Der längste Tag des Jahres

von Tanja Dückers

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Aufbau
Erscheinungsdatum: 01.01.2006

Rezension aus FALTER 11/2006

Jesus oder Auschwitz?

In "Der längste Tag des Jahres" versammelt Tanja Dückers fünf maulfaule Geschwister um den Sarg des Vaters.

Alle Familien ähneln einander in der Art zu schweigen. Über manche Dinge wird einfach nicht gesprochen, und eine Familie wird alles tun, um von diesen Dingen abzulenken. Familiengeschichten zu schreiben heißt, über Unausgesprochenes zu schreiben. Sie sind dann am besten, wenn sie die jeweiligen Lebenslügen und Stillhalteabkommen abbilden, ohne große Worte zu verlieren; wenn aus belanglosen Abläufen und Details System wird. Gute Familiengeschichten sind immer auch Alltagsgeschichten.

Die Autorin Tanja Dückers, Jahrgang 1968, lange Zeit abonniert auf die mehr oder weniger interessante Beschreibung von Berliner Szeneexistenzen ("Spielzone", "Café Brazil"), hat schon eine Familiengeschichte verfasst. In "Himmelskörper" aus dem Jahr 2003 war das Außergewöhnliche das Nächstliegende. Die Tochter, aus deren Sicht erzählt wurde, war Wolkenforscherin, die Mutter brachte sich um, die Großelterngeschichte hatte etwas mit dem NS-Passagierschiff Wilhelm Gustloff zu tun, das 1945 spektakulär von den Russen versenkt worden war (und schon Günther Grass zu dessen Novelle "Im Krebsgang" inspirierte). Dazu wurden Identitätsprobleme von Schwulen thematisiert, die Oder-Neiße-Grenze kam ebenfalls vor. Das ging erwartungsgemäß schief.

In Dückers' neuem Roman geht es nun um eine ganz normale Familie - und das hat dem Buch gut getan. "Der längste Tag des Jahres" handelt, wie alle Familiengeschichten, vom Zerfall. Der Prozess der Auflösung ist zum Zeitpunkt, als das Buch einsetzt, allerdings schon abgeschlossen. In alle Winde verstreut, leben fünf Geschwister vor sich hin, ohne viel voneinander mitzubekommen. Sie werden zwischen dreißig und vierzig sein, der eine schlägt sich freiberuflich mit Kunst und Journalismus herum, die andere hat Eigenheim und Kinder, der Jüngste ist in die USA ausgewandert, wo er sich einer Sekte angeschlossen hat. Der Tod des Vaters reißt die fünf aus ihrem Alltag, ohne sie zusammenzubringen. Sie sind einander fremd geworden und waren einander wohl auch schon fremd, als sie noch unter einem Dach gelebt haben. Der Tod des Vaters ist der Moment, der sie einen könnte, doch dieser Moment verstreicht ungenutzt.

Der abwesende Vater ist das heimliche Zentrum des Romans. Aus der Sicht der Kinder wird in Rückblenden ein wortkarger und gegen Ende des Lebens in seinem Starrsinn gefangener Mann geschildert, der keinen Zugang zur Welt findet und schon gar nicht zu seiner Familie. Das Einzige, was ihn interessiert, sind seine Terrarien mit exotischen Tieren, denen er Stunde um Stunde zusehen kann. Die Kinder wiederum können mit dem Vater nicht viel mehr anfangen, als ihn ihrerseits mit einer Mischung aus Faszination und Verwunderung zu beobachten. Es ist ein gegenseitiges Belauern, das diese Familie zusammenhält und in der nächsten Generation fortlebt. Als eine der Schwestern ihrer Tochter Fahrunterricht gibt, starrt sie das Mädchen an und denkt dabei: "So dummen Käse wie du erzählt niemand nach der Tagesschau. Du kannst ja nicht mal den Namen Heidemarie Wieczorek-Zeul richtig aussprechen." Auch in dieser Situation wird nicht mehr als das Nötigste gesprochen.

Einzig zu Thomas, dem Jüngstem, unterhält der Vater so etwas wie eine Beziehung. Die Fremdheit zwischen Vater und Sohn bleibt dennoch unüberbrückbar, selbst wenn der Vater versucht, sich diesem zu nähern. "Jedesmal entwand sich Tommy diesen Umarmungen. Oft zählte er bis hundert, um ein bisschen Zeit verstreichen zu lassen und seinen Vater nicht völlig zu kränken, dann machte er sich - meist unter dem Vorwand, aufs Klo zu müssen - endlich frei."

Die Welten, die zwischen Eltern und Kindern liegen, lotet Tanja Dückers ohne sprachlichen oder formalen Schnickschnack aus. Sie entwickelt ihre Familiengeschichte, indem sie Porträts von den fünf Geschwistern zeichnet. Nicht jedes dieser Einzelporträts ist gelungen, manche Figuren bleiben hölzern und konturlos, wie etwa der Sektenanhänger Thomas, in dessen Geschichte ein seitenlanger Exkurs über die Landschaftskunst von Robert Smithson eingebaut ist. Über eine Frau heißt es schließlich pathetisch: "Als Jacques, ihre große Liebe vor Bennie, mit zwei Überseekoffern ihre Wohnung verließ, blieb etwas eingetrockneter Sand auf der Türschwelle. Der Sand trug noch das Muster seiner Schuhsohlen. Wie lange hatte Nana diese Spuren nicht hinweggefegt." Schließlich strapaziert auch der ständige Einsatz von Farbbeschreibungen die Geduld des Lesers; kaum ein Gegenstand, der nicht mit einem Farbadjektiv wie "babyblau", "lindgrün", "schweinchenrosa", "blütenweiß" oder "sonnengelb" versehen wäre.

Stark hingegen ist der Roman in seinen Milieubeschreibungen. Dückers' Protagonisten haben Berufe, in denen sie ständig zur Supervision müssen oder ihre Kommunikationsfähigkeiten verbessern - mitteilen können sie sich trotzdem nicht. Das gesättigte Milieu doppelnamentragender Akademiker zwischen Sozialpädagogik und Toskanafraktion wird mit leisem Spott eingefangen, ohne zur platten Häme zu verkommen.

In einer Szene diskutiert Anna im Familienauto zwischen Kindern (die Jonas und Janina heißen) und jeder Menge pädagogisch wertvollem Spielzeug mit ihrem Lebensgefährten Michael über Erziehung, insbesondere über die Frage, welchen Stellenwert Religion darin haben sollte. ",Sie sollten doch wenigstens eine ungefähre Vorstellung vom Christentum haben, von den Wurzeln unserer Kultur. Ich möchte nicht, dass meine Kinder später sagen: ,Jesus? Ist das ein spanischer Freskenmaler?', hatte Anna zurückgegeben. ,Um unseren Hintergrund zu verstehen, kann man mit den Kindern auch nach Auschwitz oder Weimar fahren', hatte Michael zur schnellen Beendigung der Diskussion angemerkt." Das trifft einen bestimmten Ausschnitt deutscher Befindlichkeit schon ziemlich gut.

Verena Mayer in FALTER 11/2006 vom 17.03.2006 (S. 7)


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