Die Übersetzung

von Pablo de Santis, Gisbert Haefs

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Unionsverlag
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 42/2000

Mit seinem neuen Roman "Schwarzer Rücken der Zeit" betreibtJavier Marias ein eitles Spiel mit Fakten und Fiktionen.
Sagen Sie nicht, Javier Marias habe Sie nicht gewarnt. Allein eine Bemerkung auf Seite 52 von "Schwarzer Rücken der Zeit" muss alle Alarmsirenen zum Heulen bringen: "Dies ist ein Buch der Einschübe, nur, dass man auch mit ihnen vorwärts kommt" heißt es da. Recht hat er zweifellos, denn seit Marcel Reich-Ranicki seinen Roman "Mein Herz so weiß" über das "Literarische Quartett" in die deutschen Bestseller-Listen puschte, hat sich Marias dort als Dauergast eingenistet. Noch ehe das neue Werk auf den deutschen Markt kam, gab es ein derartiges Presseecho, wie es auf dem Gebiet der Belletristik selten ist. So richtig nachvollziehbar ist dieser Aufwand nicht, dennoch passt er ganz gut ins Bild. "Schwarzer Rücken der Zeit" ist vor allem ein Buch der Eitelkeiten.
Wie schon in "Mein Herz so weiß" oder "Morgen in der Schlacht denk an mich" kann es Marias nicht lassen, sein gewiss recht umfassendes Wissen dezent in Nebensätze zu verpacken und mit penetranter Beiläufigkeit auszustreuen. Marias kann auch als Schriftsteller nicht verleugnen, dass er Anfang der Achtzigerjahre als Universitätsdozent tätig war und als Sohn des Philosophen Julian Marias praktisch von der Wiege an unter Intellektuellen aufgewachsen ist. Auf Seite 38 etwa heißt es: "Das Dämonische dieses kurzen, trockenen Lachens lag jedoch nicht darin, es zu sehen, sondern es zu hören, denn es ähnelte nicht den üblichen geschriebenen Onomatopöien, die alle mit ,h' beginnen (also hahahaoder hehehe oder hihihi oder in anderen Sprache hohoho oder sogar ahah), sondern in seinem Fall war es unzweifelhaft ein Verschlusslaut, ein eindeutiges alveolares ,t', wie es das englische ist. Tatata, so hörte sich das schaurige Lachen von Professor Rylands an. Tatata.Tatata."
Dass Professor Rylands alveolar lachte, ist nur von Bedeutung, weil dies in Oxford geschah, wo auch der Roman "Alle Seelen" angesiedelt ist, den Marias vor ein paar Jahren auf den Markt geworfen hat. Jetzt belustigt er sich darüber, dass manche seiner Romanfiguren eine ziemliche Eigendynamik entwickelten. Offenbar hatte der imKlappentext von "Alle Seelen" ausgeplauderte Umstand, dass der Autor ebenso wie sein "Ich-Erzähler" zweiJahre in der englischen Universitätstadt gelehrt hatte, einige zur Annahme verleitet, hier liege ein Schlüsselroman vor. Ein ehemaliger Kollege soll sich in einem für den KGB spionierenden Professor wiedererkannt haben, eine angesehene Dame der kleinstädtischen Society aufgrund des Buches des Ehebruchs verdächtigt worden sein; und auch ein Ehepaar, das in Oxford eine Buchhandlung betreibt, glaubte sich in dem Text wieder zu finden.
Über dieses Ineinanderfließen von Fiktion und Realität sinniert Marias nun in einer Art Fortsetzung nach, nicht ohne zu beteuern, dass (fast) alle Figuren erfunden waren. In Folge schließt er biografische Lücken, setzt die Geschichte der Charaktere fort und betreibt ein vordergründiges Spiel mit Identitäten und Wahrheiten.
Dort, wo Marias persönlich wird und über seinen im Kindesalter verstorbenen Bruder Julianin oder den Tod seiner Mutter Lolita sinniert, schafft er zweifellos ein Stück Prosa, das in seinem Duktus, seiner Intensität und seinem Betroffenheitsanspruch zu imponieren vermag.
Auch sein Vorhaben, durch die gezielte Vermischung von Tatsachen und reiner Vorstellung das Machtpotenzial des geschriebenen Wortes zu hinterfragen, hat seinen Reiz. Dennoch stellt sich der Leser irgendwann einmal die Frage: Wozu das Ganze? Dass jede Literatur ein Stück Wahrheit in sich trägt,haben wir uns schon vorher gedacht, und so geheimnisvoll ist die Sache mit den Menschen in Oxford auch wieder nicht. Denn entweder hat Marias seine Vorbilder literarisch derart unverzerrt wiedergegeben, dass sich so mancher zwangsläufig selbst entdecken musste. Vielleicht aber beschrieb er in "Alle Seelen" einfach reine Klischee- und Durchschnittstypen, sodass sich bald wer angesprochen fühlen konnte.In seinem Roman "Die Übersetzung" schickt der Argentinier Pablo de Santis Übersetzer reihenweise in einen mysteriösen Tod.
In Argentinien hat sich Pablo de Santis als Verfasser esoterischer TV-Soap-Operas und Comic-Autor einen Namen gemacht. Daher verwundert das eigenwillige Szenario, das er für seinen Roman "Die Übersetzung" entwirft, nicht weiters. Puerto Esfinge (Hafen der Sphinx) heißt der seltsame Ort an der Atlantikküste, an dem ein entsprechend rätselhafter Kongress stattfindet: ein Treffen von Kryptologen, die sich der Erforschung von ausgestorbener Sprachen verschrieben haben. Auch der etwas eigenbrötlerische Übersetzer Miguel Blast nimmt daran teil.
Nach und nach verdichtet sich das Meeting der verschrobenen Intellektuellen zu einem Verwirrspiel der Intrigen und Irrgänge. Mehrere Kongressteilnehmer werden tot aufgefunden, ein jeder mit einer Nickelmünze unter der Zunge. Wie sich herausstellt, waren sie einer geheimnisvollen Sprache auf der Spur, die sie der Unsterblichkeit zuführen sollte. Die Münze ist der Lohn für die Fähre über den Acheron, jenen Fluss in der Unterwelt der griechischen Mythologie, der die Menschen vom Jenseits trennt. Wer die "Sprache des Acheron" beherrscht, so die Überlieferung, kann den Tod besiegen, solange er darauf verzichtet, sie zu sprechen.
In dem Hotel in Puerto Esfinge, am Ende der Welt, nehmen die Dinge aber einen völlig anderen Verlauf: Die "Sprache" wird zum Motor der Handlung und letztlich zur letalen Waffe. Der Plot, den sich De Santis ausgedacht hat, ist originell, hat aber den erheblichen Mangel, dass es ihm nicht gelingt, die Geschichte zu einem schlüssigen Ende zu bringen, obwohl de Santis' konziser Stil eben dies erwarten lässt. "Ich war fast überzeugt, dass Naum die Wahrheit sagen würde, und Naum war fast bereit, die eine Zeile zu sprechen, die an der Wahrheit noch fehlte. Aber dazu kam es nie", erzählt Blast knapp vor Schluss. Auch de Santis' Roman sucht vergeblich nach dieser einen Zeile.

Edgar Schütz in FALTER 42/2000 vom 20.10.2000 (S. 10)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Schwarzer Rücken der Zeit (Javier Marías, Elke Wehr)

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