So sitze ich denn zwischen allen Stühlen
Tagebücher 1945 - 1959

von Victor Klemperer

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Aufbau
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 21/1999

Unkraut im Paradiesgarten

Die letzten Bände von Victor Klemperers voluminösem Tagebuch zeigen einen ehrgeizigen Gelehrten, der sich, entgegen der eigenen Überzeugung, mit dem kleineren Übel des DDR-Regimes arrangiert.

Am 10. Juni 1945, einem Sonntag, treffen die Klemperers nach 15tägiger erschöpfender Reise von München aus wieder in Dresden ein. Nach dem verheerenden Bombardement der Stadt am 13. Februar war Victor Klemperer (63) und seiner Frau Eva (62) die Flucht aus dem "Judenhaus" in der Zeughausstraße geglückt, und es hatte sie nach Bayern verschlagen. Die folgende Tagebucheintragung sollte die "Wendung zum Märchen" markieren: "Am späteren Nachmittag stiegen wir nach Dölzschen hinauf" (zu ihrem kleinen, unzerstört gebliebenen Haus, aus dem sie 1940 vertrieben worden waren).

Fünf Wochen später hat Ernüchterung Platz gegriffen: "Ich muß mir ein bisschen oft sagen: du bist jetzt im Paradiese, verglichen mit dem vergangenen Zustand. (...) es wächst ein bisschen allzuviel Unkraut im Paradiesgarten." Das Drängen der "Gewußthabenichtse" - wie Klemperer die NS-Parteigenossen nennt, die sich reihenweise bei ihm, dem Verfolgten, um "Unbedenklichkeitsbescheinigungen" anstellen - auf "Normalisierung" ekelt ihn an; die Propagandalügen, das "Kaderwelsch", das ihn fatal an die Phrasendrescherei der Nazis gemahnt, verursacht ihm "Brechreiz"; das Willkürregime der russischen Befreier, der latente Antisemitismus lassen ihn das Schlimmste befürchten.

Der Spiegel hatte dem durch die Publikation seiner Tagebücher aus den Jahren 1933 bis 1945 posthum überraschend zu Ruhm gelangten Klemperer, einem präzisen Beobachter der Sprache des Alltags und des Dritten Reiches ("LTI", Klemperers Buch zur "Lingua Tertii Imperii" war 1947 erschienen), vorgeworfen, sich zu DDR-Zeiten in Vorträgen und Aufsätzen spätstalinistischer Propagandaphrasen bedient zu haben. Tatsächlich hatte Klemperer etwa auf die Nachricht vom Tod Stalins hin sein Berliner Renaissance-Kolleg am 6. März 1953 mit folgendem Lobpreis eröffnet: "Ungeheuer groß neben Alexander, Caesar, Napoleon - anders als sie nur im Dienste der Menschheit u. speziell unser Befreier." Jener Klemperer, der noch am 4. Juli 1945 entsetzt und angewidert ein "antifaschistisches Sprachamt" urgierte, als er lesen mußte, Stalin sei "der genialste Feldherr aller Zeiten und der genialste aller lebenden Menschen".

Die Erklärung für den scheinbaren Gesinnungswandel: Klemperer hatte zwölf zermürbende Jahre der Rechtlosigkeit und Angst aufzuholen und wollte endlich wieder unbehelligt seiner über alles geliebten Vortrags- und Lehrtätigkeit nachgehen. "Noch einmal gut essen, gut trinken, gut Autofahren, gut am Meer sein, gut im Kino sitzen (...) Kein 20jähriger kann halb so lebenshungrig sein" (23. Juni 1945).

Die Entscheidung, in die KP einzutreten, trifft der Liberalkonservative, dem jeder Kollektivismus zuwider ist, aus reinem Kalkül: "kalt berechnend, was für meine Situation, meine Freiheit, mein noch zu leistendes Werk das beste ist" (26. Juli 45). Ein tiefer Zwiespalt bleibt bestehen: "Habe ich zum Eintritt ausschließlich egoistische Gründe? Nein! Wenn ich schon in eine Partei muß, dann ist diese das kleinste Übel. Gegenwärtig zum mindesten. Sie allein drängt wirklich auf radikale Ausschaltung der Nazis. Aber sie setzt neue Unfreiheit an die Stelle der alten! Aber das ist im Augenblick nicht zu vermeiden. (...) Aber es kommt mir wie eine Komoedie vor: Genosse Kl.! Wessen Genosse?"

