Ich gegen Osborne

von Joey Goebel

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Diogenes
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 432 Seiten
Erscheinungsdatum: 26.02.2013


Rezension aus FALTER 11/2013

Asexuell für eine knappe Stunde

Joey Goebel hat mit der Teenie-Außenseitergeschichte "Ich gegen Osborne" die Lacher auf seiner Seite

Wie jeder andere vernünftige Mensch auch hasste ich die Highschool." Aber James Weinbach, 17 und kurz vor dem Abschluss stehend, hasst die Osborne Highschool aus anderen Gründen als die meisten Gleichaltrigen: Es sind nicht der Unterricht und die Lehrer, die ihm Probleme bereiten, sondern seine Mitschüler und ihre geistlose Art, durch das Leben zu taumeln.
James stilisiert sich im Jahr 1999 inmitten einer Horde von kurze Hosen tragenden und Hip-Hop hörenden Kids, die nur darauf warten, bis die Schulglocke läutet, damit sie sich endlich wieder zudröhnen und jemand flachlegen können, als Außenseiter, als wie aus einer vergangenen Zeit stammender Dandy.
Der schlaksige Ein-Meter-dreiundneunzig-Feingeist trägt aus Prinzip jeden Tag Anzug und Krawatte, hört am liebsten Jazz und möchte Schriftsteller werden. In einer Kleinstadt wie Vandalia, Kentucky ("das Land der zehntausend Pick-up-Trucks"), reicht das locker aus, um ihn zum Freak zu machen.

Acht Stunden im Leben des James Weinbach schildert Joey Goebel (Jg. 1980), selbst aus dem Mittleren Westen der USA stammend, in seinem Roman "Ich gegen Osborne". Der Leser folgt James durch einen nicht ganz gewöhnlichen Schultag. Nicht genug, dass es der erste Tag nach dem als Sauf-und-Sex-Orgie berüchtigten Spring Break ist und der Feingeist das Geplapper über die Exzesse seiner Mitschüler in Florida mitanhören muss. Vieles geht an dem Tag schief. Und James, das selbsternannte "chronisch erschöpfte Nervenbündel, das bis zu diesem Tag die exquisite Einsamkeit des unzufriedenen Querdenkers genossen hatte", sieht sich dazu gezwungen, seine Position innerhalb der Schule und seine Ansichten grundlegend zu hinterfragen.
Zunächst einmal stellt sich ihm das Problem, wie er dem leidigen Thema Abschlussball begegnen soll. Er behauptet zwar ständig, auf gar keinen Fall hingehen zu wollen, mit Chloe jedoch würde er es doch tun. Sie ist seine beste, seine einzige Freundin in der Osborne. Er will mehr von ihr, sie aber hat sich blöderweise während des Spring Break dem Mainstream angeschlossen und sexuell ordentlich auf den Putz gehaut, um nicht als langweiliges Mädchen dazustehen.
Davon erfährt James in der morgendlichen Ordnungsstunde (8.16 Uhr). Im darauf folgenden Chemieunterricht (8.25 Uhr) beschließt er, von nun an asexuell zu sein. Wieder ein paar Minuten später wird er von seiner hübschen Laborpartnerin auf spielerische Weise angegraben; und zu Chloe fühlt er sich immer noch hingezogen, wie ihm schnell klar wird. "Ich schaute auf die Uhr. Meine Laufbahn als Asexueller hatte gerade mal 57 Minuten gedauert."
Damit nicht genug: In "Kreatives Schreiben" wird James' Text, ein Kapitel aus seinem im Entstehen begriffenen Roman "Neurotica", in dem ein Außenseiter gegen den dummen Rest der Welt kämpft, ordentlich auseinandergenommen; nicht weil er schlecht ist, sondern weil die Mitschüler erkennen, dass die Hauptfigur, die sich über alle anderen erhebt, mit James praktisch übereinstimmt. Es folgen ein Nuckeln an der Wodkaflasche des Spindkollegen, ein merkwürdiges Gespräch mit dem Direktor und schließlich das totale Chaos, weil James das Unglaubliche schafft: Wegen ihm wird der Schulball abgesagt.

Goebel haut am laufenden Band Bonmots ("Satan lebte, war wohlauf und wohnte in Kentucky") und witzige Beobachtungen raus. So lässt er James etwa bemerken, wie seine Mitschüler "beim Aufstehen kurz an ihren Hemdschößen zogen, um sicherzugehen, dass ihre Hintern bedeckt waren. Als ich noch in die Kirche ging, fiel mir auf, dass viele Leute so etwas machten (…), und es schien die weitverbreitete Auffassung zu geben, dass alle Leute im Leben nichts anderes tun, als einander auf die Ärsche zu glotzen, was im Großen und Ganzen auch stimmte."
Im ersten Drittel von "Ich gegen Osborne" muss man alle paar Seiten laut auflachen, im weiteren Verlauf werden die Lacher weniger, die Sache wird ernster. Wie auch schon in den Vorgängern "Freaks", "Vincent" und "Heartland" stellt Goebel einen Sonderling in den Mittelpunkt, der der Gesellschaft den Spiegel vorhält. Für wen sein Herz schlägt, damit hält er nicht hinterm Berg: In der Danksagung am Ende des Buches erwähnt er seinen kleinen Sohn, "der nie einen Tag erleben wird, wie ihn James durchstehen musste. Das werde ich nicht zulassen."
Das klingt ein wenig nach "engagierter Literatur", nach sozialem Rührstück. Zwar lässt Goebel auch noch James' Vater sterben, doch gelingt es ihm, den Jungen als vielschichtige Figur zu zeichnen, die nicht auf Mitleid angewiesen ist. Man muss ihn wegen seiner ironischen Art fast mögen, aber nicht immer; mitunter möchte man ihn auch in den Hintern treten, weil er nicht bemerkt, dass er zwar klüger ist als die meisten Gleichaltrigen, aber im Grunde gar nicht so anders tickt und ebenso fühllos agiert wie sie.
"Sie hatten Sex, und ich hatte den Tod", formuliert er einmal im Kopf. Ganz kurz darauf denkt er: "Ich will Spaß, so wie alle anderen auch." In der Pubertät kann das Pendel sehr schnell zwischen diesen beiden Extremen hin und her schwingen. Joey Goebel hat ihren Wirrnissen ein kleines literarisches Denkmal gesetzt.

Sebastian Fasthuber in FALTER 11/2013 vom 15.03.2013 (S. 16)


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