Wahlverwandtsschaften. Telefongeschichten

von Jörg Paulus

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Verlag: Aufbau
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 12/2002

Woran lässt sich die Fragmentierung der Lebensgeschichten besser ablesen als an den eigenen Telefonverzeichnissen mit ihren gestrichenen, aber noch lesbaren Nummern, mit Nummern, die man nicht löscht, aber auch nicht mehr anruft. Die Durchsicht kann zur schmerzhaften Revision der realisierten, öfter der verpassten oder verpatzten Möglichkeiten werden. Die Vorgabe an die Autoren des Projekts "Wahlverwandtschaften" lautete, "Telefongeschichten" zu erzählen. Das Konzept ist bestechend, die Ergebnisse sind es nicht immer. Fast alle der hier Versammelten leben in Berlin, der unumstrittenen Hauptstadt der jüngeren deutschsprachigen Literatur. Hervorragend der Text von Mitherausgeber Rainer Merkel, dessen Nummernrevue eine präzise literarische Studie des alternativen Berliner Soziotops ist. Wohingegen die bemüht witzige, lässige Großstadtarroganz von Tanja Dückers nervt. Und auch der Text von Jörg Paulus, auch er einer der drei Herausgeber, sticht deswegen hervor, weil er die autobiografische Evidenz der Nummern und Namen in eine Reihe von Porträts skurriler Berliner Figuren auflöst. Das gilt überhaupt immer und überall: Gut sind jene Texte, die einen Mehrwert jenseits von Themen und Motiven, jenseits von Schule, Studium und Familie besitzen; und das ist zuallererst eine Frage der Form.Die Anthologie "MACHT" bringt Texte, die zum Großteil der Hamburger Slam-Poetry-Szene erwachsen sind. "Erfreulich einig", was ihren sozialen Zusammenhalt anbelangt, "trifft sie sich seit Jahren auf den Bühnen und am Tresen beim literarischen Nightclubbing", wie das abschließende "Machtwort" erklärt. Im Band selbst bleibt das nicht unwidersprochen – etwa wenn Hartmut Pospiech unter dem Titel "Slam Dunking" Ernüchterung artikuliert, weil "alle nur noch fun wollen" (das Stuckrad- Barre-Syndrom), "und diese beknackten Typen aus Berlin" bei ihrem Hamburger Auftritt "ungestraft Luft" verbrauchen (das Hauptstadt/Zweitstädte- Syndrom). Öd ist auch, wenn "zwanzig bekiffte Gestalten" vielleicht wegen der Literatur da sind "und doch nicht zuhören". Dennoch: Die Hamburger Szene scheint sehr vital zu sein. Aus ihr heraus ist nun auch "MACHT" entstanden. "Macht ist organisierte Literatur. Macht ist eine Hamburger Literaturfusion zwischen Clubbühnen und Literaturpreisen, zwischen Underground und Hochkultur, zwischen Ernst und Spaß", heißt es im "Intro" (klar: "Intro", nicht "Vorwort" oder "Einleitung") zur Anthologie. Die Beteiligten nehmen die Sache also selbst in die Hand. Das ist sehr sympathisch, wenn es so professionell geschieht wie im vorliegenden Band. Die meisten der Beiträge sind sehr kurz, manche nach den "Regeln des Hamburger Dogmas" verfasst (was dies zu bedeuten hat, mögen die Leser selbst herausfinden). Wer nun vermutet, dass die aus "der Szene" kommenden Texte besonders trashig, jargongesättigt oder überhaupt besonders anders wären als das, was wir als Literatur kennen, der irrt. Das skurrile Märchen erfreut sich großer Beliebtheit, und auch Engel kommen recht häufig vor, weil die Wonnen der Elevation uns Menschen auf der Erde immer schon gereizt haben. Die Berichte von verrückten Wirklichkeiten, die an Daniil Charms denken lassen, interessieren die Jungspunde eindeutig mehr als Reportagen aus der Welt der sozialen Härten. Was manche der "Telefongeschichten" so spannend macht, das Defilee an Figuren, die in losem Beziehungsreigen sich umeinander und aneinander vorbei bewegen, zeichnet auch einige der in "MACHT" versammelten Texte aus. So erzählt etwa Hanno Wulfs "Sergej schreibt für Anna einen Song über eine Unendlichkeit nächtlicher Tränen" bruchstückhaft von Leuten, gemeinsam auf einer "Party" waren ein Wort, das nicht viele der Autoren verwenden würden – es klingt nach Eltern, Soletti und Simon and Garfunkel), und davon, wie die Flüchtigkeit zufälliger Begegnungen Krisen Erschütterungen auslöst. Hervorzuheben sind auch die lakonischen, Road-Movie-Schema auf witzige Weise paraphrasierenden Amerikageschichten von Lars Dahms.

Bernhard Fetz in FALTER 12/2002 vom 22.03.2002 (S. 9)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Macht. Organisierte Literatur (Karen Duve, Stefan Beuse)

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