Sempre Susan

Erinnerungen an Susan Sontag
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Von der Autorin des Bestsellers »Der Freund« erscheinen jetzt die autobiographischen Erinnerungen an ihre Zeit mit Susan Sontag »Sigrid Nunez liefert das bis heute lebendigste und schillerndste Porträt von Susan Sontag.« Vogue Frühling 1976 in New York City: Sigrid Nunez, gerade mal 25 Jahre alt, träumt davon, Schriftstellerin zu werden, als Bob Silvers von der „New York Review of Books“ ihr einen Job vermittelt: Sie soll einer bekannten Autorin, die ein paar Straßenecken weiter auf der Upper Westside wohnt, bei der Korrespondenz helfen. Wenig später sitzt Nunez am Küchentisch von Susan Sontag und tippt auf deren Schreibmaschine, was Susan ihr diktiert. Sie lernt die glamouröse Denkerin aus nächster Nähe kennen, verliebt sich in deren Sohn David und zieht schließlich bei den beiden ein. Ein Erinnerungsbuch, in dem Sigrid Nunez über die vielleicht prägendste Begegnung ihres Lebens schreibt und ein privates, nuanciertes Porträt von Susan Sontag entsteht.

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FALTER-Rezension

Das Zentrum eines Sonnensystems

Was Patti Smith für die New Yorker Musikszene der 1970er-Jahre war, war Susan Sontag seinerzeit für die intellektuelle Welt: eine Ikone des Denkens, ein Idol der literarischen Boheme, und dazu hatte sie noch gehörigen Star-Appeal. „Geist und Glamour“ nannte Daniel Schreiber nicht zufällig seine Biografie über die 2004 im Alter von 71 Jahren gestorbene Essayistin und Romanautorin. Schlicht „Sontag“ – der Name firmiert hier quasi als Markenzeichen – heißt Benjamin Mosers gut 900 Seiten dicke Lebensbetrachtung, die in diesem Herbst im Penguin-Verlag erscheinen wird.

Geradezu schmal nimmt sich dagegen „Sempre Susan“ aus, ein Erinnerungsbuch von Sigrid Nunez, das schon vor zehn Jahren im Original herauskam und nun, wohl aufgrund des Erfolgs von Nunez’ Roman „Der Freund“, auf Deutsch erscheint. Die heute 69-jährige Nunez geizt nicht mit Intimitäten aus dem Leben Sontags – das hat zuweilen etwas indiskret Direktes –, schafft es aber doch immer wieder, Verbindungen zwischen persönlichen Eindrücken und dem Werk Sontags herzustellen.

Die Begegnung zwischen der arrivierten Essayistin Sontag und der angehenden Romanschriftstellerin Nunez ereignet sich Mitte der 1970er-Jahre. Es ist eine dieser typischen Kulturbetriebsgeschichten: Sigrid Nunez ist gerade mal Mitte 20 und hat bereits ein Diplom der Columbia Universität in der Tasche. Sie arbeitet nebenher bei der New York Review of Books. Da ergibt sich eine weitere Gelegenheit zum Geldverdienen: Die damals schon berühmte Susan Sontag, gerade von einer Krebserkrankung genesen, braucht eine fähige Assistentin, die ihr beim Aufarbeiten der liegen gebliebenen Korrespondenz unter die Arme greift.

Lediglich ein Job, denkt Nunez, einer, der sie nicht vom eigenen Schreiben abhalten wird. Worauf sie sich da allerdings eingelassen hat, wird sie kurze Zeit später herausfinden. Sontag wohnt damals am Riverside Drive in Manhattan, wo übrigens auch Uwe Johnson lebt und sein vierbändiges Hauptwerk „Jahrestage“ (1970) spielen lässt. Sie hat etwas Einschüchterndes und gleichzeitig Forderndes und behandelt ihre neue Assistentin nicht nur als Schreibhilfe, sondern auch als Gesprächspartnerin.

