Das verletzte Geschlecht
Die Geschichte der Beschneidung

von David Gollaher, F. Florian Marzin

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Aufbau
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 41/2002

Was Sie immer schon über die Beschneidung wissen, aber nie fragen wollten. Der Medizinhistoriker David Gollaher behauptet nun, dass sie der Unterscheidung der Geschlechter dient.

Sie wurde nachweislich schon bei den alten Ägyptern praktiziert und gilt als der älteste chirurgische Eingriff überhaupt. Sie ist eine Konstante, die sich durch alle Epochen der Menschheitsgeschichte zieht. Bis heute entscheiden sich jährlich Millionen von Eltern, sie an ihren Kindern vornehmen zu lassen. Und doch ist die Beschneidung genannte Verstümmelung des männlichen wie weiblichen Genitals ein Stiefkind im Bibliotheksregal zur Kulturgeschichte. An einer Hand kann man die Versuche abzählen, ihre Bedeutung in einer Gesamtdarstellung gerecht zu werden.

Das dürfte weniger an ihrem Einfluss auf das Werden der zivilisierten und unzivilisierten Welten der Gegenwart liegen als an den verräterischen Fantasien und Ängsten, die sich stets wie von selbst in den Subtext einschleichen. Trotz allen Ringens um eine neutrale Wiedergabe des medizinischen, psychischen und religiösen Für und Wider und trotz aller Konzentration auf die nüchternen historischen und ethnologischen Fakten, auch "Das verletzte Geschlecht", die Geschichte der Beschneidung des US-Medizinhistorikers David Gollaher, ist nicht frei von jener Art Widersprüchen, welche Freud zufolge aus der Kastrationsangst eines Autors resultieren.

Gollahers Verdienst ist es, dass hier erstmals zwischen drei ganz unterschiedlichen Motiven differenziert wird, aus denen heraus das blutige Ritual vollzogen wurde und wird. Im Judentum ist es die körperliche Markierung einer Religionszugehörigkeit. In den USA und anderen Ländern der westlichen Welt, wo die Beschneidung Anfang des 20. Jahrhunderts in Mode kam und bis heute alltäglich ist, entspringt sie einer falsch verstandenen medizinischen Vorsorge. Was die Initiation im Islam und bei Naturvölkern betrifft, widerlegt Gollaher die These der klassischen Psychoanalyse, die Verstümmelung des Genitals wäre eine präventive Rache für den Ödipuskomplex.

Sie dient - ganz im Gegenteil - der Differenzierung der Geschlechter. Indem jener Teil des Penis entfernt wird, der den Schamlippen am meisten ähnelt, wird die potenzielle Neigung zu Verhaltensweisen, die charakteristisch für Frauen sind, aus dem Delinquenten herausgeschnitten. So, sagt Gollaher, ist das Ritual natürlich auch bei Mädchen zu deuten. Ihnen wird entfernt, was dem Penis am meisten ähnelt: die Klitoris.

230 Seiten lang liest sich Gollahers Buch, als habe ein Medizinhistoriker erfolgreich die Kastrationsangst seines Unbewussten verdrängt. So lange, wie sich Gollaher der Beschneidung seiner Geschlechtsgenossen widmet. Dann aber, im dreißig Seiten kurzen Abschnitt über die Beschneidung von Mädchen, widerfährt ihm doch noch der unvermeidliche Freud'sche Versprecher. Alte Frauen würden junge Frauen beschneiden, behauptet er nun, damit die Alten nicht von nachkommenden Generationen sexuell überflügelt würden. Ein peinlicher Fauxpas, der allerdings nicht mehr aussagt, als dass sich Gollaher lediglich für die Vorhautbeschneidung interessiert. Das weibliche Buch-Pendant muss noch geschrieben werden.

Weit bedauerlicher ist, dass Gollaher vor allem die Interessenlage seiner US-amerikanischen Landsleute im Blick hat. Für europäische Leser wäre die vergleichsweise beiläufig ausgearbeitete Verbindung zwischen dem mittelalterlichen Theologenproblem, das sich daraus ergab, dass Jesus beschnitten war, der Verehrung der Reliquie "Vorhaut Christi" und der noch Ende des 19. Jahrhunderts in Ritualmordvorwürfen gegen Juden gipfelnden Verdammung ihres Beschneidungsritus deutlich relevanter als die Debatte über die angebliche Schutzwirkung der Beschneidung hinsichtlich von Krankheiten. Man muss Gollahers Buch dennoch empfehlen - aber nur deshalb, weil bislang kein besseres zum Thema zu haben ist.

Martin Droschke in FALTER 41/2002 vom 11.10.2002 (S. 30)


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