Dein Schatten tanzt in der Küche

Erzählungen
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Kurzbeschreibung des Verlags:


"Eine große, souveräne Erzählerin mit vielen Registern." Der Standard
Barbara Frischmuth hat schon immer von starken, sensiblen, sinnlichen Frauen erzählt, die sich behaupten müssen. Darya, Agnes, Amelie und Paula hat das Leben bereits zugesetzt, sie haben existenzielle Entscheidungen getroffen, und sie zahlen einen hohen Preis: Sie können nicht über ihre Gefühle sprechen, und vor allem sind sie einsam. Gibt es ein Entkommen aus dieser Einsamkeit? Fünf Variationen über Selbstbehauptung und Einsamkeit, fünf Frauenschicksale, fünf Versuche, sich nicht unterkriegen zu lassen - weder von den Zeitläuften noch von Männern und schon gar nicht vom Alter.
„Sie konnten nicht aufhören, einander Geschichten zu erzählen, Geschichten von früher, die sie schon vor Zeiten zurechtgeschliffen hatten. Geschichten zum Lachen, wahre Geschichten, die erst recht den Anklang an Literatur atmeten. Vor allem solche, die von Niederlagen sprachen, wobei die Niederlage der Gescheiterten sie erst recht zu Heroen machte.“

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FALTER-Rezension

„Mich hat niemand aufgehalten“

Vom Altausseer See führt eine kleine Straße ein paar hundert Meter hinauf zu dem Haus, in dem Barbara Frischmuth lebt. Dieser Abstand ist wichtig. Durch die erhöhte Lage hat die Autorin, die am 5. Juli ihren 80. Geburtstag feiert, ihre Ruhe vom touristischen Trubel, Verkehr und Baulärm. Und sie hat ihren Garten, der inzwischen ebenso bekannt ist wie ihr breites erzählerisches Werk, das 1968 mit „Die Klosterschule“ seinen Anfang nahm.

Falter: Frau Frischmuth, schön haben Sie es hier. Oder trügt die Idylle?

Barbara Frischmuth: Hier oben bin ich zum Glück geschützt. Mein Garten macht mir natürlich Freude. Aber das Leben am Land ist überhaupt nicht idyllisch. Besonders die Bauwut bereitet mir Sorgen. Österreich liegt da an der Spitze.

Und Altaussee?

Frischmuth: Leider auch. Diese Kobeln und Chalet-Dörfer überall sind entsetzlich. Das sind reine Anlegergeschichten, die von einem Finanzhai zum anderen gehen. Die kommen nicht einmal her und schauen sich das an, bevor sie was kaufen. Überall, wo man spazieren geht, wird gebaut.

Mir sind am Weg hierher einige Bagger und Baumaschinen aufgefallen.

Frischmuth: Und das ist nur das unmittelbar Sichtbare. Herr Doktor Androsch ist auch nach wie vor aktiv. Geplant sind eine große neue Seilbahn auf den Loser und eine neue Straße. Die armen Kinder müssen im Kindergarten schon die Gondel zeichnen. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin nicht an sich gegen das Bauen. Dietrich Mateschitz hat das hier recht ordentlich gemacht mit seiner Jausenstation auf der Seewiese. Da war immer schon ein Wirtshaus und jetzt gibt es eben wieder eines.

Wo einst das Hotel Ihrer Familie stand, hat Hannes Androsch vor ein paar Jahren ein Gesundheitshotel hingestellt.

Frischmuth: Ja, aber das ist es nicht, was mich daran stört. Meine Mutter konnte das Hotel ohnehin nicht halten, Ende der 1950er musste sie es schon verkaufen, um ihre Schulden zu zahlen. Schrecklich finde ich, dass er so riesig gebaut hat. Die Leute kommen nach Altaussee, weil sie eine Ruhe haben wollen. Wir nennen uns Luftkurort. Mit welchem Recht noch? Der Verkehr wird immer ärger. Man kann sich aufregen, aber es hilft nichts. Das meiste ist schon passiert, bevor man etwas dagegen unternehmen kann.

Sie haben in den letzten Jahren viel über Ihren Garten geschrieben. Das sind nur scheinbar harmlose Geschichten. Die Erzählungen in Ihrem neuen Buch „Dein Schatten tanzt in der Küche“ erwecken nun nicht einmal diesen Anschein. Sie gehen mit Ihren Figuren ziemlich brutal um.

Frischmuth: Richtig, da wird niemand geschont.

Sie erzählen von fünf Frauen verschiedener Herkunft, die auf den ersten Blick ganz unterschiedliche Lebensgeschichten haben. Gibt es etwas Verbindendes?

