Maschinen wie ich

von Ian McEwan

€ 25,70
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Übersetzung: Bernhard Robben
Verlag: Diogenes
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 416 Seiten
Erscheinungsdatum: 22.05.2019


Rezension aus FALTER 25/2019

Hilfe, mein Roboter vögelt meine Freundin!

Gäbe es analog zum „Problemfilm“ eine „Problemliteratur“, Ian Mc-Ewan wäre ein unbestrittener Großmeister dieses Genres. Der gern erhobene Vorwurf mangelnder Welthaltigkeit von Literatur geht an ihm vorbei: Ob es um medizinethische Fragen, Neurochirurgie oder die Zukunft der Fotovoltaik geht – der demnächst 71-jährige Brite ist verlässlich zur Stelle.

Nicht einmal halb so alt ist Charlie, der Ich-Erzähler aus McEwans jüngstem Roman „Maschinen wie ich“. Ort und Zeit: London im Jahr 1982; Problem: Muss man Robotern, die sich wie Menschen verhalten, auch zugestehen, über ein Bewusstsein, Gefühle, eine Persönlichkeit zu verfügen?

Charlie hat damit zunächst jedenfalls erhebliche Schwierigkeiten. Der studierte Jurist, der seinen Lebensunterhalt online mit Aktien- und Devisenspekulationen bestreitet, hat um 86.000 Pfund einen Adam erstanden (richtig, das weibliche Pendant der jüngsten Robotergeneration heißt Eva). 16 Stunden beträgt die Ladezeit, die Gebrauchsanweisung ist mitunter etwas kryptisch: „Vorderteil des B347k Leibchens entblößen, um mit dem sorglos Emoticon des Motherboard Outputs die Stimmungsschwankungen der Penumbra zu mindern.“

Bis Adam endlich ausgepackt und in Gang gesetzt worden ist, dauert es also eine geraume Zeit, was leider ganz generell für diesen Roman gilt. Dessen Tempo ist eher prä- als transhuman, sprich: Schildkröte auf frischem Asphalt Formel 1 dagegen. Das liegt vor allem an der logorrhöischen Verschwatztheit des Protagonisten, von dem zwar unklar bleibt, was er da wem genau und aus welchen Gründen erzählt, der das aber auf jeden Fall in aller Ausführlichkeit tut. Dabei geht es nicht nur um die eigene, als verkorkst erlebte Biografie, die der in der Tat nicht übermäßig gewinnende Charlie mit einigem Selbstbezichtigungsaufwand ausbreitet, sondern auch um ein Alternate-History-Szenario, in dem England den Falkland-Krieg und Margaret Thatcher gegen den linken Labour-Mann Tony Benn verliert und der offen in einer schwulen Beziehung lebende Enigma-Knacker Alan Turing zu einem auch vom Erzähler heftig adorierten Helden der Open-Source-Bewegung geworden ist.

„Die Gegenwart ist ein unwahrscheinliches, unendlich fragiles Konstrukt. Es hätte anders kommen können“, heißt es einmal. Ja, eh. Aber viel mehr als diese schlichte Einsicht vermitteln die ziemlich lust-, plan- und spannungslos über den Roman verteilten alternativen Fakten auch nicht. Die Exkurse über bayessche Wahrscheinlichkeit, das P-NP-Problem oder „weidlich durchdachte Dilemmata“ der Moralphilosophie dienen ganz offenkundig vor allem dazu, die Bildung und Belesenheit des Autors zu belegen. „Hier haben wir also einen Physiker, der nicht nur zu scannen, sondern auch seine Phantasie einzusetzen weiß“, schreibt der Rezensent vom Times Literary Supplement über Turings dichtenden Lebensgefährten: „Wer findet mir den Dichter, der die Quantengravitation erklären kann?“ Nun, die Antwort liegt auf der Hand.

Dabei wäre die offenkundige Eitelkeit von „Maschinen wie ich“ zur Not noch zu ertragen, hätte der Autor so altmodische Anforderungen wie plausible Figurenzeichnung, elegante Plotkonstruktion, Erzähldynamik und Spannungsdramaturgie mit dem gleichen Aufwand bedacht wie die Darstellung des eigenen Bescheidwissertums.

