Du sagst es

von Connie Palmen

€ 22,70
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Übersetzung: Hanni Ehlers
Verlag: Diogenes
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 288 Seiten
Erscheinungsdatum: 24.08.2016


Rezension aus FALTER 41/2016

Monster, Mann und Minotaurus

Connie Palmen und Slavenka Drakulić nähern sich zwei illustren Paaren der Literatur- und Kunstgeschichte

Zwei renommierte Autorinnen begeben sich auf die Spuren berühmter Liebespaare. Connie Palmen erzählt in „Du sagst es“ die Geschichte des wohl bekanntesten Schriftstellerehepaars des 20. Jahrhunderts Sylvia Plath (1932–1963) und Ted Hughes (1930–1998) aus der Perspektive des Mannes, der nach dem Selbstmord seiner Frau quasi als deren Mörder stigmatisiert wurde. Und Slavenka Drakulić knüpft sich in „Dora und der Minotaurus“ die Beziehung der Fotografin Dora Maar (1907–1997) mit Pablo Picasso (1881–1973) vor und nimmt dabei den Standpunkt der Geliebten und Muse Picassos ein, die für das Jahrhundertgenie ihren Beruf aufgab.
In beiden Fällen werden die beiden Ich-Erzähler von ihren Liebespartnern zerstört zurückgelassen und versuchen schreibend ihr Selbst wiederzugewinnen. Während Hughes bei Palmen zu der Erkenntnis gelangt, „in der Gestalt einer Frau meinen eigenen Dämonen“ begegnet zu sein, gibt Dora Maar bei Drakulić die ganze Schuld Picasso.
Spätestens mit ihrem autobiografischen Roman „I.M.“ (dt. 1999) über ihre Beziehung mit dem Talkmaster Ischa Meijer hat sich Connie Palmen einen Namen als Expertin für symbiotische Liebesgeschichten gemacht. In ihrem jüngsten Roman gelingt ihr das Kunststück, eine der meistgedeuteten Beziehungen aus einer überraschenden, schmerzhaft überzeugenden Perspektive zu erzählen.

Ted Hughes hat zu den ihm gegenüber erhobenen Vorwürfen Zeit seines Lebens geschwiegen. Bei Palmen jedoch überwindet er kurz vor seinem frühen Krebstod im Jahr 1998 Stolz und Scham und erhebt das Wort. Als Quelle für die Ehrenrettung des Mannes und Dichters dient hier hauptsächlich Hughes’ Gedichtband „Birthday Letters“. Palmen erzählt die Geschichte einer Amour fou, einer „Urgewalt namens Liebe“, die mit einem Biss von Plath in Hughes’ Wange auf einer Party im Februar 1956 beginnt. Zweieinhalb Jahre sind seit dem ersten Suizidversuch Plaths vergangen, sieben Jahre wird es bis zu ihrem Tod im Februar 1963 dauern. Bevor Plath den Kopf ins Backrohr legt und den Gashahn aufdreht, schließt sie den 13 Monate alten Nicholas und die zweijährige Frieda im Kinderzimmer ein, bei geöffnetem Fenster.
„Sie war ein süß duftendes Gefäß voll Gift.“ Hughes benutzt starke Worte, um ein differenziertes Bild einer Person zu zeichnen, die nach ihrem Tod zur Projektionsfläche wird, als Opfer einer ehrgeizigen Mutter, eines untreuen Mannes, der patriarchalischen Gesellschaft. „Und da war sie die zerbrechliche Heilige und ich der brutale Verräter.“

Die Wahrheit ist wie immer komplexer. Hughes lässt Plaths „Fassade umwerfender Fröhlichkeit“, ihre aufdringliche Unbescheidenheit, zickige Theatralik und ihren krankhaften Ehrgeiz ebenso plastisch werden wie ihre Angstattacken, Alpträume und Eifersucht. Der Poet, Mystiker und Sternendeuter fühlt sich berufen, ihr „Lehrmeister und Befreier“ zu werden, sie zu ihrem „wahrem Selbst“ zu führen, mittels Ratschlägen, Hypnose und Werkkritik.
Dieses Helfersyndrom wird der Liebe zum Verhängnis, weil Hughes sich selbst aufgibt, um Plath zu retten. Und schließlich nicht mehr anders kann, als aus der nach außen hin perfekt erscheinenden Ehe mittels einer Affäre zu fliehen. Wäre es besser gewesen, weniger Geduld für Plaths Launen und stumme Kriegszüge aufzubringen? Und hatte Hughes überhaupt eine realistische Chance gegen ihren Aufopferungswillen und Todessehnsucht?
Palmen widersteht der Versuchung, die Täter-Opfer-Relation einfach umzukehren. Sie zeigt lediglich, dass Plath nicht nur die Märtyrerin war, als die sie von kommenden Generationen von Frauen angebetet werden sollte, und Hughes nicht nur Täter, sondern auch Gefangener in einer unbarmherzigen Rolle, die Plath ihm in ihrem „dramatischen Narrativ“ zugedacht hatte.

Slavenka Drakulić hingegen macht es sich genauso leicht wie jene, die Hughes als Monster abtun: Sie reduziert Picasso restlos auf den titelgebenden Minotaurus, den Tier-Gott, der die Frau vergewaltigt, wie auf dem gleichnamigen Picasso-Gemälde „Dora und der Minotaurus“. Während Hughes von Palmen zum Geburtshelfer der Dichterin Plath stilisiert wird, firmiert Picasso bei Drakulić als Totengräber der Fotografin Maar – freilich 20 Jahre zuvor, im Jahr 1936.
Aufgewachsen in Argentinien, legt sich die Tochter einer Französin und eines Kroaten nach ihrer Rückkehr nach Paris die Fassade der Unnahbarkeit zu und erwirbt nicht nur als Fotografin, sondern auch als Geliebte von Georges Bataille sowie als Model von Man Ray einen exotischen Ruhm, den auch der um 26 Jahre ältere Picasso attraktiv findet.
Drakulić’ Schlüsselidee, ein posthum aufgetauchtes Notizbuch in kroatischer Sprache zu fingieren, das Maar nach ihrem Zusammenbruch im Jahr 1945 beginnt, zehn Jahre später fortführt und das sich immer wieder an Maars Psychoanalytiker
Jacques Lacan wendet, geht leider nicht auf: Zu glatt, zu erklärend kommt diese Prosa daher, die sich streckenweise wie ein feministischer Essay liest und als Selbstbefragung einer gebrochenen Frau im Horizont der 1950er-Jahre immer mehr an Glaubwürdigkeit einbüßt.
Sie sei eine „egoistische mondäne Gans“ gewesen, gibt Maar zu, ein „Opfer, das zur Retterin werden wollte“. Die Täterrolle aber bleibt Picasso vorbehalten, der Frauen nur braucht, um eine neue Schaffensphase einzuleiten und Maar für eine junge Kunst­studentin verlässt. Wofür hat Dora Picasso bis an ihr Lebensende geliebt – außer für seinen Ruhm und seine Macht? Und wie war diese Liebe? Beides vermag Drakulić nicht greifbar zu machen.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 41/2016 vom 14.10.2016 (S. 31)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Dora und der Minotaurus

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