Frischmuth: Sie haben alle ein mehr oder weniger großes Problem, das vereint sie. Nichts davon habe ich geplant, die Figuren sind einfach aufgetaucht. Ich bin eine Liebhaberin der Diversität in jeder Hinsicht. Nach der ersten Geschichte habe ich deshalb gewusst, dass eine ganz andere darauf folgen muss. Es sind durchwegs Dinge, mit denen ich mich schon öfter beschäftigt habe. Eine der Figuren kommt als Flüchtling zu uns, das ist für mich ein uraltes Thema. Dann gibt es eine alte, verarmte Schauspielerin. Ich kenne viele Schauspieler und weiß, wie prekär die oft beinander sind. Eine andere Protagonistin ist eine Sexarbeiterin, wie man heute sagt.

Die Figuren in Ihrem Buch finden sich nicht mit ihrem Schicksal ab. Es sind keine Opfergeschichten.

Frischmuth: Das war mir wichtig. Man muss als Frau jedoch immer auf der Hut sein und auch damit rechnen, dass etwas passiert. Gefährlich sind zum einen jene Männer, die toperfolgreich sind und glauben, sie können jede haben. Und dann gibt es die, die gar nix können. Denen führt die Frau vor Augen, dass sie es besser macht. Bei vielen Vergewaltigungsfällen ist es leider nicht möglich, sich zu wehren. Aber das Bewusstsein, dass man in anderen Situationen sehr wohl etwas machen kann und muss, ist noch nicht genug ausgeprägt.

Femizide und andere Gewalttaten gegen Frauen haben sich zuletzt gehäuft. Hat sich in der Hinsicht nichts gebessert?

Frischmuth: Es passiert immer wieder. Gerade bei Frauen, wo die Männer wegbleiben sollen. Aber die kommen schon irgendwie in die Wohnung rein. Man hat diese Taten lange jenen zugeschrieben, die aus dem Osten zu uns gekommenen sind. In Wirklichkeit bleibt sich das ziemlich gleich, die Unsrigen können das genauso. Solche Männer sollten vielleicht auch behandelt werden. Bei manchen zeichnet sich das ja schon ab. Es sollte aber eine ausgewogene Sache sein.

Wie meinen Sie das?

Frischmuth: Es muss gestraft werden, wo zu strafen ist. Aber wenn jemand vielleicht einmal ein ungewolltes Bussi gibt, kann man sich als Frau dagegen wehren. Bei dieser #MeToo-Geschichte sollte man einen Weg finden, der auch für Leute, die sich nicht ständig mit dem Thema beschäftigen, glaubwürdig ist. Sonst erreicht man nichts. Heute sind junge Frauen schon schockiert, wenn ihnen ein Professor über die Wange streicht. Da kann ich nur sagen: Mädel, werde bitte tougher. Sonst nehmen wir Frauen wieder die Opferrolle ein. Und die ist nicht lustig. Man muss agieren. Es hilft nicht, immer nur anzuklagen.

Wie haben Sie das gehalten, wenn ein Mann lästig wurde?

Frischmuth: Ich habe einmal einen in den Hintern gezwickt, der ist fast in Ohnmacht gefallen. Er hat vorher lang herumgegrapscht und es immer wieder versucht. Dann bin ich hinter ihm zu stehen gekommen und habe ihn halt gezwickt. Der hat überhaupt nicht gewusst, was los ist. Das ist aber sehr lange her. Der Verleger Siegfried Unseld war auch so ein Mann à femmes. Der hat mich in irgendeinen Skiort in der Schweiz eingeladen. Ich habe nur gesagt: Nein, danke. Oft genügt das schon.

Sie haben sich einmal als „natural born feminist“ bezeichnet. Durch Ihre Herkunft?

Frischmuth: Ich bin ein Kriegskind. Es gab keinen Vater, der mit der Faust auf den Tisch gehaut hätte. Meine Mutter hat das Hotel geführt. Ich habe viele Probleme vielleicht gar nicht gehabt.

Sie sind sehr frei aufgewachsen?

Frischmuth: Meine Mutter war ungeheuer großzügig. Sie hat mir aber auch das Bewusstsein eingeimpft, dass Freiheit eine komplizierte Sache ist. Das war manchmal schmerzhaft. Ich durfte schon sehr früh ausgehen. Sie hat allerdings gesagt: „Du bist verantwortlich. Du weißt, ich arbeite. Wenn du mit einem Kind heimkommst, kann ich dir nicht helfen.“ Da war sie ganz cool. Sie hat mich auch in die Türkei fahren lassen, als ich noch nicht einmal 19 war. Ich war die erste europäische Studentin mit Stipendium in Erzurum. Meine Mutter hat das alles akzeptiert. Sie musste sich nie sehr viel um mich kümmern.

