Die Kuh
Leben, Werk und Wirkung

von Florian Werner

€ 20,60
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Verlag: Nagel & Kimche
Format: Hardcover
Genre: Geschichte/Kulturgeschichte
Umfang: 240 Seiten
Erscheinungsdatum: 04.02.2009

Rezension aus FALTER 11/2009

Als vor drei Jahren der Song "Tiere um uns" der deutschen Diskurspopband Blumfeld erschien, ging ein entsetztes Schnauben über diesen "Tabubruch" (Frankfurter Allgemeine Zeitung) durch die Szene der Musikauskenner. Schließlich schwenkte der Tross der Kritiker unter dem Vorbehalt "ironisch gebrochener Text" auf vorsichtige Bewunderung für diese explizite Beschreibung "eines längst ferngerückten Naturverhältnisses" ein. Offenbar gilt auch hier in Abwandlung des legendären Spruchs von Helmut Qualtinger: "Natur gegen Kultur, das ist Brutalität".
Im Bereich der Buchproduktion gibt es hingegen keine Berührungsängste mit dem Thema Tiere. Im Gegenteil, geradezu üppig werden jedes Jahr mehrere Dutzend Publikationen auf den Markt geworfen, die sich aus unterschiedlichster Perspektive – von der Heimtierhaltung über schwergewichtige Bildbände bis zur umfassenden Tiermonografie – mit den anderen Lebewesen auf unserem Planeten beschäftigen. Zwei Neuerscheinungen seien hier exemplarisch besprochen, die Tierarten aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln beschreiben und die Schwierigkeit verdeutlichen, eine passende Form der Auseinandersetzung mit der Seinsweise der Tiere zu finden, die unsere Lebensgrundlage bilden, unsere Mythen beflügeln, mal als Konkurrenten und dann wieder als Freunde wahrgenommen werden.

Die Kuh bleibt ein Rätsel Florian Werner ist Literaturwissenschaftler, Musiker und Journalist. Sein neues Buch "Die Kuh" trägt den vollmundigen Untertitel "Leben, Werk und Wirkung" und will "ein Nachschlagewerk, eine Fundgrube, ein Schmöker und eine Wunderkammer" sein – die "erste Darstellung des faszinierendsten Paarhufers aller Zeiten". Für diesen umfassenden Anspruch ist es mit kaum mehr als 200 Seiten aber etwas dünn geraten. Der Autor hat brav recherchiert, beschreibt dabei aber vor allem die kulturelle und mythologische Wirkung der Kühe auf die menschliche Kultur.
So liest man Texte aus Cowboysongs und über diverse Schöpfungsmythen, Theaterstücke, Filme und Gemälde mit Kühen finden Erwähnung, wobei die Zugänge zwischen Hoch- und Trivialkultur pendeln. Man erfährt etwas über den Auftritt einer Kuhskulptur bei der Berliner Love Parade, dann wird die Kuhäugigkeit als Schönheitsideal bei den alten Griechen zitiert und die Etymologie des Wortes "Kuhhandel" erklärt. So springt das Buch ganz gefällig, aber ohne wirklich erkennbare erzählerische Linie durch die vielen Themen und Zugänge.
Die Kuh selbst wird dabei immer mehr zu einer von jeder Realität entkernten Ikone, zu einem stochastischen Spiegel menschlicher Kulturgeschichte. Nur ganz nebenbei wird die eigentliche und globale Dimension der im Titel angekündigten Wirkung von Rindern erwähnt. 1,5 Milliarden Rinder leben auf der Erde, und ihre Körpermasse übertrifft damit die aller Menschen zusammen um das Dreifache. Die Konsequenzen dieser menschlichen Gier nach Fleisch hat bereits 1994 der US-amerikanische Sozioökonom Jeremy Rifkin in seinem Buch "Imperium der Rinder" eindrücklich beschrieben: Zerstörung der Regenwälder durch Viehfutterproduktion, Versteppung und Verwüstung von Naturlandschaften durch weidende Riesenherden, Verwendung eines Drittels der weltweiten Getreideernte als Viehfutter und dadurch bedingter Nahrungsmangel in Entwicklungsländern – nicht zu vergessen das kaum zu unterschätzende Problem der Methangasemissionen, die in vergleichbarem Maß wie der Autoverkehr den gegenwärtigen Klimawandel verursachen.
Aber nicht nur die Folgen dieses Tanzes um ein goldenes Kalb und der daraus resultierende Ökokolonialismus der Industriestaaten bleiben in diesem Buch unbesprochen, sondern auch die Konsequenzen für die Menschen im traditionellen ländlichen Siedlungsraum. Auf dem Buchumschlag ist zu lesen: "Nach bald 10.000 Jahren des Zusammenlebens ist die Kuh uns noch immer ein Rätsel." Nach Lektüre dieses Buchs bleibt sie das leider auch.

