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Verlag: Diogenes
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 10/2003

In seinem jüngsten Roman "Malibu" verknüpft Leon de Winter tektonische Beben, tropfende Ölwannen und tibetische Weisheit zu einem theologischen Thriller.

Was haben die Kontinentalverschiebung, die Erfindung des U-Haul-Anhängers durch Leonard S. Shoen im Jahr 1945 und der Parkplatz hinter der Bäckerei Progress in Marina del Ray, Kalifornien, miteinander zu tun? Nicht viel, außer dass sie - mit anderen Zufällen und Umständen - zu einer Kausalkette verknüpft werden, die am 22. Dezember 2000 Mirjam Koopman vom Hintersitz einer Harley Davidson unter einen entgegenkommenden Ford Explorer zerrt und ihr so schwere Verletzungen zufügt, dass sie am Morgen des 23. Dezembers, eben erst 17 geworden, stirbt.

Der Erzählkniff, aus gottähnlicher Perspektive durch Jahrmillionen aufs Gewusel des irdischen Daseins zu blicken und sich ein paar Menschlein herauszugreifen, ist natürlich nicht neu - und die Analogie von Gott und Romancier eine alte Kamelle. In "Malibu", dem jüngsten Buch des holländischen Schriftstellers Leon de Winter, wird die entsprechende Recherche, die im Prolog mit einer Fülle von Fakten auftrumpft, tatsächlich von einem gewissen "God" geleistet. Wobei sich der Spitzname des mit bürgerlichen Namen Erroll Washington heißenden Schwarzen nicht von "Gott", sondern von "Godzilla" herleitet: Er, der schwergewichtige Fitnessstudiobesitzer und Karatemeister, der am Steuer der todbringenden Harley saß und praktisch unverletzt blieb, liefert seine Erkenntnisse zur "Verkettung der Umstände am 22. Dezember 2000" bei Joop Koopman, dem Vater Mirjams, ab. Aus Schuldgefühl will sich God ganz den Wünschen und Bedürfnissen Koopmans unterwerfen, was diesen verstört, ohne sich der sanften Insistenz der "dreihundert Pfund menschlicher Wärme" wirklich entziehen zu können.

Mit der Routine und Verschwendungsfreudigkeit des geborenen Fabulierers spinnt de Winter seine Handlungsfäden, die erst im allerletzten Teil des über 400 Seiten starken Romans aufeinander zulaufen. Neben dem Psychogramm eines vom Verlust seiner geliebten Tochter traumatisierten Vaters - Mirjam ist selbstverständlich wunderschön und von Gott mit Formen ausgestattet, die Joop zwischen Vaterstolz, Selbstzensur und inzestuösen Träumen hin und her reißen -, legt es "Malibu" auch noch auf einen metaphysisch und physikalisch interessierten Thriller an.

Koopman, der als Drehbuchautor auch schon bessere Tage gesehen hat, wird von Philip, einem alten, mittlerweile nach Israel emigrierten Bekannten aus gemeinsamen holländischen Tagen, kontaktiert. Philip stellt sich als Mitarbeiter des israelischen Verteidigungsministeriums vor und will Joop auf einen gewissen Omar van Lishout ansetzen. Der nämlich, Sohn einer holländischen Mutter und eines marokkanischen Vaters, unterhält Kontakte zu einem von Saddam Husseins Topleuten und steht im Verdacht, ein wichtiger Mann im Netzwerk fundamentalistischen Terrors zu sein.

Schließlich taucht auch noch Linda de Vries auf, eine Cousine zweiten Grades, in die der 16-jährige Joop seinerzeit schon mal eine Salatgurke versenkt hat, worauf Joops Eltern die sinnenfreudige Vollwaise nach Amerika schicken ließen. Und obwohl sich Linda mittlerweile mehr für den Kreislauf des Seins als fürs Schnackseln zu interessieren scheint, landen die vor über dreißig Jahren in flagranti Getrennten recht schnell wieder im Bett.

Das alles ist - wir erwähnen die Sache mit der Organspende von Mirjams Herzen der Ökonomie halber nur ganz kurz - ein bisschen viel, und der Leser weiß nicht so recht, worauf das alles hinauslaufen soll.

Als vor rund einem Jahrzehnt die Chaosforschung très chic war, flatterte das Schmetterlingsparadoxon (ein Flügelschlag hier, ein Orkan dort) auch durch die Belletristik. Mit dergleichen Referenzen lässt sich dann flott ein Konzept zimmern, das als zusammengehörig ausweist, was ästhetisch nicht unbedingt stimmig zusammengeführt wurde. Auch bei de Winter gewinnt man mitunter den Eindruck, die Verweise auf Urknall und Kabbala, Superstringtheorie und Wiedergeburt müssten als Kompensation dafür herhalten, dass die einzelnen Handlungsstränge und Figuren zwar mit vielen Details ausgestattet, aber nicht wirklich entwickelt und etwas schnöd gekappt bzw. aus dem Roman gekippt werden.

Andererseits muss man de Winter zugestehen, dass er dem spekulativen Tief- auch mit schalkhaftem Leichtsinn begegnet. Um nicht alles zu verraten, sei ein einziger Hinweis gestattet: Der tibetische Mönch, der Linda begleitet, heißt Usso Apury - ein Name, der sich als Anagramm von "up yo-...", nein - so viel muss genügen.

Klaus Nüchtern in FALTER 10/2003 vom 07.03.2003 (S. 68)


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