Als Studentin in der Türkei waren Sie kurzzeitig verlobt. Vor dem letzten Schritt sind Sie zurückgeschreckt?

Frischmuth: Mit dem Mann allein ging es gut. Als ich die Familie kennengelernt habe, habe ich aber schon gewittert, was mich erwartet. Der Hauptgrund, damals nicht zu heiraten, war, dass ich studieren und nach meinen Vorstellungen leben wollte. Ich habe immer versucht, einen Weg zu finden, mein Ding durchzusetzen und mich nicht von Männern abhängig zu machen. Mich hat niemand aufgehalten.

Wie sind Sie auf Türkisch als Studienfach gekommen?

Frischmuth: Wegen „Tausendundeiner Nacht“. Ich war wahnsinnig orientaffin. Ein bisschen Zufall war auch dabei. Ich bin zu einer Informationsveranstaltung aufs Grazer Dolmetsch-Institut gegangen. Die haben mich gefragt, was ich machen will. Interessiert haben mich Farsi, Iranistik, Arabistik oder Judaistik. Da haben sie gesagt: „Das haben wir alles nicht. Aber machen Sie Türkisch. Das ist auch von da unten und das haben wir.“

Wie wurden Sie zur Schriftstellerin?

Frischmuth: An der Uni bin ich irgendwann angestanden. Ich habe auch noch Ungarisch studiert. Für meine Dissertation wollte man mich zur Feldforschung nach Albanien schicken. Das hat mich nicht mehr interessiert. Eigentlich wollte ich schon ­schreiben. Dann wurde ich krank und musste mich entscheiden. Ich habe mir zwei Jahre gegeben, bis ich vom Schreiben leben kann. In der Zeit ist „Die Klosterschule“ entstanden, die zum Glück ein Erfolg wurde. Ich hatte einen ungeheuren Willen. Indem ich stur das durchgezogen habe, was ich mir vorgenommen hatte, konnte ich mich auch als Frau stärken.

Wie waren die Anfänge im Literaturbetrieb?

Frischmuth: Im Forum Stadtpark in Graz waren wir ein Klüngel. Ich war wie so oft die einzige Frau. Gut, es gab sehr viele Groupies, die haben vielleicht ein paar Gedichte geschrieben. Wirklich zu schreiben begonnen habe nur ich. Schön war, dass ich in Graz als Frau nie schlechter behandelt wurde.

In Wien war das anders?

Frischmuth: Die Wiener Gruppe? Das waren Chauvis. Ich konnte da zwar rein, aber man hat mir ständig erklärt, was zu machen ist in der Literatur und wie man sich zu verhalten hat. Dann bin ich ausgebrochen. Ich habe acht Jahre auf einem Gestüt gelebt und Pferde trainiert. Das war lustiger. Ich war die Kleine vom Chef und aus. Das hat mir gutgetan, um literarisch einen eigenen Weg beschreiten zu können. Ich konnte machen, was ich wollte. Es sind aber immer wieder Kollegen auf Besuch gekommen, isoliert war ich nicht. Unvergesslich, wie H.C. Artmann im Sherlock-Holmes-Outfit mit dem Moped vorfuhr.

Herrschten innerhalb der Literaturszene damals so strenge Vorschriften?

Frischmuth: Der Druck war groß. Oswald Wiener hat gesagt: Wenn du nicht der Beste bist, kannst du es gleich lassen. Manche, der Lyriker Reinhard Priessnitz zum Beispiel, haben das nicht gepackt. Ich wollte mich dem entziehen. Mit Vorschriften hatte ich generell Probleme. Ich habe mich nie gern mit Theorien beschäftigt und mag es schon gar nicht, wenn man von Literaten verlangt, dass sie Regeln aufstellen oder einhalten. Ich habe auch immer Schwierigkeiten mit Plots gehabt. Wozu brauche ich einen Plot?

Wie gehen Sie beim Schreiben vor?

Frischmuth: Ich plane nichts. Ein Satz bedingt den anderen. Und wenn’s nicht funktioniert, legt man es eh irgendwann weg.

Sie haben einen Sohn großgezogen. Wie gut ließen sich Familie und Schreiben vereinbaren?

