Kippzustand

von Giuseppe Gracia

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Verlag: Nagel & Kimche
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 45/2002

Die Welt ist schlecht und das Leben auf ihr ein Leistungswahn. Flucht wäre eine Möglichkeit, um sich den Anstrengungen des Alltags zu entziehen. Aber wohin, bitte, müsste sie führen? Ins Altersheim, empfiehlt Laurent Graff und demonstriert in seinem Kurzroman "Feierabend" am Beispiel des 35-jährigen Antoine, der sich einen Dauerplatz zwischen pflegebedürftigen Rentnern sichert, dass gewollt kruder Witz mitunter in Verachtung gegenüber gebrechlichen Menschen mündet. Graffs als Sympathieträger gestylter Protagonist erkauft sich das Recht, seine täglichen Leistungen nur mehr an denen seiner bisweilen sechzig Jahre älteren Mitbewohner zu messen. Und bildet sich selbstredend etwas darauf ein, dass er ihnen geistig und körperlich überlegen ist. Man würde Antoine, der sich seine Freiheit nicht einmal selbst erarbeitet hat, hassen, würde er einem in der Realität begegnen. Sein Glück baut auf einem fetten Erbe. Das Einzige, was er je geleistet hat, war, dieses in Selbstschonung anzulegen. Flucht - in die ökonomische Eigenständigkeit muss sie führen, empfiehlt der wesentlich realistischer veranlagte Schweizer Schriftsteller Giuseppe Gracia. Nicht ohne festzuhalten, dass das Maximum, das sie einbringen kann, ein "Kippzustand" zwischen Souveränität und Ekel ist. Gracia macht die reichen Schnösel und ihre Seilschaften, die Außenstehenden den Zugang zu profitablem Wirtschaften verweigern, für das Schlechte auf der Welt verantwortlich. Nach fünfzehn Jahren besucht sein Protagonist erstmals wieder die kleine Stadt seiner Jugend - und muss kotzen, denn noch immer treten dieselben Bonzen "da oben" ohne jede Rücksichtnahme gegen die einfachen Leute "da unten", um ihren Kindern eine fette Erbschaft zu sichern. Wenn die Erzählung nicht gar so laut bellen würde, hätte sie jenen Biss, den es braucht, um auch etwas von dem Schmerz zu vermitteln, den die Opfer spüren. Doch leider: Hunde, die bellen, beißen nicht.

Martin Droschke in FALTER 45/2002 vom 08.11.2002 (S. 62)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Feierabend (Laurent Graff, Holger Fock, Sabine Müller)

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