Märchen aus dem alten Venedig

von Herbert Boltz

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Verlag: Diogenes
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 32/2002

Venedig, was ist das? Ein metaphysischer Ort, in dem die Sehnsucht von der Rückkehr des Menschen ins Wasser, den Lebensraum seiner Ahnen der Evolution, Realität geworden ist? "Venedig ist ein Fisc" und stinkt vor lauter Schönheit. Dies jedenfalls behauptet der 1963 in der Lagunenstadt geborene Tiziano Scarpa in einem essayistischen Crashkurs. Ziel der schmalen Agitationsschrift scheint es zu sein, potenzielle Touristen zum Nachdenken darüber anzuhalten, ob sie die Einheimischen wirklich mit ihrer Anwesenheit belästigen wollen. Nicht nur, dass der Autor die Stadt mit einem glitschigen Tier vergleicht, das für ein schillerndes Äußeres bekannt ist, aber schon nach kurzem einen unerträglichen Fäulnisgeruch verströmt - mit Haut und Haar drückt er den Leser in den Kadaver hinein, auf dass er im Fleisch der Stadt feststecke, im Geruch der Pisse von mehreren tausend Katzen, im Schweiß von Liebespaaren, die es ungeniert in Hauseingängen treiben. Ganz schön böse, wie hier mit den Touristen, den Herren Venedigs, umgesprungen wird, ohne die der Stadtsäckel leer wäre. Märchen sind bekanntlich keine lieben Gute-Nacht-Geschichten für Kinder, sondern surreale Verbrämungen historischer Anekdoten und voller versteckter Moral. Dass König und Adel zu Willkür neigen und nach Gusto die Bevölkerung metzeln durften, kommt kaum je zur Sprache; in den "Märchen aus dem alten Venedig" allerdings schon. In der repräsentativen Sammlung von Herbert Boltz tritt der Adel als das personifizierte Böse auf. Sobald von ihm ein Unrecht ausgeht, rächt sich das arme, geschundene Volk allerdings gründlich. So wird ein anarchischer Grundgestus zum sympathischen Markenzeichen dieser mündlich überlieferten Geschichten.Als strenge Naturwissenschaft mag die Najadologie umstritten sein. Naja, macht nix. Zumal, wenn ein echter Nixenkundler wie Enn Vetemaa endlich auch auf deutsch darüber informiert, welche Nixenarten es in Estland gibt und wie man sie erkennen kann - von der waschversessenen Seifomanin bis zur nacktittrigen Wuchtbrumme. Die Berliner Illustratorin Kat Menschik hat Vetemaas Buch bearbeitet und mit 600 kongenialen Abbildungen versehen.

Martin Droschke in FALTER 32/2002 vom 09.08.2002 (S. 54)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Venedig ist ein Fisch (Tiziano Scarpa, Olaf Matthias Roth)
Die Nixen von Estland (Enn Vetemaa, Günter Jänixche, Günter Jänixche, Kat Menschik)

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