adibas
Roman

von Zaza Burchuladze

€ 18,50
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Übersetzung: Anastasia Kamarauli
Vorwort: Juri Andruchowytsch
Verlag: Blumenbar
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 192 Seiten
Erscheinungsdatum: 21.09.2015


Rezension aus FALTER 41/2015

Labern und Vögeln in Zeiten des Krieges

August 2008: Der Georgier Zaza Burchuladze beschreibt die bizarre Parallelwelt in dem von Russland belagerten Tiflis

„Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin“ – dieses zum pazifistischen Wohlfühlspruch verhunzte Brecht-Zitat war einmal. Für den georgischen Autor Zaza Burchuladze (Jahrgang 1973), der einen Tag des russisch-georgischen Krieges im August 2008 in Tiflis beschreibt, gilt eine andere Weltklugheit: „Show me your iPod and I’ll tell you who you are.“
Fake ist alles, was den Ich-Erzähler durch die georgische Hauptstadt treibt – Trash, Partys, Ecstasy, Pornovideos. Der Protagonist erwacht, räsoniert über die Freundin der letzten Nacht: „Bobo kann alles. Ihre Pasta schmeckt hervorragend, sie hat alle folgen von ,Lost‘ gesehen und blasen kann sie wie eine Göttin: voller Hingabe und Liebe.“ Hund Aphex bekommt vom Croissant, das so gut schmeckt „wie Glenn Gould die Goldbergvariationen spielt“, nichts ab.
Im Fernsehen – Panzer, ein General dementiert, dass die russische Armee in Tiflis einmarschiert. Und: „Ich habe das Gefühl, alles fügt sich wie von selbst. Bobo will zu einem festen Bestandteil meines Lebens werden. Wie die Raufasertapete in meiner Altbauwohnung.“ Selbstredend hat der Erzähler Bobo erst am Vortag aufgegabelt.

Weiter passiert nichts. Ein Tag vergeht. Im Schwimmbad die üblichen „Gangsterwitwen mit Silikonbrüsten, cellulitegeplagte Ehefrauen reicher Geschäftsleute, schwule Techno-Jünger mit Bauchnabelpiercings“. Am Himmel, hoch oben, ein Jagdflugzeug. Der Erzähler denkt über Tattoos nach.
Vor allem wird in Tiflis gelabert. Darüber, dass Tiflis Provinz sei, Fake; über Pasolini, über „Blue Velvet“, über Musik, die angesagt oder nicht angesagt ist. Von den Plakatwänden grinst „der Präsident, der Führer, der Held“ Micheil Saakaschwili sein Blend-a-Med-Grinsen. Nina, die Ex-Freundin des Erzählers, und Moho, deren Neuer, sollen beim Vögeln gefilmt werden: „Sie wollen das. ,Du bist doch nicht eifersüchtig, oder?‘, fragt Nina.“

Krieg findet bei Zaza Burchuladze nur in kurzen Andeutungen statt: In einer Bar sitzen plötzlich zahlreiche ausländische Fotografen, georgische Offiziere haben sich um einen Amerikaner versammelt. Das durch die Luft fliegende unbekannte Objekt hält der Erzähler anfangs für eine Nachwirkung des LSD vom Vortag: „Plötzlich bleibt RF-8 in der Luft stehen. Wie eine Pupille öffnet sich die Linse zu voller Größe.“
Ein Passant schlägt mit einem Besen nach der russischen Drohne. Eine Auslandsgeorgierin auf Heimatbesuch fragt aufgeregt: „Stimmt es, dass in Tiflis Gasmasken verteilt werden, weil man einen Giftgasangriff befürchtet?“ Sie wird als Hysterikerin ignoriert.
Höhepunkt der Tageswanderung des vorwiegend mit dem mobilen Versenden von Schwanz-Fotos befassten Erzählers ist der Besuch eines Second-Hand-Ladens: „In Bezug auf Sweater sind Dries van Noten (gestrickt und cremefarben) oder der hellblaue Comme des Garcons (am rechten Ärmel ist ein ockerfarbener Fleck) viel eher zu empfehlen als Fendi.“ Nach weiteren 300 Markennamen wird auch das Rätsel des Buchtitels gelöst: „Dabei fällt dir ein, dass man dich in den Boutiqen für hundert Lari nicht mal anfurzen würde und auf dem Basar bekämst du dafür höchstens ein Paar adibas-Turnschuhe.“

Der große Showdown – Sex mit Naniko, der Frau am Ende des Tages. Eine weitere Freundin schaut dabei via Skype zu. Was, fragt der Erzähler schließlich, bedeutet es, dass all das am Tag „08/08/08“ stattfindet? Die Antwort aufgrund esoterisch-verzwickter Überlegungen zur Symbolik der männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane: „Mit dieser Logik könnte man sogar draufkommen, dass dieses Datum irgendwie mit dem Krieg verbunden ist. Jedenfalls gerade so sehr, wie der Krieg die Imitation von Sex ist, und umgekehrt, der Sex die Imitation des Kriegs. Ich spüre, dass ich bald kommen werde.“
Zaza Burchuladzes Roman spielt mit ziemlicher Verve alle nur denkbaren kaukasischen Machoklischees durch und verrennt sich dabei immer wieder in postmodernes Witzeln. Doch zu guter Letzt wird sogar noch eine Moral der Geschichte formuliert, verpackt in eine Gedichtlitanei: Es gehe um mehr Würde!
Die Frage ist nicht, was einer tut, wenn der Krieg beginnt, sondern was geschieht, wenn der über Nacht auf einmal da ist.

Erich Klein in FALTER 41/2015 vom 09.10.2015 (S. 10)


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