Frischmuth: Es war nicht konfliktfrei. Mir hat ja niemand auf meinen Sohn geschaut. Kind und Schreiben parallel ging noch. Aber Kind, Schreiben und Pferde war zu viel. Einmal sind mir die Pferde ausgekommen. Die Kirchenwirtin hat angerufen, ob mir ein paar fehlen. Es stand ein Rudel vor der Kirche. Ich habe geschrieben und nichts davon mitbekommen. Den Pferden war fad. Auch der Garten wurde erst wirklich relevant, als das Kind schon groß genug war. Ich konnte zum Glück immer relativ gut abschätzen, was ich mir zumuten kann und was nicht.

Sie waren stets eine Erzählerin. Konnten Sie mit der Avantgarde nie etwas anfangen?

Frischmuth: Naja. In der Avantgarde ist man gegen Geschichten. Aber die Geschichten haben immer überlebt, weil sie ein Teil des Menschen sind. Wahrscheinlich hat er deswegen zu sprechen begonnen. Natürlich kommt es drauf an, wie man erzählt, wie Geschichten gestaltet sind. Die Literatur muss sich immer wieder verändern. Das tut sie auch. Nur bitte nicht radikal. Radikalität war für mich immer schon etwas, das angebrannt gerochen hat. Sie schränkt zu viel anderes ein. Als Universalistin kann ich das nicht zulassen.

Heute wollen die Verlage fast nur mehr Romane veröffentlichen. Das Erzählen hat sich durchgesetzt.

Frischmuth: Ja, aber es ist alles einzig auf Erfolg hin ausgerichtet. Mir tun die jungen Autoren wirklich leid. Die werden schon so beeinflusst, was und wie sie schreiben sollen. Die Vorgaben werden immer ärger. Auch von der Sprache her. Jetzt einmal abgesehen von dieser neuen Cancel Culture geht es auch um die sprachliche Färbung und Austriazismen. Die hat man früher mit einem Lächeln akzeptiert. Heutzutage heißt es: „Das klingt aber schon sehr komisch.“ Aber ich verwende einen österreichischen Begriff ja nicht, weil ich von hier bin, sondern nur dann, wenn er die Bedeutung besser darstellt. Genauso schreibe ich aber „Tomaten“.

Sie haben Cancel Culture angesprochen. Verfolgen Sie diese aktuellen

Debatten?

Frischmuth: Nur am Rand. Mir fällt auf, es wird heute teilweise in einer ganz anderen Weise gedacht. Wenn sich Leute damit beschäftigen wollen, sollen sie es tun. Ich frage mich nur: Ist es notwendig? Es wäre viel besser, tatsächlich was zu unternehmen.

Anstatt sich über Worte und Begrifflichkeiten zu erregen?

Frischmuth: Ich zweifle ein bisschen daran, dass sich Dinge nur durch die Sprache verändern und bessern. Klar: Solange es die, die betroffen sind, selber wollen, kann man nichts dagegen sagen. Manchmal habe ich nur den Verdacht, dass einiges oktroyiert wird. Man sollte sich mehr mit den relevanten Sachen wie Klimaschutz oder Femizid beschäftigen, als über Begriffe und Sternderl zu streiten.

Oder man gartelt.

Frischmuth: Genau. Dem Garten werde ich mich in nächster Zeit verstärkt widmen. Das Schreiben hat bis zum Herbst Pause. Im Sommer bin ich Gärtnerin.

Haben Sie eine Gartenphilosophie?

Frischmuth: Ich greife nur ein, wenn die einen Pflanzen die anderen umbringen. Immer dort, wo ich das Gefühl habe, da kommen meine Lieblinge zu Schaden. Es ist schon viel Arbeit, aber es ist auch unfassbar, was so ein Garten hergibt. Alles hat eine Geschichte. Mehr Poesie, als die Natur generiert, gibt es nicht. Poesie und Natur sind für mich zwei Seiten einer Medaille.

Fehlt es Ihnen hier oben überhaupt an etwas?

Frischmuth: Es fehlt immer was. Ich habe hier leider niemand, mit dem ich Türkisch reden kann. Die Sprache ist ständig im Wandel, es entstehen so viele neue Begriffe. Das Gedächtnis ist sowieso nicht mehr das, was es einmal war. Es hilft nichts, mir entgleiten die Sprachen langsam. Aber fürs Schreiben ist es der ideale Ort.

Sebastian Fasthuber in Falter 26/2021 vom 02.07.2021 (S. 28)

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Mehr Informationen
ISBN 9783351038618
Ausgabe 2. Auflage
Erscheinungsdatum 17.05.2021
Umfang 224 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Aufbau
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