Auf den ersten McEwan-Moment muss man ganze 70 Seiten lang warten. Es ist eine jener knisternden Situationen, in denen latente in manifeste Gewalt umzuschlagen droht: Des Protagonisten in einem Park an eine sichtlich überforderte Mutter gerichtete Ermahnung, ihr Kind bitte nicht so arg zu schütteln, stößt auf geringes Verständnis und wird durch das Auftauchen des Kindsvaters auch nicht größer. Der mag Charlie zwar physisch unterlegen sein, hat aber, was körperliche Gewalt anbelangt, vermutlich die bessere Einstellung: „Wenn es galt, Leute zu hauen, wusste ich einfach nicht, wie ich das machen sollte. Ich wollte es auch nicht wissen.“

Die Begegnung mit der Not-Good-Enough-Mother und ihrem Sohn stößt einen Sub-Plot an, der noch einschneidende Folgen haben und das Feld der Reflexionen um eine zusätzliche Dimension, nun ja, bereichern wird.

Es geht, wie so oft bei McEwan, um das Verhältnis zwischen (sozialer und genetischer) Determiniertheit und Handlungsfreiheit – und um die Frage nach dem posthumanen Analogon: Entscheiden beim Menschen die Gene über dessen Schicksal, so sind es beim Roboter/Androiden womöglich die Werkseinstellungen.

„Die Eltern vermischen sich wie Flüssigkeiten, die man zusammenrührt“, gelangt Charlie zu einer ebenso banalen wie unelegant formulierten Einsicht. Digitale Elternschaft aber erhöht nur scheinbar das Maß an Kontrolle: Wenn Charlie und seine um zehn Jahre jüngere Freundin gemeinsam (aber jeder für sich) die Persönlichkeitsmerkmale von Adam festlegen, hat das unabsehbare Folgen. Dass Adam eines Abends akustisch gut vernehmbar Miranda vögelt, findet Charlie jedenfalls nicht so gut.

„Maschinen wie ich“ enthält noch zahlreiche weitere Konflikte und Konstellationen, die man auch aus den guten Romanen des Autors – wie etwa „Liebeswahn“, „Am Strand“ oder „Solar“ – kennt. Sie sind hier nur viel schlampiger verarbeitet, gleichsam schlecht verlötet. Hinzu kommt, dass die Thematik ja auch nicht wirklich neu und darüber hinaus in Philip K. Dicks „Bladerunner“ oder der großartigen schwedischen Serie „Äkta människor“ („Echte Menschen“, 2012–2014), von der sich McEwan einiges „geborgt“ zu haben scheint, auf wesentlich packendere und witzigere Weise verhandelt worden ist.

Ian McEwan war immer schon mehr Erzählpragmatiker als Stilist; elegante Bonmots à la Julian Barnes wird man bei ihm kaum finden. Aber das Maß an sprachlicher (und inhaltlicher) Nachlässigkeit unterschreitet in „Maschinen wie ich“ doch immer wieder Standards, die man gern gewahrt sehen würde. Hochfliegendes Pathos – „Aus meiner Sicht verharrten wir noch immer in den Voralpen der Möglichkeiten, deren Erfüllung wie ferne Berggipfel vor uns aufragte“ – wechselt mit der ambitionslosen Aufzählung aller anstehender Agenda der menschlichen Gattung: „Armut, Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, Gesundheitswesen und Altenpflege, Schule, Verbrechensrate, Gleichberechtigung, Klimaschutz und Chancengerechtigkeit.“

Noch weitere Einsichten? Aber sicher: „Andere Menschen, andere Gedankenwelten werden uns doch gewiss immer faszinieren.“ Einen solchen Satz aber möchte man nicht einmal in einem Maturaaufsatz, geschweige denn in einem Roman von Ian McEwan lesen müssen.

Klaus Nüchtern in FALTER 25/2019 vom 21.06.2019 (S. 35)


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