Leutnant Burda

von Ferdinand von Saar

€ 15,40
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Verlag: Kampa Verlag
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Hauptwerk vor 1945
Umfang: 120 Seiten
Erscheinungsdatum: 06.09.2018


Rezension aus FALTER 16/2019

Der Griff nach dem Säbel hat fatale Folgen

Mit seiner Novelle „Leutnant Burda“ liefert Ferdinand von Saar die subtile Studie eines wahnhaften Stalkers

Vor einigen Jahrzehnten war Ferdinand von Saar mit seiner Novelle „Die Steinklopfer“ (1874), die das Arbeiterelend beim Bau der Semmeringbahn zum Inhalt hat, noch in Lesebüchern und im Literaturunterricht präsent. Jetzt, da nach dem Lesebuch auch die Literatur aus dem Unterricht weitgehend verschwunden ist, kennt ihn kaum noch jemand, auch wenn der Schriftsteller zumindest in Döbling noch recht präsent ist: Dort sind ein Platz und ein Park nach ihm benannt, steht seine Büste im wesentlich größeren Wertheimsteinpark.

Umso verdienstvoller und erfreulicher ist es, dass der Zürcher Kampa Verlag in seiner kess „Der kleine Gatsby“ genannten Reihe nun Ferdinand von Saars „Leutnant Burda“ (1887) neu aufgelegt hat. Das Stichwort „Gatsby“ passt in diesem Falle recht gut, erinnert die Erzählkonstellation der Novelle doch an Scott Fitzgeralds berühmten Roman von 1925. In beiden Werken rekonstruiert der Ich-Erzähler erinnernd den letzten Lebensabschnitt des gewaltsam zu Tode gekommenen Titelhelden. Aber während Jay Gatsby von einem eifersüchtigen Ehemann erschossen wird (der diesen irrtümlicherweise für den Liebhaber seiner Frau hält), kommt Joseph Burda, wie es sich für einen k. u. k. Leutnant gehört, bei einem Duell ums Leben. Auch die fatale Leidenschaft für eine Frau und die Anstrengung, ihre wahre Herkunft zu verschleiern, teilen die beiden.

Der volle Name Burdas wird ein einziges Mal genannt, und zwar just in dem Moment, als dessen ans Hochstaplertum grenzende Ambitionen ruchbar werden und das Bild vom zwar über die Maßen eitlen, ansonsten aber untadeligen Soldaten und Kameraden ein bisschen trüben. Von einem Vorgesetzten wird Burda einer von ihm unterzeichneten Meldung wegen zur Rede gestellt: „Seit wann sind Sie denn Graf geworden?!“ Der Angesprochene hat nämlich ein Schriftstück mit „Gf Burda“ unterzeichnet, wobei „Gf“ die übliche Abkürzung für Graf darstellt – was den aus einfachen Verhältnissen stammenden Leutnant zu einer nicht übermäßig plausiblen Antwort nötigt: „,Es ist die Abkürzung meines Namens Gottfried.‘ ,Gottfried? Sie heißen ja Joseph!‘ ,Allerdings. Aber es dürfte dem Herrn Oberst bekannt sein, dass man bei der Taufe in der Regel den Namen des Vaters mit empfängt. Mein Vater führte den Namen Gottfried; somit heiße ich Joseph Gottfried.‘“

Obgleich kein Graf, ist der Held selbst davon überzeugt, in Wirklichkeit aus einem alten böhmischen Adelsgeschlecht zu stammen, das nur dummerweise bei der Schlacht am Weißen Berge auf der Verliererseite kämpfte und prompt enteignet sowie des Landes verwiesen wurde. Die Versuche, dies mithilfe von Archivrecherchen zu belegen, verlaufen allerdings im Sande.

Leichter fällt es Burda da schon, die Realität den eigenen Wunschvorstellungen in anderer Hinsicht anzugleichen. Als er den Ich-Erzähler, der zu seinem Untermieter und Vertrauten geworden ist, bittet, ein paar amouröse Verse auf „Verstöße gegen das Metrum oder sonstige Fehler“ zu überprüfen und dieser „nichts daran auszusetzen“ findet, enthüllt Burda die Identität der Adressatin und überrascht damit sein Gegenüber, obgleich dieses auf einiges gefasst war: „Dass Burda seine Blicke so hoch erheben könne, überstieg all und jede Voraussetzung, wenn ich auch nicht umhinkonnte, seinen sublimen Geschmack zu bewundern. Die Prinzessinnen L… gehörten zu den blendendsten Erscheinungen der aristokratischen Frauenwelt, welche damals an Schönheiten so auffallend reich war.“

„Leutnant Burda“ ist nicht annähernd so bekannt wie Arthur Schnitzlers Novelle „Leutnant Gustl“, die 13 Jahre später erscheint und für den virtuosen Einsatz des inneren Monologes berühmt ist. Was die psychologische Raffinesse des literarischen Porträts anbelangt, steht Burda seinem ranggleichen Kollegen – der Leutnant gehörte in der Armee der vorletzten von insgesamt zwölf Rangklassen an – indes in nichts nach. Wo der Leser bei Schnitzler ganz auf die Innenperspektive des Protagonisten angewiesen ist, da fungiert der Ich-Erzähler bei Ferdinand von Saar als zusätzliche Instanz, der das Verhalten seines Freundes reflektiert, kommentiert und sich mitunter fragen muss, ob dessen Projektionen und Fantasien nicht doch eine gewisse Plausibilität eignet.

Tatsächlich schildert die Novelle „den Weg vom Neurotiker zum Psychotiker“, wie Daniela Strigl in ihrem Nachwort anmerkt: Nach heutiger Terminologie wäre Burda schlicht als Stalker zu klassifizieren.

Der von seinen Kameraden hinter vorgehaltener Hand spöttisch als „verwunschener Prinz“ titulierte Burda provoziert das tragische Ende vorsätzlich, indem er mit einem als notorischen Raufbold verschrienen Kürassierleutnant namens Schorff abhängt. Diese Wendung fügt zur Anspielung auf den Griff nach dem Säbel (der in Schnitzlers „Leutnant Gustl“ dramatische Bedeutsamkeit erlangen wird) auch noch eine solche auf die wahre Identität des als Frauenliebling renommierenden Burda hinzu.

Als dieser einen anwesenden Rittmeister bittet, seinem Untergebenen „das Unziemliche seines Benehmens vorzuhalten“, antwortet Schorff: „Haben Sie gehört, Graf? Sie sollen mir einen Verweis erteilen – aber sagen Sie lieber dem verwunschenen Prinzen, dass er sich in Acht nehmen möge, ich könnte ihm sonst an die Hüfte greifen.“

Monty Pythons „Military Fairy“-Sketch lässt grüßen: „Da tanzt der Major an mit seinem süßen Feldwebel, zwo, drei, oooh.“

Klaus Nüchtern in FALTER 16/2019 vom 19.04.2019 (S. 33)


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