Die allertraurigste Geschichte

von Ford Madox Ford

€ 29,90
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Übersetzung: Gertraude Krueger
Übersetzung: Helene Henze
Übersetzung: Fritz Lorch
Verlag: Diogenes
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Hauptwerk vor 1945
Umfang: 320 Seiten
Erscheinungsdatum: 28.11.2018

Rezension aus FALTER 9/2019

Ein Krokodil zwischen Chintz und Chippendale

Auf den zweiten Blick ist „Die allertraurigste Geschichte“ von Ford Madox Ford eigentlich auch ziemlich komisch

Ehebruch, Eifersucht, Erbschaft und Erpressung, fingierte Herzleiden und echte Selbstmorde, Kurschatten, Schiffsreisen, Polo-Matches und Schlafzimmer mit Chintz und Chippendale … „Es ist reines Melodram“, wie es einmal treffend heißt, und aus den Motiven, Konstellationen und Settings dieses Melodrams ließe sich ohneweiters ein TV-Mehrteiler im Stile einer ziemlich düsteren Rosamunde Pilcher zimmern. Lediglich ein Duell fehlt, was angesichts des Umstandes, dass „Die allertraurigste Geschichte“ um die vorletzte Jahrhundertwende und unter anderem in Kreisen des Militärs spielt, dann fast schon verwundert.

Mit „The Good Soldier“, so der Titel der englischen Originalausgabe von 1915, ist im Übrigen Edward Ashburton gemeint, eine der vier Hauptpersonen, die einander in unheilvoller Verstrickung verbunden sind, auch wenn das Verhältnis der beiden Ehepaare Außenstehenden als mustergültig, unbeschwert und harmonisch erscheinen muss. Unter der Oberfläche des Parketts, über das sie sich so leichtfüßig bewegen, aber dräut ein Abgrund: „Es war kein Menuett, das wir tanzten; es war ein Gefängnis – ein Gefängnis voll mit kreischenden Hysterikern, die geknebelt waren, damit sie das Rollen der Räder unserer Kutschen auf den schattigen Alleen des Taunus nicht übertönten.“

Der Mann, der hier erzählt und sich dabei vorstellt, er säße „neben dem Kaminfeuer eines Landhauses und hätte mir gegenüber eine mitfühlende Seele“, ist John Dowell und entweder der argloseste Ehemann, dem je Hörner aufgesetzt wurden, oder ein ziemlich unverlässlicher Erzähler, wahrscheinlich aber beides.

Man könnte sagen, dass er die sich über zwölf Jahre erstreckende Geschichte von deren schaurigem Ende – zwei der genannten vier Personen haben sich umgebracht, eine involvierte fünfte ist dem Wahnsinn verfallen – her aufrollt, würde durch dieses Bild nicht eine falsche Vorstellung evoziert. Das Erzählgarn ist nämlich nicht sauber auf eine Spule gewickelt, sondern ähnelt eher einem heillos verworrenen Knäuel, an dem Dowell herumnestelt, und der Versuch, sich einen chronologischen Überblick zu verschaffen, wird auch durch den Hinweis darauf, dass sich in den Jahren zwischen 1899 und 1913 der 4. August wiederholt „als ein bedeutsames Datum“ erweist, nicht erleichtert.

„Die allertraurigste Geschichte“, die der Autor tatsächlich so nennen wollte, ehe er – der Erste Weltkrieg war bereits ausgebrochen – von seinem Verleger überredet wurde, einen anderen Titel zu wählen, folgt keinem schlichten Kalkül der Entlarvung nach dem Muster: „Seht nur, was sich hinter der Fassade in Wirklichkeit verbirgt.“

Dass Leonora und Edward Ashburton nicht „einfach ordentliche Leute“ („just good people“) sind, wie etwas zu oft beteuert wird, ahnt man bald. Aber warum und aus wessen Schuld die Geschichte, der der Erzähler alle tiefere Tragik abspricht, in einer Katastrophe münden musste, bleibt offen: „Es ist eine komische und fantastische Welt. Warum können die Menschen nicht bekommen, was sie wollen? Es war alles da, jeder hätte zufriedengestellt werden können; aber jeder hat nur das Verkehrte. Vielleicht werden Sie daraus klug; ich verstehe es nicht.“

Auch wenn es angesichts des bislang gebotenen Einblicks in das, was einmal als „rätselvoller Schmerzensraum“ benannt wird, nicht so scheinen mag, muss gesagt werden, dass die „Allertraurigste Geschichte“ immer wieder auch ziemlich komisch ist. Hin- und hergerissen zwischen Arglosigkeit und Momenten, in denen plötzlich der Hass durchbricht oder Sarkasmus aufblitzt, schildert der Erzähler Edward als eine Art Schwerenöter wider Willen, der – „groß in Gewissensbissen“ – jede unbedeutende Affäre prolongiert, weil er in eigenwilliger Loyalität jeder Frau einen Anspruch auf sich einräumt.

Nachdem Edwards kostspielige „Herzensgeschichten“ mit der Mätresse eines Großfürsten und der Gattin eines Offizierskameraden erwähnt wurden, setzt Dowell fort: „Sie sehen, mit den Liebschaften des armen Edward ging es stetig aufwärts. Sie begannen mit einem Dienstmädchen, gingen zu einer Kurtisane über und von ihr zu einer ganz anständigen Frau, die allerdings schlecht verheiratet war. […] Und nach dieser Dame kam Maisie Maidan, und nach der armen Maisie nur noch eine Liebschaft, und dann – die große Leidenschaft seines Lebens.“

Miteinander reden die Ashburtons schon seit Jahren nur mehr in Gegenwart Dritter oder das Allernötigste; eine Scheidung kommt für Leonora, eine irische Katholikin, aber nicht infrage. Und solange öffentliche Skandale vermieden und der Schein gewahrt werden kann, managt sie nicht nur die Finanzen, sondern auch die Liebschaften ihres notorisch freigiebigen und untreuen Gatten.

Auch bizarrer und grimmiger Slapstick findet sich genügend in dem Roman. Zwar dient die Geschichte vom Herzleiden seiner Gattin ganz offenkundig nur dem Zweck, Dowell vom Vollzug der Ehe abzuhalten; dennoch wird dieser mit einer Axt ausgestattet, um die stets verschlossene Schlafzimmertür im Notfall einschlagen zu können. Und während Edward und Florence nur zum Schein alle Jahre nach Bad Nauheim auf Kur fahren, stirbt eine, „die es wirklich am Herzen hatte“, bei der alleralltäglichsten Verrichtung: „Bei der Anstrengung, die Riemen in einem großen Koffer anzuziehen, hatte Maisie der Tod ereilt – so grotesk, dass ihr kleiner Körper nach vor in den Koffer fiel, der über ihr zuschnappte wie die Kiefer eines riesigen Krokodils.“

Klaus Nüchtern in FALTER 9/2019 vom 01.03.2019 (S. 36)


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