ob Couplands Finale in seiner uramerikanischen Zuversicht in den medizinischen und technischen Fortschritt ernst oder Parodie ist, lässt sich wohl kaum gültig entscheiden.

In ihrer Konstellation erinnern die Drummonds ein wenig an die Lamberts aus Jonathan Franzens sehr zu Recht gepriesenem Bestseller "Die Korrekturen". Aber wo Franzen kleinste biografische Details in weiten epischen Bögen verarbeitet und sich seinen Figuren mit großer Empathie nähert, da bewegen sich Couplands Charaktere als Trägersubstanzen von Krankheiten und Eigenschaften durch ein Stück Slapstick-Action, das schlussendlich mehr verblüfft als berührt - und einmal mehr beweist, was wir immer schon geahnt haben; oder um es mit den Worten des sympathischen Sixtysomething Janet zu sagen, die sich unter dem Namen HotAsianTeen ins Internet einloggt: "Männer werden ausschließlich von ihrem Schwanz regiert."

Klaus Nüchtern in FALTER 36/2002 vom 06.09.2002 (S. 56)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Alle Familien sind verkorkst (Douglas Coupland, Tina Hohl)

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