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Verlag: Diogenes
Erscheinungsdatum: 01.01.2006

Rezension aus FALTER 7/2006

Lügen wie gedruckt

An John Irving kommt man in Wien derzeit nicht vorbei. In seinem meisterlichen neuen Roman "Bis ich dich finde" bündelt der US-Autor alle Aspekte seines Werks zu einem Opus magnum.

Pflichtschuldig seien kurz die harten Fakten abgehandelt. Erstens: Bestsellerautor John Irving liest am Sonntag im Burgtheater aus seinem neuen Roman "Bis ich dich finde". Zweitens: Bürgermeister Häupl lässt seit dem Valentinstag Irvings in Wien und Umgebung spielenden Debütroman "Lasst die Bären los!" als Gratisbuch verteilen. Man kann da hingehen (so man noch eine Restkarte ergattert, eher schwierig), man kann das lesen (so man eine Verteilstation findet, eher kein Problem), und man wird sich in beiden Fällen auf ansprechendem Niveau prächtig amüsieren. Wer nicht schon längst mit der Lektüre begonnen hat, sollte fürs kommende Wochenende dennoch folgende Variante vorziehen: Sofaposition einnehmen, Olympia links liegen lassen, am besten auch das Telefon ausstecken und sich vom Suchtpotenzial des neuen Irving überzeugen.

Mehr Literatur als hier wird der aufgeschlossene Belletristikfreund heuer vermutlich nirgendwo anders finden. Das beginnt schon beim Umfang. Mit 1140 Seiten oder viereinhalb Zentimetern Dicke ist "Bis ich dich finde" nach einigen etwas kürzeren Büchern das mit Abstand voluminöseste Werk des fabuliersüchtigen Seitenschinders Irving, der in der Gegenwartsliteratur ziemlich solitär dasteht (wer DeLillo sagt, sagt auch Pynchon; wer Roth sagt, sagt auch Updike; aber wer fiele einem bei Irving als Vergleich ein?).

In "Bis ich dich finde" grast der 63-jährige US-Autor mit Hauptwohnsitz in Kanada einmal mehr seinen ureigenen Kreis an Themen, Figuren und Orten ab. Es gibt die typischen Ringkämpfe. Es gibt Ausflüge ins Prostituiertenmilieu. Es wird mit Vorliebe plötzlich gestorben. Es gibt den jungen Helden, die übermächtigen Frauenfiguren und den abwesenden Vater. Ein beträchtlicher Teil der Handlung ist in good old Europe angesiedelt. Und als Draufgabe liefert das Buch auch noch gründliche Einführungen in die Welt des Tätowierens und der Orgel-und Kirchenmusik.

Beeindruckend ist, wie - scheinbar - mühelos der Dickens-Verehrer Irving über mehr als tausend Seiten die verschiedensten Themenstränge und ein Personal von mehreren Hundert liebevoll ausgestalteten Figuren zusammenhält, ja, zu einem schlüssigen Ganzen zusammensetzt. Auch wenn er über weite Strecken recht unspektakulär und mit sympathischer Lakonie vor sich hin erzählt, braucht es für einen derartigen literarischen Kraftakt einige Muskeln. Das Schöne am Unterhalter Irving ist, dass er sie dem Leser nicht zeigt. Von den Mühen, die so ein Roman macht, soll dieser nichts erfahren, er soll sich an den Geschichten erfreuen.

Und Geschichten gibt es in "Bis ich dich finde" sonder Zahl, von der Haupthandlung, die gleich zweimal - aus unterschiedlichen Perspektiven - erzählt wird, bis hin zu Schilderungen von skurrilen Drehbuchplots. In puncto Erzählökonomie lässt Irving dabei wieder einmal jeden gut gemeinten Ratschlag aus dem Schreibseminar sausen und verheizt in liebevoll gestalteten Nebenhandlungen Ideen, aus denen andere Autoren ganze Bücher stricken würden. Wer hat, der hat.

Held des Romans ist der Schauspieler Jack Burns, der es mit Transvestitenrollen zu einigem Ruhm gebracht hat. Bis Jack und der Leser nach Hollywood gelangen, braucht es freilich 500 Seiten. Denn der Schlüssel zum Verständnis der traurigen Hauptgestalt und des ganzen Romans, der in der zweiten Hälfte eine radikale Wendung vollzieht, liegt in Jacks Kindheit und Jugend, die Irving sehr gründlich aufrollt. Für Aufsehen sorgte der Autor dabei durch den Hinweis, es seien einige autobiografische Erfahrungen in die Figur des Jack Burns eingeflossen. Wie dieser wuchs Irving ohne Vater auf und wurde noch vor der Pubertät von einer Frau sexuell missbraucht.

Dass er letztlich auch seine eigene Geschichte erzähle, sei ihm erst relativ spät aufgefallen, als ihn während der Arbeit an dem Buch ein Halbbruder, von dem er nichts wusste, anrief und ihm von seinem (inzwischen verstorbenen) Vater erzählte. Um "Bis ich dich finde" nicht zu autobiografisch erscheinen zu lassen, schrieb Irving das in der Ich-Form erzählte Typoskript kurz vor Drucklegung schließlich noch in die dritte Person um.

Wer in diesen Roman aber allzu viel Persönliches hineinlesen will, dem zieht Irving schon im vorangestellten Motto von William Maxwell die Füße weg: "Wenn wir über die Vergangenheit reden, lügen wir mit jedem Atemzug." Und so ist "Bis ich dich finde" auch ein Buch über die Streiche, die einem die Erinnerung bisweilen spielt, und darüber, wie leicht manipulierbar Kinder sind. Irgendwann ist es nämlich nicht mehr so klar, ob der nicht und nicht zu findende Vater sich tatsächlich auf der Flucht vor Jack und dessen Mutter befindet. Als Letztere stirbt, macht sich Jack, der bindungsunfähig durchs Leben stolpert und nur als Schauspieler eine gute Figur macht, noch einmal auf, um nach seinem orgelspielenden, ganzkörpertätowierten Erzeuger zu suchen. Und bekommt nach und nach einen fundamental anderen Blick auf seine zerrissene Familie.

Das einzige kleine Manko von Irvings ausuferndem Meisterstück mag sein, dass die pessimistische Weltsicht des Romans auf den letzten zwei-, dreihundert Seiten langsam aufgegeben wird, um auf ein kitschiges Hollywood-Finale hinzusteuern. Aber vielleicht ist das Ende ja nur eine weitere Lüge.

Sebastian Fasthuber in FALTER 7/2006 vom 17.02.2006 (S. 59)


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