Frau ohne Begräbnis

von Assia Djebar, Beate Thill

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Unionsverlag
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 12/2003

Die beiden Schriftsteller Assia Djebar und Boualem Sansal beschreiben in ihren Büchern zwei vollkommen unterschiedliche Wirklichkeiten ihres Heimatlandes.

Es muss zumindest zwei Algerien geben. Eines, in dem die Frauen heldenhaft sind und tapfer gegen das Böse - nämlich den Kolonialismus - kämpften, und eines, das arm, korrupt und abgewirtschaftet am Rande des gesellschaftlichen Kollaps steht.

In ersterem hat die "Frau ohne Begräbnis" gelebt. Die 1916 geborene Zoulikha wird als außergewöhnliche Frau beschrieben, die in aller Stille unter den Frauen ihrer Stadt ein Widerstandsnetz gegen die französische Herrschaft knüpfte. Eine selbstbewusste Frau, die den Mut besaß, einer arroganten Französin, die die verschleierte Zoulikha herablassend "Fatima" nennt, "Pass auf, Maria!" hinterherzurufen. Eine, die kein Problem hatte, als Frau bei der Post zu arbeiten, und sich sogar scheiden ließ. Nach dem Tod ihres letzten Mannes überantwortete Zoulikha ihre beiden jüngeren Kinder der ältesten Tochter und ging in die Berge. Zwei Jahre lang kämpfte sie bei den Partisanen gegen die Kolonialmacht Frankreich, bis sie 1959 - also drei Jahre vor der endlich errungenen Unabhängigkeit - von französischen Soldaten gefangen genommen und ermordet wurde. Ihre Leiche wurde von den Behörden nicht freigegeben, auch nach Ende des Krieges konnten ihre Töchter die letzten Stunden von Zoulikha nie rekonstruieren, geschweige denn ihre Mutter begraben.

Die Erzählung ihres Lebens bleibt fragmentarisch, zusammengewürfelt aus den Erinnerungen ihrer Töchter und Freundinnen und Monologen der Heldin. Assia Djebar beschreibt damit nicht nur die Geschichte der historischen Partisanin Zoulikha, sondern gleichzeitig auch das Schicksal einer ganzen Generation während des algerischen Unabhängigkeitskrieges. Überall, wo die Erzählerin nach einer Spur im Leben der Partisanin Ausschau hält, trifft sie auf Frauen, die im Krieg ihre Männer, Brüder oder Söhne verloren haben.
"Frau ohne Begräbnis", so erklärt Assia Djebar, habe sie vor über zwanzig Jahren als Dokumentarfilm begonnen und erst kürzlich als Roman fertig gestellt: "Es gibt einen dringenden Bedarf an Geschichtsschreibung über Frauen in Algerien und in den meisten islamischen Ländern. In meinem Land zum Beispiel glaubt man, dass es emanzipierte Frauen erst seit dreißig, vierzig Jahren gibt, also seit der Unabhängigkeit. Und dann stellt man fest, dass es davor schon Pionierinnen wie Zoulikha gab."Boualem Sansal hingegen, der, fünfzigjährig, mit seinem Romandebüt in der französischen Literaturszene für großes Aufsehen gesorgt hat, stößt in seinem Algerien hingegen auf nichts als Korruption, Gewalt und Spitzelwesen. Er beschreibt einen Polizeiapparat, in dem sich jene Beamten strafbar machen, die es wagen, eigenständig zu denken, und der eine ganze Generation, "darauf programmiert, dass es keine Zukunft gibt, dass ihre Eltern Viecher sind, die kein Lebensrecht haben und die Gendarmen die Feinde Gottes". Die Toten in Boualem Sansals Roman sind auch um einiges weniger heldenhaft als bei Djebar: Moh ist der überaus wohlhabende Pate der Region und - obwohl jeder weiß, dass er keine sauberen Geschäfte macht - vollkommen unantastbar. Der andere, Abdallah Bakour, ist ein unscheinbarer armer Teufel, der erst vor kurzem aus Frankreich zurückgekehrt ist, wo er Landarbeiter bei den pieds-noirs - den herablassend als "Schwarzfüßler" bezeichneten Algerienfranzosen - war. Kommissar Larbi, der kurz vor seiner Pensionierung steht, untersucht den rätselhaften Mord an Bakour, während höhere Instanzen sich um die Ermordung des reichen Moh kümmern.

Die Che-Guevara-Romantik, die Djebar in "Frau ohne Begräbnis" heraufbeschwört, ist in dem vollkommen abgewirtschafteten Städtchen Rouiba, in dem beide Tote am selben Tag auf demselben Friedhof begraben werden, nicht nur Geschichte, sondern wurde in einem Land, dessen Archive im Krieg zerstört worden sind oder sich immer noch unter Verschluss des algerischen Geheimdienstes Sécurité militaire befinden, sogar zur offiziellen Geschichtsschreibung. "Der Revolutionsmärtyrer ist uns nach drei Jahrzehnten zügellosen Konsums im Halse stecken geblieben", schreibt Boualem. Die "Tangos", wie die algerischen Polizisten die islamischen Terroristen nennen, und die "Ninjas", die Antiterror-Elitetruppe, liefern sich offene Kämpfe, die Mafia hat längst jeden Wirtschaftszweig des Landes durchdrungen, korrupte Politiker haben sich mit gewissenlosen Paten arrangiert. Mittendrin in diesem Sumpf versucht Kommissar Larbi das Geheimnis, das beide Morde miteinander verbindet, zu lüften - auch nachdem die Akte Moh geschlossen und Mohs Weigerung, die "Djihad-Steuer" an die Islamisten zu zahlen, zum offiziellen Grund für dessen Ermordung erklärt worden ist. Dabei hält sich der Kommissar allerdings nicht an die von ihm selbst verkündete Regel, dass es für einen algerischen Polizisten heilige Pflicht sei, als Idiot zu leben. Er rekonstruiert zwar die Verbindung zwischen den beiden Toten, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, indem er die Spuren in die Zeit des Unabhängigkeitskrieges zurückverfolgt, muss für seinen Eifer aber mit einer Kugel im Kopf bezahlen.

Doch in Boualems Algerien erscheint eine Kugel im Hirn fast als Segen. Hier lachen die Enkeltöchter der Partisanin Zoulikha nur auf den Hochzeitsfotos - weil sie ab nun weder ihren geistigen oder körperlichen Zustand noch ihre Jungfräulichkeit oder den guten Ruf der Familie unter Beweis stellen müssen. Sie sind glücklich, den aufdringlichen Blicken der Kupplerinnen, den Steinigungsgeschichten des Imams, den Attacken der arbeitslosen jungen Männer, die auf den Straßen herumlungern, und den wüsten Prügelorgien ihrer Väter entkommen zu sein.
Liest man "Der Schwur der Barbaren", kann man sich kaum vorstellen, dass in diesem Land einst Menschen wie Zoulikha gelebt haben. Nur die Tatsache, dass der Autor seine brutale und zynische Zustandsbeschreibung über mordende Islamisten, korrupte Politiker und die französische Kolonialmacht nicht in der französischen Emigration, sondern als in Algerien lebender Beamter geschrieben hat, gibt Hoffnung, dass es eines Tages auch in diesem wirtschaftlich und gesellschaftlich zerstörten Land wieder aufwärts gehen kann.

Nina Horaczek in FALTER 12/2003 vom 21.03.2003 (S. 8)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Der Schwur der Barbaren (Boualem Sansal)

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