Sie will beeinflussen, Mentorin sein. „Didaktisch“ und „moralistisch“, nennt Nunez das. Sontag stellt nicht lediglich Fragen; sie fragt Nunez regelrecht aus, etwa über die Herausgeber der New York Review of Books. Fast wird ihr neuer Schützling von Sontag adoptiert. Als wenig später Sontags Sohn David auftaucht und Nunez mit ihm eine Beziehung eingeht (Sontag ist gerade mit Joseph Brodsky liiert), kommt es zu einer merkwürdigen Konstellation: Die Mutter, der Sohn und seine Geliebte leben in einer Wohnung zusammen. Dass Spannungen nicht ausbleiben, ist klar.

Enger an den Launen, Denkbewegungen und Gefühlsturbulenzen eines Genies kann man wohl kaum dran sein. Wie Nunez all das in „Sempre Susan“ schildert, ist durchaus von Bewunderung getragen, hat aber zugleich etwas Schonungsloses – als müsste sie sich damit aus der Bannkraft der Übermutter befreien: Sie schildert etwa die tiefe Unzufriedenheit der Älteren, die als Essayistin zwar von Anfang an gefeiert wird, aber deren Romane die Kritik nicht anerkennen will. Nunez hält von den Romanen ebenfalls wenig und richtet an einer Stelle zielsicher den Blick auf die Schwächen des erzählerischen Werks.

Sontags Besessenheit von Schönheit erfährt bei Nunez ausgiebige Würdigung. Sexueller Anziehungskraft habe sie großen Wert beigemessen – sie schlief ausgiebig mit Freundinnen und Freunden. Als „Empfänglichkeit“ bezeichnet Nunez das. Ihre Bekannten tyrannisierte sie zuweilen, mit verletzenden Angriffen ging sie wenig sparsam um. Auch Kellner konnte sie unnachgiebig anfauchen. Das Wort „Entschuldigung“ gab es in ihrem Wortschatz nicht. Sie sei eine Masochistin und Sadistin gewesen, bringt es Nunez auf den Punkt. Manchmal klingt ihr Buch wie eine Abrechnung: „Zuweilen erschien ihre obsessive Neugier, die sie als ihre größte Tugend betrachtete, mehr wie Voyeurismus: keine Tugend“, schreibt Nunez einmal.

So entsteht das Bild einer Frau, die voller Widersprüche war und diese lustvoll zelebrierte, deren Ernsthaftigkeit auf die Nerven gehen konnte und die zugleich ungeheuer inspirierend wirkte, die als Feministin galt und den Feminismus zur Seite wischte, wenn ihr danach war, die Konventionen brach, aber zugleich empfindlich zusammenschreckte, wenn sich ein Regelbruch gegen sie selbst richtete. Sontag stand im Zentrum eines Sonnensystems, weil so viele Planeten um sie kreisten. Details über das Zusammenwohnen haben in diesen anekdotenhaft aneinandergereihten Erinnerungen ebenso ihren Platz wie Beobachtungen über die seelische Verfasstheit Sontags, die nur schwer alleine sein konnte. Gerade wenn sie arbeitete, brauchte sie jemanden in ihrer Nähe, mit dem sie noch über ein unglückliches Komma diskutieren konnte.

Das tat auch der Beziehung mit ihrem Sohn nicht gut. Sontag wollte den Sohn nicht loslassen, und Nunez löste sich bald aus dieser Ménage-à-trois. Aber die Prägung durch die Persönlichkeit und das Werk Sontags, das merkt man diesen aus intellektueller und zeitlicher Distanz geschriebenen Erinnerungen an das Jahr 1976 an, ist geblieben. Nunez’ aktueller Roman, gerade in den USA erschienen, trägt den Titel „What Are You Going Through“. Er handelt von einer sterbenskranken Frau, die eine respekteinflößende Schriftstellerin ist und sich in ihrem Werk mit der Kultur der Krankheit beschäftigt. Wenn sich darin nicht Züge Susan Sontags erkennen lassen …

Ulrich Rüdenauer in Falter 43/2020 vom 23.10.2020 (S. 39)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783351038496
Ausgabe 2. Auflage
Erscheinungsdatum 22.09.2020
Umfang 141 Seiten
Genre Belletristik/Essays, Feuilleton, Literaturkritik, Interviews
Format Hardcover
Verlag Aufbau
Übersetzung Anette Grube
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