Verschüttete Milch
Roman

von Barbara Frischmuth

€ 22,00
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Empf. Lesealter: ab 50 Jahre
Verlag: Aufbau Verlag
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 286 Seiten
Erscheinungsdatum: 15.03.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Heil und Unheil Tisch an Tisch

Barbara Frischmuth hat einen souveränen Entwicklungsroman über ihre Kindheit in den Kriegs- und Nachkriegsjahren geschrieben

Es bleibt dahingestellt, ob es ein Segen war, in dem „Dorf im Gebirge“ aufzuwachsen, von dem Barbara Frischmuths Leserinnen und Leser wissen, dass es sich um Altaussee im steirischen Salzkammergut handelt. Eine Bullerbü-Kindheit schaut gewiss anders aus, aber ganz sicher war es eine Kindheit an einem Ort, der seiner geografischen Abgelegenheit zum Trotz ein Brennspiegel der Zeitläufe und Schicksale war und einen wachen Geist wie den „der Kleinen“ mit ganzen Wagenladungen an Fantasiefutter versorgte – im Schönen wie im Hässlichen.

Im Dorf nämlich sitzen „Heil und Unheil Tisch an Tisch zur Sommerfrische“, erst recht, wenn die eigene Familie ein Hotel mit Restaurant betreibt: Da gibt es die Einheimischen und bald auch die aus der Stadt Evakuierten, frühere Sommerfrischler und aus dem Krieg Heimgekehrte. Da gibt es einquartierte Rumänen und Ungarn, später amerikanische Besatzungssoldaten; Sympathisanten des Widerstands und frühere Illegale, auf Almen versteckte Ex-Nazi-Bonzen und jede Menge vom Krieg Angeschwemmte. Vor allem gibt es aber auch die klaffenden Lücken – jene Lücken, die die toten, im Krieg gefallenen Männer und Söhne im Dorf hinterlassen haben, auch der tote Vater, an den „die Kleine“ keine rechte Erinnerung mehr hat.

„Die Kleine“, das ist in Barbara Frischmuths neuem Roman „Verschüttete Milch“ die kleine Juliane, genannt Juli, die in den 1940er- und frühen 50er-Jahren als Hotelierstochter in dem – namentlich nie ausgewiesenen – Alpendorf aufwächst.

Mit ihrer Erfinderin Barbara Frischmuth hat sie so viel gemeinsam, dass es gewiss erlaubt ist, das Buch als autobiografisch zu bezeichnen. Aus dem Abstand von Jahrzehnten und in der dritten Person befragt und überprüft die Autorin ihre Vergangenheit. Was immer persönliche Erinnerung auch sein mag, eines ist sie sicher: „begrenzt, beschränkt, auf die eigene Person bezogen oder verdrängt, durch einen Filter gesehen, der das Unerträgliche zum Verschwinden bringen soll. Mit einem Wort, unzuverlässig.“

Das Fesselnde an diesem entspannten Entwicklungsroman ist, dass er so unschuldig beginnt – als sortierte die Autorin im Alter ihre ganz privaten Familienfotos –, um dann den Boden unter den Füßen seiner Protagonistin immer mehr zum Schwanken zu bringen.

Vieles kann Juli erst im Rückblick einordnen. Erst einmal aber werden alle Familienmitglieder und Mitbewohner des Hauses vorgestellt, dazu die riesigen Spielwiesen der Natur, der See und die Berge rundum sowie der Alltag im Hotel, das mit jedem neuen Sommerfrische-Sommer noch weniger jener Einkünfte einspielt, die die Familie übers Jahr zum Leben bräuchte.

Es ist eine Kriegs- und Nachkriegswelt, in der Kindern systematisch Märchen und Lügen erzählt werden und die Entfaltung kindlichen Bewusstseins stark davon geprägt ist, dass man sich seinen eigenen Reim auf Dinge machen muss, weil sie einem sonst niemand erklärt – nicht die Schreie der Mutter bei der Geburt des Halbbruders, nicht das plötzliche Verschwinden eines geliebten Zickleins, nicht der Missbrauch durch eines der vielen Kindermädchen, die auf die Kleine aufpassen, während die Mutter das Hotel führt.

All das macht die Kinderwelt dieses Romans zu einem magischen Raum, der in einer wirren Zeit schwindelnd viele Anlässe zum Rätseln und Staunen bietet. Das Lesenlernen, das Interesse am Fremden und das Erzählen von Geschichten beginnen der kleinen Juliane bald Halt zu geben – sowie eine Katze und ein Hund, die das Mädchen trotz Verbots Nacht für Nacht in ihrem Bett schlafen lässt.

Auf erstaunliche Weise gehören die Tiere zu den verlässlichsten Faktoren dieser wackeligen Kindheit. In der Klosterschule, in die Juliane als Zehnjährige geschickt wird, ist ihre Wissbegier stärker als ihr Heimweh. Vor allem aber lernt sie dort rasch, einen Blick von außen auf den Ort ihrer Kindheit zu werfen, der sich, obwohl eigentlich winzig, zugleich als großer Knotenpunkt privater und welthistorische Erzählfäden erweist.

Julia Kospach in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 10)


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