Die merkwürdigen Zufälle des Lebens

von Enrique Vila-Matas, Petra Strien

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Verlag: Nagel & Kimche
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 41/2002

"Die merkwürdigen Zufälle des Lebens": Der Katalane Enrique Vila Matas denkt über die Gemeinsamkeiten zwischen Schriftstellern und Spionen nach.

Das Leben ist kein Honigschlecken für den in Barcelona lebenden Schriftsteller Marcelino, obwohl auf den ersten Blick doch alles darauf hindeutet. Mit der Gabe versehen, vom Verfassen "realistischer Romane" leben zu können, bleibt ihm offenbar viel Zeit, über dieses Leben nachzudenken. Beim Entleeren der Blase etwa hat er das Gefühl, "am natürlichen Lebensfluss beteiligt" zu sein. "An dem Tag spülte ich, wie schon oft, noch bevor ich fertig war, und sah fasziniert zu, wie Wasser und Urin sich vermischten, ein schöpferischer Akt wie die Erschaffung der Welt oder das Romanschreiben."

Den Kontrapunkt setzt Gattin Carmina, eine "Frau fürs ganze Leben", wie sie selber sagt, loyal, treu und derart verständnisvoll für den schöpferischen Drang ihres Mannes, dass sie ihre Tage arbeitsam in einem Sekretariat verbringt. Eine derartige Aufopferung aber drängt nun Marcelino förmlich dazu, ein Verhältnis mit seiner Schwägerin Rosita zu beginnen, die Carminas gute Seiten mit Verdorbenheit ("ein Flittchen, genau das war sie") wettmacht, was Marcelino durchaus zu goutieren weiß.

Die derart abgesteckten Existenzparameter lassen also auf ein recht erfülltes und erträgliches Leben schließen, das nur dadurch getrübt wird, dass Rosita Marcelino plötzlich mit einem Brief sekkiert, in dem ausgerechnet sie, die Flatterhafte, eine Entscheidung ("sie oder ich") fordert. Und nun hat der Schriftsteller ein Problem - obwohl er im Grunde genommen genau weiß, dass ihn Rosita ebenso schnell wieder fallen lassen wird, wie sie ihn für sich eingefordert hat.

Der Tag aber ist noch lang, der Vortrag über die "mythische Struktur des Helden" findet erst am Abend statt und ist zudem schon oft gehalten worden, womit Marcelino genug Muße hat, sich einiges durch den klugen Kopf gehen zu lassen. Um Rosita doch noch zu imponieren, plant er den Inhalt seines Vortrags zu ändern und über den "Romanautor als Spion" zu sprechen. Hier begibt sich der katalanische Autor Enrique Vila Matas auf die Meta-Meta-Ebene: Als Schriftsteller schreibt er über einen Schriftsteller, um diesen über die Schriftstellerei philosophieren zu lassen. Er greift dabei auf Erzähltechniken zurück, die er schon bei Werken wie "Dada aus dem Koffer. Die verkürzte Geschichte der tragbaren Literatur" (1988) oder "Bartleby & Co." (2001) verwendet hat. Eine Episode wird in die nächste geschachtelt, Gedankenfetzen werden notiert, allerdings durch das Skelett des Romans oft nur mangelhaft zusammengehalten.

Die daraus resultierenden literarischen Skizzen verpuffen vielfach ohne nachhaltige Wirkung, haben manchmal aber durchaus Witz. Die über weite Teile des Romans ausgewälzte Theorie etwa, Geschichtenerzähler seien "nun einmal samt und sonders Spione und Voyeure", entbehrt nicht einer gewissen Plausibilität. Tatsächlich müssen sich Romanciers ihre Ideen ja von irgendwo herholen, und eine geschärfte Beobachtungsgabe kann dabei gewiss nicht schaden.

Am Ende des einen im Roman erzählten Tages hat sich Marcelino dann zwar mit dem Barbier geprügelt, den er eigentlich auf der Spur nach einem neuen Romanstoff aushorchen wollte, er hat seinen etwas belämmerten Sohn Bruno fast in der Schule vergessen und seinen literarischen Stil über Bord geworfen, aber sich noch immer nicht für eine der beiden Schwestern entschieden. Trotzdem sind die Würfel gefallen. Die Wahl getroffen haben die merkwürdigen Zufälle des Lebens. Oder das Schicksal, auf Portugiesisch fado genannt. Der spanische Originaltitel "Extraña forma de vida" ("Seltsame Lebensform") ist recht bedeutungsschwanger: Er stammt aus einem der seufzenden Klagelieder der portugiesischen Fado-Sängerin Amalia Rodrigues.

Edgar Schütz in FALTER 41/2002 vom 11.10.2002 (S. 22)


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