Kind aller Völker
Mit einem Nachwort von Rüdiger Siebert. Roman. Die Buru-Tetralogie (Band 2)

von Pramoedya Ananta Toer

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Epilog von: Rüdiger Siebert
Übersetzung: Brigitte Schneebeli
Verlag: Unionsverlag
Format: Taschenbuch
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 448 Seiten
Erscheinungsdatum: 02.09.2015


Rezension aus FALTER 41/2015

Der lange Schatten der Todesschwadronen

Die Literatur Indonesiens arbeitet sich bis heute an der Diktatur Suharto ab, die Millionen das Leben kostete



Was genau geschah in der Nacht zum 1. Oktober 1965 in Indonesien? Die Vorgänge sind bis heute nicht geklärt. Angeblich gab es einen Putschversuch einer Gruppe linksnationaler Militärs. Was darauf folgte, war ein rechtsgerichteter Gegenputsch unter General Suharto, gefolgt von Bürgerkrieg und Massakern an allem, was irgendwie als „links“ galt.

In der „Saison der Hackmesser“ wüteten Todesschwadronen der Armee, aber auch verhetzte Zivilisten gegen angebliche Kommunisten und gegen chinesischstämmige Indonesier. Je nach Schätzung fielen diesen Schlächtereien zwischen anderthalb und zwei Millionen Bürger zum Opfer. In Joshua Oppenheimers preisgekröntem Dokumentarfilm „The Act of Killing“ (2013) haben Mörder von damals ihre Taten stolz vor der Kamera nachgespielt und sich mit ihren niemals geahndeten Gewalt-

exzessen gebrüstet. Dem Diktator Suharto galten diese Massenmorde ja als „Rettung des Vaterlands“.



Intellektuelle, Künstler, Studenten, Journalisten, Gewerkschafter, aber auch deren Familien, Freunde oder Bekannte – sie alle galten als linke Sympathisanten. Wer von ihnen die Blutbäder von 1965 überlebte, flüchtete entweder ins Ausland oder wurde für lange Jahre in Foltergefängnisse und Zwangsarbeitslager gesteckt. Vor allem die entlegene Gefängnisinsel Buru wurde zum Symbol für die Staatsverbrechen unter Suharto – ein tropischer Gulag für zehntausende politische Gefangene, die unschuldig und ohne Prozess auf diese unwirtliche Molukken-Insel deportiert wurden und dort oft an Hunger, Seuchen und Zwangsarbeit zugrunde gingen.

Erst Ende 1979 wurde das Zwangsarbeitslager unter dem Druck internationaler Proteste aufgelöst und in einen Verbannungsort für Ex-Häftlinge und deren nachgezogene Familien umgewandelt. Der Volksschriftsteller Pramoedya Ananta Toer, der Nationalheilige der indonesischen Literatur, war der prominenteste Häftling: Ohne dass ihm der Prozess gemacht wurde, hat man ihn 14 Jahre lang in Gefängnissen und Straflagern festgehalten, zehn Jahre davon auf der Insel Buru, wo die Gefangenen, auf sich allein gestellt, ihr Überleben in der Wildnis selbst organisieren mussten. Dort entstand sein Hauptwerk, die Buru-Tetralogie, deren zweiter Teil, der Roman „Kind aller Völker“, nun neu aufgelegt wurde.

Toer schreibt über die indonesische Gegenwart in historischer Verkleidung. Wenn er von der Unterdrückung der Indonesier durch die holländischen Kolonialherren um 1900 erzählt, dann ist immer die Unterdrückung durch die neue Zwangsherrschaft der Suharto-Diktatur mitgemeint – weshalb Toers Bücher jahrelang verboten waren. Er selbst stand bis zu seinem Tod 2006 unter Stadtarrest in Jakarta.

Dem Roman „Kind aller Völker“ merkt man die Entstehung aus der mündlichen Erzählung immer noch deutlich an: Weil er nicht schreiben durfte, hat Toer in Buru die Lebensgeschichte seines Helden Minke seinen Mitgefangenen immer wieder erzählt, um sie im Gedächtnis zu behalten. Erst 1973 bekam Toer beim Besuch eines hochrangigen Staatsbeamten eine Schreibmaschine geschenkt, so dass er den in Jahren aufgestauten Stoff endlich niederschreiben konnte. Um ihm das zu ermöglichen, übernahmen seine Mitgefangenen seinen Teil der Zwangsarbeit.

Im Buru-Romanzyklus geht es Toer darum, dem indonesischen Volk die eigene Geschichte bewusst zu machen. Am Beispiel des politischen Lernprozesses seines Romanhelden Minke, eines jungen javanischen Journalisten, will Toer seinen Landsleuten die Augen über die Widersprüche des Lebens im Kolonialismus öffnen und zugleich die Entstehungsgeschichte des indonesischen Nationalbewusstseins erzählen. Minke ist ein Simplicissimus, ein reiner Tor, jedoch umgeben von Mentorenfiguren, die ihn allmählich über die koloniale Zwangswelt aufklären, in der er bislang naiv dahingelebt hat.

Die didaktische Absicht dieses politischen Bildungsromans liest sich heute etwas penetrant und ungelenk, was aber Toers historisches Verdienst nicht mindert. Dank ihm wagen sich jüngere Autoren heute direkt an das Thema der Verbrechen des Suharto-Regimes, denn diese sind Teil der ungeschriebenen und unterdrückten Nachkriegsgeschichte Indonesiens. Sie stellen ein nationales Trauma dar, das unter der offiziellen Staatslüge vom Kommunistenputsch unbearbeitet weiterschwärt, aber neuerdings immer nachdrücklicher zum literarischen Thema wird. Es treibt sie ein starker politischer Aufklärungsimpuls – der Wille, den Opfern eine Stimme zu geben. Man muss das alles nicht wissen, aber es hilft, wenn man die Literatur aus Indonesien, dem diesjährigen Gastland der Frankfurter Buchmesse, richtig lesen will.



