Politik der Paranoia
Gegen die neuen Konservativen

von Robert Misik

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Aufbau
Erscheinungsdatum: 01.01.2009

Rezension aus FALTER 7/2009

Stahlhelm und Lodenhut: Die Phantome des Hutmachers

An die Verächtlichmachung des christlichen Bekenntnisses, an die Verhöhnung des Papstes, an die Beschimpfung der Familie und die Beschmutzung nationaler Symbole haben wir uns bestens gewöhnt und all das für ,Fortschritt' gehalten." Ganz ehrlich: Aufregen können solche Sprüche den geübten Medienkonsumenten nicht. Milde lächelnd vermutet er als Urheber Ewald Stadler, den neuen Linzer Weihbischof Wagner oder Johannes Abl, Großgmain, im "Freien Wort" der Kronen-Zeitung.
Weit gefehlt: Das Zitat stammt aus "Die Kultur der Freiheit", das in der FAZ als "wahrscheinlich wichtigstes Sachbuch des Jahres" gefeiert wurde und dessen Autor Udo Di Fabio im Unterschied zu den Stadlers, Wagners, Abls und sonstigen Sonderlingen einen Beruf von realer gesellschaftlicher Relevanz bekleidet. Er ist nämlich Richter des deutschen Bundesverfassungsgerichts.
Das wissend nimmt man auch die teilweise euphorischen Reaktionen auf Di Fabios ranziges Gesuder weniger gelassen zur Kenntnis. Und wenn die Politische Akademie der ÖVP darin eine "Mutinjektion für konservative Politik" sieht, während das Feuilleton der Welt einen "konstruktiven Konservativismus ohne die Ressentiments der klassischen Kulturkritik" zu erkennen meint, wünscht man sich, es möge doch jemand "Schluss mit lustig" und die Diskussionsteilnehmer zur Besinnung rufen.

Dass sich dafür Robert Misik gefunden hat, darüber kann man sich vorbehaltlos freuen, denn in den letzten Jahren kann im deutschsprachigen Raum kein anderer Autor auf einen vergleichbaren Lauf beim Verfassen politischer Bücher verweisen. Mit "Genial dagegen" gelang ihm ein brillantes Porträt der aktuellen Protestkultur im Spannungsfeld zwischen Aufbegehren und kommerzieller Vereinnahmung und mit dem "Kultbuch" eine präzise Bestandsaufnahme von Kulturkapitalismus und Konsumkritik unter besonderer Berücksichtigung ihrer inneren Widersprüchlichkeiten.
Diesmal geht es etwas grobgestrickter zur Sache, und das hat seine Berechtigung, gilt es doch Maulhelden vom Schlage Di Fabios und ihre journalistischen Jubelperser einmal kräftig aufzureiben. Dabei kann Misik mit interessanten Entdeckungen aufwarten, zum Beispiel wenn ihm auffällt, dass zur "Kultur der Freiheit" des Herrn Verfassungsrichters offenbar auch die Freiheit des Abschreibens gehört. Im konkreten Fall aus dem Buch "Neoconservativism" von Irving Kristol – einem ehemaligen Trotzkisten, der auf bizarre Thesen zur Familienpolitik spezialisiert ist ("Die Frau darf arbeiten, der Mann muss arbeiten"). Oder wenn er nachliest, was der neoliberalen Wirtschaftsikone Friedrich Hayek als goldenes Zeitalter des Liberalismus vorschwebte ("Nur diejenigen, die sich noch an die Zeit vor 1914 erinnern können, wissen, wie eine liberale Welt ausgesehen hat"). Und zum Thema "Verteilungsgerechtigkeit" punktet er lapidar mit der Erwähnung einer Summe: 20.000 Euro. So viel hat Porsche-Chef Wiedeking 2007 verdient. Pro Stunde natürlich.
Doch Misik geht es nicht nur ums Aufblatteln windiger Neocons, er versucht auch aufgeklärte Gegenentwürfe zur rechts geerdeten Angstlogik zu skizzieren. Dabei weiß er, dass hier auf Seite der Linken vieles verabsäumt wurde. Das konservative Pochen auf den Begriff "Wahrheit" kritisiert er im Bewusstsein, dass es sich dabei auch um eine Reaktion auf das jämmerliche "Alles ist gleich wahr"-Geschwurbel Derrida-umnebelter Sozialwissenschaftler handelt. Das hat unter anderem dazu geführt, dass, "wer von Werten spricht, meist auch automatisch konservative Werte meint". Eine Begriffsokkupation, die vor allem in der Debatte um "Werterelativismus" für verzerrte Wahrnehmungen sorgt. "Weil Moralismus einfach uncool ist, wollen aufgeweckte Zeitgenossen mit Ethikkitsch nicht behelligt werden", bringt der Autor Versäumnisse der Progressiven auf den Punkt und zitiert den amerikanischen Sozialphilosophen Walzer: "Es ist in Wahrheit die Linke, deren Politik auf Werten basiert."

Um Werte geht es auch in der aktuellen Islamdebatte. Zu Recht beklagt Misik deren hysterischen Grundton, für den selbst eher zur Vollsinnigkeit neigende Zeitgenossen anfällig geworden sind. Henryk M. Broder argumentiert neuerdings wie HC Strache mit Abendmatura. Doch wenn sich bei Untersuchungen über die Gesinnung muslimischer Religionslehrer in Österreich Geisteshaltungen offenbaren, die nicht nur fundamentalistisch, sondern auch rechtsextrem sind, wird es selbst für besonnene Bürger schwer, das Augenmaß zu wahren. Am ehesten hilft Karl Popper: Keine Toleranz den Intoleranten.
Robert Misik weiß, dass es keine einfachen Lösungen gibt. Er hofft auf "linke Bewegungen", die sich als "Speerspitze der Aufklärung", aber auch als "mächtige Kraft des Individualismus" verstehen. Die Pointe am Rande: Das Übersehen individueller Zugänge ist der einzig grundlegendere Vorwurf, den man seinem neuen Buch machen kann, versucht er doch an manchen Stellen den "neuen Konservativen" als kohärentes Wesen darzustellen. Die Schnittmenge aus religiösen Eiferern und slicken Marktwirtschaftsfetischisten tendiert aber gegen null, während der ­Konservativismus eines EU-paranoiden Krone-Leserbriefschreibers noch am ehesten in den von DDR-Nostalgikern und Stasi-Abschaum durchtränkten Kadern der deutschen Links-Partei seine Entsprechung findet. Auf heimische Personalverhältnisse gebracht: Wolf Martin, Andreas Khol und Christian Ortner lassen sich nicht wirklich unter einen Hut bringen. Die Kombination aus Stahlhelm, Lodenhut und Lacoste-Mützchen überfordert selbst einen begnadeten Hutmacher wie Robert Misik. 

Florian Scheuba in FALTER 7/2009 vom 13.02.2009 (S. 19)


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