"Große Schwarze" oder "Raubzeugs" Aus einem ganz anderen Standpunkt blickt Josef Reichholf auf eine besondere Tiergruppe. Er ist Zoologe in der Tradition von Konrad Lorenz, Autor von mehr als 15 populärwissenschaftlichen Büchern und streitbarer wie manchmal auch umstrittener Naturschützer. Allein im letzten Jahr sind von ihm drei neue Bücher zu den Themen Menschheitsgeschichte, Artenvielfalt und ökologische Gleichgewichtssysteme erschienen. Für Letzteres musste er heftige Kritik vonseiten der Naturwissenschaft einstecken, da er den durch Menschen verursachten Klimawandel relativierte und das Prinzip des Ungleichgewichts zur ökologischen Notwendigkeit erhob und diese These nicht sauber gegen soziobiologische Interpretationen abgrenzte. Auch hier übertritt also jemand die wohldefinierten Grenzen seines Fachs und versucht Natur und menschliche Kultur in einen interpretativen Kontext zu stellen.

In seinem neuesten Buch "Rabenschwarze Intelligenz" versucht Reichholf eine Imagekorrektur einer Vogelart, die vor allem außerhalb der großen Städte kaum Freunde hat: Krähen und Raben. Gelten doch die "großen Schwarzen" den Jägern als unerwünschte Konkurrenz und "Raubzeugs". Wie bei Bär und Luchs reagiert die Bevölkerung auf diese herausragend intelligenten Tiere mit fast abergläubischer Angst, Vorurteilen und dem schnellen Ruf nach Abschuss. Doch dieser ist aufgrund einer EU-Richtlinie grundsätzlich nicht erlaubt. Nicht ohne Schadenfreude weist der Autor darauf hin, dass man bei der seinerzeitigen Abstimmung über Maßnahmen zum Schutz der Singvögel in Europa offenbar nicht wusste, dass Krähenvögel auch dazugehören.

Graugänse und zahme Raben Reichholf erzählt im ersten Teil des Buchs von seinen persönlichen Erfahrungen mit zahmen Raben. So wie Konrad Lorenz mitreißend über das Leben mit seinen Graugänsen schreiben konnte, fasziniert Reichholf mit seinen Erzählungen über die auf ihn geprägten Vögel. Aber während Lorenz bei der Beschreibung des tierischen Verhaltens stehen bleibt, geht Reichholf einen Schritt weiter zur analytischen und quantifizierenden Wissenschaft. Seine unverhohlene Sympathie für diese Vogelgruppe führt bei ihm jedoch nicht zu sentimentalen Appellen und tierschützerischen Forderungen, sondern er versucht, in einem zweiten Abschnitt mit scharfem Blick die eigentliche Bedeutung für und Auswirkungen der Krähenvögel auf ein mitteleuropäisches Ökosystem zu ergründen, indem er in bester populärwissenschaftlicher Tradition die Methoden und Interpretationsweisen der Naturwissenschaften vorführt und an der Fragestellung abarbeitet. Obwohl dabei die dafür verantwortlichen Gruppen der Jäger und Politiker nicht direkt adressiert werden, wird klar, wie leicht es eigentlich wäre, mithilfe einfacher Studien Klarheit in dieser Problemstellung zu erhalten und die richtigen Entscheidungen treffen zu können.
Vergleichsweise kurz fällt der dritte Teil zu den kulturgeschichtlichen Dimensionen dieser Tier-Mensch-Beziehung aus. Wie wurden aus den heiligen Botenvögeln Hugin und Munin des germanischen Gottes Wotan die im Christentum verachteten Galgenvögel? Warum bieten Städte den Raben zunehmend mehr Lebensqualität als das Umland? Und was machte Kolkraben zu Tieren, die mit ihrer Intelligenz oftmals Menschenaffen und Delfine übertreffen? Ein Sachbuch, wie es sein soll: differenzierte Positionen, kluge Antworten und ein Schuss persönlicher Emotion.

Peter Iwaniewicz in FALTER 11/2009 vom 13.03.2009 (S. 34)


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