Vor allem zwei jüngere Autorinnen, die nicht persönlich unter dem Staatsterror der Militärdiktatur Suhartos zu leiden hatten, haben in ihren Debütromanen dieses Thema für sich entdeckt – nämlich die niederschmetternde Tatsache, dass hier eine ganze Generation ihres Lebens, zumindest aber ihrer Lebensperspektive und ihres Lebensglücks beraubt wurde, bloß weil diese Menschen ein paar linke Bekannte hatten, die falsche Versammlung besuchten, ein falsches Buch lasen oder einfach ihrem Nachbarn nicht passten. Eine ganze Generation, die sich nichts hatte zuschulden kommen lassen und gar nicht wusste, wie ihr geschah, war über Nacht entweder Flüchtling oder Häftling oder tot.

Leila S. Chudori erzählt in ihrem Roman „Pulang“ (Indonesisch für: Heimkehren) von vier Indonesiern, die vor dem Terror nach Frankreich fliehen und in Paris ein indonesisches Restaurant eröffnen, um im Exil wenigstens das Aroma der Heimat zu spüren, die ihnen fortan verschlossen ist.Die Tochter des einen, eine Filmstudentin, will 1998 in Indonesien einen Dokumentarfilm über die Massaker von 1965 drehen und die Familien von Betroffenen befragen – nicht zuletzt im Dienste der Selbstaufklärung, denn die Puzzlesteine, die sie da zusammenfügt, ergeben auch ein Bild der leidvollen Familiengeschichte. Dabei gerät sie in Jakarta in die Studentenunruhen, die endlich zu Suhartos Sturz führen werden.

Die Autorin hat viel recherchiert und viele Zeitzeugen befragt. Über weite Strecken liest sich ihr Roman allerdings wie ein Küchenepos, denn allein die Rezepte der indonesischen Küche öffnen bei Leila Chudori alle Schleusen der Beredsamkeit: Sie schwärmt von Gewürzmischungen und beschreibt schwelgerisch Gelage mit indonesischen Nationalgerichten. Auch hätte ein Lektorat Chudoris Hang, alles dreimal zu erzählen, vielleicht entgegenwirken sollen. Dennoch: Die Art, wie diese Autorin die Schicksale ihrer Interviewpartner in ihren vielstimmigen Roman über Exil und Verfolgung einmontiert, macht aus „Pulang“ ein einprägsames Zeitdokument – und eine Gegenerzählung zum offiziellen Staatsnarrativ.



Einen ungleich größeren literarischen Ehrgeiz legt Laksmi Pamuntjak, Chudoris Autoren- und Journalistenkollegin in Jakarta, an den Tag. Auch ihr Roman „Alle Farben Rot“ ist strikt aus der Sicht der Opfer erzählt. Ihnen wird das Rot zugeordnet – so wie das Blut und wie die Fahne, für die sie es vergossen haben.

Der Roman ist eine sprachlich und motivisch hochverdichtete Liebes- und Leidensgeschichte mit der Schmerzensinsel Buru als Schauplatz und Passionszentrum des Geschehens. Im Original ist Amba die Titelheldin: eine Frau zwischen zwei Männern. In Liebe und Verrat, in Treue und Untreue, sind diese drei Protagonisten miteinander verstrickt, vor dem Hintergrund von 40 Jahren Verfolgung, politischer Unfreiheit und staatlicher Unterdrückung im Archipel Indonesien.

Im blutigen Herbst von 1965 verliebt sich die Studentin Amba in den charismatischen jungen Arzt Bhisma, der nirgends politisch engagiert ist, auch wenn er ein paar Bekannte in der linken Künstlerszene hat. Nicht einmal vier Wochen einer verrückten Liebe sind dem Paar mitten im Chaos gegönnt, ehe Bhisma in die Fänge des Regimes gerät, für immer aus Ambas Leben verschwindet und diese schwanger zurücklässt. Sie trennt sich von ihrem Verlobten Salwa und wird ihr Leben lang dem verschwundenen Bhisma nachtrauern und ihn suchen.

40 Jahre später führt Amba die Fährte auf die ehemalige Gefängnisinsel Buru. Dort forscht sie im Jahr 2006 nach Bhismas Verbleib und findet nur dessen Grab. Aus seinen nachgelassenen Briefen entfaltet Laksmi Pamuntjak detailgenau den grausam harten Lageralltag der Verbannten, zeigt aber auch die Überlebensstrategien und den Widerstandswillen der Opfer. Was der Roman bitter klar macht: Ihnen allen wurde das Leben gestohlen, sie alle wurden um ihr Glück gebracht.

Die epischen Namen Amba, Salwa und Bhisma deuten es schon an: Es ist das indonesische Nationalepos Mahabharata, das der Autorin als Folie für ihre bezwingende Erzählung von Krieg und Liebe dient und ihren Figuren einen großen Nachhall verleiht. Es sind nicht zuletzt der hohe Kunstanspruch und die komplexe Struktur, die aus ihrem Roman „Alle Farben Rot“ die mit Abstand bedeutendste literarische Neuerscheinung aus Indonesien machen.

Sigrid Löffler in FALTER 41/2015 vom 09.10.2015 (S. 6)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Pulang (Heimkehr nach Jakarta) - Roman. Aus dem Indonesischen von Sabine Müller. (Leila S. Chudori)

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