Angeklagt

von Mariella Mehr

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Verlag: Nagel & Kimche
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 31/2002

Qualvolle Kindheiten sind ein Kapital. In autobiografische Prosa investiert erzielen sie mitunter eine exorbitante Rendite auf dem Markt der anrührenden Romane. Man darf sich als Autor nur nicht zu fein dafür sein, andere für die selbst erlittenen Misshandlungen zu begeistern. Die Kindheitserinnerungen des US-Twens J.T. LeRoy, Sohn einer Trucker-Prostituierten, sind ein Beispiel par excellence, wie weit man zu weit gehen kann. In "Jeremiah" reiht der in den USA längst zum Kultautor avancierte Kalifornier Prügelexzess an Vergewaltigung und das Verlassenwerden von der Mutter. Dazwischen liegt höchstens ein Hamburger-Mahl bei Burger King. Nicht der Stoff, die Haltung des angeblich in der Psychotherapie begonnenen Buchs bringt den Hormonhaushalt jedes Voyeurs auf Trab. LeRoy nutzt das Schreiben nicht, um sich von seinem Trauma zu befreien, sondern um die süße Qual des gefickten Kindes in seine Gegenwart hinüberzuretten. Sein vorpubertäres Ich, so LeRoy etwa zehn Jahre danach, fand an den Peitschenhieben und dem Gebrauch seines Afters und Genitals Gefallen. Müssen die Opfer sexueller Übergriffe ihren Schändern jetzt dankbar sein?Es geht auch anders, wie die Schweizerin Mariella Mehr in "Angeklagt" beweist, dem zornigen Monolog einer Jugendlichen, die der Gesellschaft das, was sie ihr angetan hat, in über hundert Brandstiftungen und zwei Morden zurückerstattet hat. Erstens: Hier herrscht eine gesunde Distanz zwischen Autorenschaft und Autobiografie. Wie weit die von ihren Pflegeeltern zum Gruppensex gezwungene Protagonistin mit Mehr identisch ist, bleibt wohltuend offen. Zweitens: Dieses Buch ist frei von Narzissmus und Selbstzweck. Es streitet für ein Kollektiv an Geschundenen. Es streitet für die Kinder vom fahrenden Volk der Jenischen, die in der Schweiz als "völkisch minderwertig" noch bis 1973 von ihren Eltern zwangsgetrennt wurden. Drittens: Dieses Buch stellt zweifelsfrei fest, dass sich sexuell Missbrauchte an der Gesellschaft rächen, dass die Gewalt auf die gesamte Gesellschaft zurückschlägt. Sexueller Missbrauch ist - wie die in der Schweiz noch in den Sechzigerjahren praktizierte Zwangssterilisation jenischer Frauen - das Gegenteil eines Kavaliersdelikts.

Martin Droschke in FALTER 31/2002 vom 02.08.2002 (S. 52)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Jeremiah (J.T. LeRoy)

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