Ehrgeiz und Eitelkeit lassen Klemperer nicht zur Ruhe kommen, er will endlich haben, worum er sich in der Weimarer Republik immer wieder vergeblich bemüht hatte: ein "großes Katheder", die Berufung auf einen renommierten Lehrstuhl. Wie eine "Keule auf den Kopf" trifft ihn daher im April 1947 die Nachricht, daß nicht er, sondern Werner Krauss auf den Lehrstuhl für Romanische Philologie in Leipzig berufen worden ist. Für ihn bleibt vorerst nur die Provinzuniversität Greifswald. Kaum hat er sich auf einem neuen Posten etabliert, strebt er schon nach dem nächsten, prestigeträchtigeren: 1948 erhält er die Professur in Halle, es folgen das Ordinariat für Romanistik an der Berliner Humboldt-Universität (1951), die Mitgliedschaft in der Akademie der Wissenschaften (1953); im Herbst 1950 wird er als Kandidat des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands in die Volkskammer gewählt.

Zur eigenen Beschwichtigung hält Klemperer an der Rechtfertigung des "kleineren Übels" fest, selbst dann noch, als sich 1952 unter dem Deckmantel des Antizionismus wieder Antisemitismus breitmacht, selbst noch nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953. Erst Chruschtschows Enthüllung der Verbrechen Stalins auf dem 20. Parteitag der KPdSU raubt ihm die Illusionen, die er sich gern gemacht hätte. Und erst nach der Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes im Herbst 1956 und im Gefolge der Verhaftung zahlreicher DDR-Intellektueller schlägt sein "zeitweilig verdrängter Liberalismus immer stärker durch die rote Schminkeschicht", entzieht er sich zunehmend seiner gremialen Verpflichtungen. Eine China-Reise im Herbst 1958 macht ihn "zum endgiltigen Antikommunisten". "Das kann nicht Marx' Idealzustand gewesen sein."

Wie ihn schon während der NS-Zeit eine würdevolle "Als-ob-Haltung"- so handeln, als ob alles noch Sinn machte, als ob noch Zeit bliebe, als ob an ein Überleben zu denken wäre - aufrecht hielt, muß Klemperer bis zu seinem Tod Anfang 1960 so tun, als ob ihm die Entscheidung offenstünde, wieder nach "drüben" zu gehen. Schon im August 1948 hält er fest: "Ich glaube nicht an den Wert der Dinge, für die ich eintrete. (...) Ich notiere nur noch, was menschlichen u. kulturgeschichtlichen Wert hat, das aber so, als wenn ich der Fortsetzung meines Curriculi sicher wäre, als wenn ich der nächsten Jahre sicher wäre. Ich halte fest zu Marxismus u. Rußland, als wenn ich an sie glaubte."

Klemperer, der schließlich alles erreicht hat, was er als Wissenschaftler erreichen konnte, plagen ständig Selbstzweifel, das Hochgefühl, es geschafft zu haben, bleibt auch dann noch ein prekäres, als die Studenten seine Vorlesungen begeistert stürmen, als er als gefragter Vortragender rastlos auf Achse ist. Die Nachricht vom Überleben seines Cousins Otto Klemperer hatte Victor Klemperer im Juni 1946 ängstlich-paranoid aufgenommen: "Was war meine erste Regung? Daß mein Name, der eben Geltung zu bekommen anfängt, nun wieder übertönt wird." Aus Angst, "ganz im Schatten des anderen Kl." zu stehen, vermied Victor Klemperer auch noch im Oktober 1948 eine Begegnung mit dem Dirigenten, als dieser in Leipzig gastierte: "Ich kann dem berühmten Vetter - ,Sind Sie mit dem berühmten Musiker verwandt?' - nicht nachlaufen. Immerhin: so schlimm wie vordem ist jetzt die Differenz doch nicht mehr. Ich bin prominent u. LTI-Autor."

Es ist diese rückhaltlose Ehrlichkeit, die die Abertausenden Klempererschen Tagebuchseiten zu einem einmaligen, weil unretuschierten Jahrhundert-Selbstporträt vor dem Hintergrund vierer unterschiedlicher politischer Systeme - Kaiserreich, Weimarer Republik, "Drittes Reich", sowjetisch besetzte Zone / DDR - macht.

Walter Schübler in FALTER 21/1999 vom 28.05.1999 (S. 65)


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