Der längste Schatten
Erinnern und Vergessen nach dem Holocaust

von Geoffrey Hartman

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Verlag: Aufbau
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 17/1999

Archive des Gewissens

Geoffrey Hartman versucht auf unprätentiöse und differenzierte Weise das Wissen über die Shoah in ein Verstehen zu verwandeln.

Der längste Schatten" ist das erste Buch des renommierten amerikanischen Literaturwissenschaftlers Geoffrey Hartman, das ins Deutsche übersetzt worden ist. Seine essayistischen Interventionen gegen das Vergessen und eine Politik des Erinnerns, die den kollektiven Gedächtnisverlust befördert, kehren damit in ein Land zurück, aus dem er 1939 mit einem Kindertransport nach England entkommen konnte. Sein unaufgeregt engagiertes Plädoyer für das Erinnern, seine differenzierten Überlegungen zum Projekt einer "Erziehung nach Auschwitz", sein abwägendes Urteil über die künstlerischen wie wissenschaftlichen Möglichkeiten und ethischen Grenzen, den Holocaust darzustellen, kommen angesichts der panisch oder kaltschnäuzig proklamierten Normalität, dem beifallsgewissen Verlangen nach Schluß der Debatte oder gar der Relativierung (im Unterschied zur historischen Kontextualisierung) der Judenvernichtung zur rechten Zeit.

Diese Artikel "bei Gelegenheit" - Reagan in Bitburg, Spielbergs Film "Schindlers Liste", Veröffentlichungen über das Frankreich unter Vichy, über jüdische Geschichte und jüdisches Gedächtnis - reichen mit ihren grundsätzlichen Reflexionen über geschichtliches Wissen, öffentliches Gedächtnis und erinnernde Aneignung traumatischer Erfahrung weit über den Anlaß hinaus, der sie provoziert hat. Ihre intellektuelle Energie und kontemplative Geduld ist von einer Melancholie überschattet, die von dem Wissen herrührt, daß der Holocaust sowohl den Ort und Status des Intellektuellen als auch das Vertrauen in die Leistungen einer Kultur unterminiert hat - Leistungen, die helfen sollen, das "traumatische Wissen" in eine kollektive Erinnerung zu verwandeln (statt es durch Gedenkrituale zu vergessen). Die Frage, wie "ein so dunkles und uns derart entkräftendes Wissen" zu vermitteln sei, kann nicht davon absehen, "daß der Holocaust inmitten eines gebildeten Volkes stattfand, mit dem die Juden eine bemerkenswerte Symbiose eingegangen waren".

Solche Zweifel an der Kultur stehen quer zu den euphorischen Versprechungen einer allerorts geforderten "Kulturwissenschaft", die Hartman in seinem bislang letzten Buch "The Fateful Question of Culture" durchaus ironisch prüft, und zwar unter dem Vorzeichen, wie die Idee einer Kultur nach zwei Weltkriegen und der Shoah zu denken sei. Hartman, 1929 in Frankfurt geboren, zeigt sich mit dieser Reflexionsenergie jenen verbunden, deren Gruppenbezeichnung (Frankfurter Schule) auf den Ort verweist, wo er entwurzelt wurde.

In "Der längste Schatten" äußert Hartman die Zuversicht, "daß wir gerade erst dabei sind, die Shoah verstehen zu lernen", nachdem es bislang kaum gelungen sei, Wissen in ein Verstehen zu verwandeln. Gleichzeitig ist er sich dessen bewußt, daß sich die "Zeit des unmittelbaren Wissens über den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg" rapide ihrem Ende nähert. Die Vergangenheit ist damit dem Druck der Zukunft ausgesetzt, den diese rückwirkend auf die Bedeutung der Ereignisse ausübt. Damit stellt sich die Frage nach den Zeugnissen dieser Vergangenheit ebenso radikal wie die nach unserer Bereitschaft und Fähigkeit, sie zu lesen: "Erziehung und Rituale werden nunmehr an die Seite der persönlichen Erinnerung treten müssen; und diese beiden werden nach Ablauf von weniger als einer weiteren Generation die gesamte Last des kollektiven Gedächtnisses zu tragen haben."

In zwei beeindruckenden Kapiteln, die eine Art autobiografischen Rahmen für die übrigen Abhandlungen bilden, erzählt Hartman die Geschichte seiner Rettung aus Nazideutschland, seiner Schulzeit in der englischen Provinz, und er rekonstruiert die Spuren seines Nachdenkens über den Holocaust in Amerika. Unprätentiös gibt er zu erkennen, daß es unmittelbar nach der Katastrophe nicht nur das Schweigen der Täter, sondern auch das der Überlebenden gab: "Wie viele andere, die weitaus Schlimmeres durchgemacht hatten, war ich aber hauptsächlich damit beschäftigt, mir ein Leben aufzubauen, und nicht so sehr damit, in die Vergangenheit zu schauen."

Hartman wurde in den späten siebziger Jahren in die lokale "Graswurzel"-Bewegung des Holocaust Survivors Film Project hineingezogen; allmählich erkannte er die Bedeutung, welche die Video-Zeugnisse der Überlebenden des Holocaust für diese selbst und für die Öffentlichkeit haben. 1981 entstand daraus das Videoarchiv für Holocaust-Zeugnisse der Universität Yale, das Hartman seither leitet. Die beiden letzten Kapitel gelten der Qualität und Eigenart dieser besonderen Form von Oral history und der Hoffnung, die Hartman auf dieses "Archiv des Gewissens" setzt. Mit spürbarer Anteilnahme - der mehrfach zitierte Amery-Satz: "Wo steht geschrieben, daß Aufklärung emotionslos zu sein hat?" wird in diesen Passagen eingelöst - werden diese Zeugnisse und ihre Funktion in der Zukunft beschrieben; sie allein scheinen von der Skepsis ausgenommen, von der alle anderen Zeugen und Zeugnisse des Holocaust bereits erfaßt worden sind.

Es ist jedoch zu hoffen, daß öffentliche Organisationsformen und gesellschaftliches Unterscheidungsvermögen entwickelt werden können, die diese Videozeugnisse von der Last befreien, sie allein seien vom Korrosionsprozeß der Simulation ausgenommen. Dies wäre umso dringlicher, als an Hartmans Zweifel nicht zu zweifeln ist: "Eben jene Mittel, mit deren Hilfe wir die Unwahrheit bloßlegen - die verbalen, fotografischen oder filmischen Beweismittel -, unterliegen selbst unserem Mißtrauen." In einer bemerkenswerten Sequenz zeigt Hartman, wie dieses Mißtrauen schon in der Vergangenheit in eine tödliche Dialektik der Gegenaufklärung umschlagen konnte.

An gelegentlichen utopischen Untertönen des Antisemitismus erkennt Hartman gleichfalls ein Leiden an der Angst, "daß man nicht mehr glauben kann, was man sieht", daß das verbürgte Beständige verlorengeht und durch Unwirklichkeit und Manipulation ersetzt wird. Das Beispiel des fanatischen Antisemiten, bedeutenden Cineasten und Filmhistorikers Robert Brasillach führt vor, wie sich dieses Unbehagen mit dem Stereotyp vom Juden als "Prinzip des Un-Festen" und "Urheber stetiger Verschiebung und Auflösung" verbinden konnte: "Für den Antisemiten ist der assimilierte Jude nichts anderes als eine weitere unheimliche, durchtriebene Simulation." Die Gefahr, daß "eine zivilisierte Angst vor Entfremdung" von einem "ungezähmten Antisemitismus infiziert wird", ist, wie wir nur zu gut wissen, bis heute nicht gebannt.

Karl Wagner in FALTER 17/1999 vom 30.04.1999 (S. 69)


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